Das größte Übel
Kapitalismuskritik: Auf seinem neuen Album »Glanz Null« sucht Rapper Apsilon auch für uns einen »Weg hier raus«
Lars Klingbeil ist so was wie der neue Popbeauftragte der SPD, der Sigmar Gabriel unserer Zeit, doch anders als der als »Sigi Pop« verspottete ehemalige Vizekanzler, dem dieses inoffizielle Amt 2003 zufiel, wanzt sich Klingbeil, selbstermächtigt durch seine »zwei großen Leidenschaften«, Politik und Musik, an Popdeutschland heran. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Zeilen des Musikers Apsilon ihn »ein bisschen getroffen« haben, so erzählt es der SPD-Politiker in dem Podcast »Zum Dorfkrug«.
»Bitte sag ma’, Vizekanzler / Warum folgst du mir auf Insta? / Halt ma’ lieber bisschen Abstand / Ich will nichts mit denen zu tun haben / die das Land hier an die Wand fahren«, rappt Apsilon auf »Keiner von euch«, einem Stück seines neuen Albums »Glanz Null«, in dem sich der Musiker wehrt gegen die Vereinnahmung seiner Person durch all jene, die sich mit ihm schmücken wollen, ohne ihn zu verstehen.
Mit seinem Debüt »Haut wie Pelz« legte Apsilon 2024 eines der wichtigsten deutschsprachigen Alben des Jahres vor, nicht nur von der Musik-Bubble wurde er schneller, als man blinzeln kann, als neues links-politisches Zugpferd inthronisiert. Auch das liberale Feuilleton hofierte den damals 27jährigen, der wiederum erkennt, dass in Deutschland Migrantinnen und Migranten nur dann wirklich geliebt werden, wenn sie und ihre Narrative zu den Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft passen.
Apsilon, bürgerlich Arda Yolcin, hat nie Ansichten vertreten, die nur auf den ersten Blick kritisch aussehen und bei genauerem Hinhören in angepasste, zahnlose Allerweltskritik eines Düsseldorfer Punkrocksängers, der mittlerweile dem britischen König Charles II. die Hand schüttelt, zerfallen.
»Lieber schlechte Haltung, dafür Rückgrat«, stellte Apsilon bereits 2022 im Song »Druck« klar. Er ist sich treu geblieben, wird lieber ausgeladen »bei ’nem Festival, weil man seine Fresse aufmacht zu Palästina«, als sich den Mund verbieten zu lassen. Der Künstler will und wollte nie Everybody’s Darling sein; dass sich trotzdem »blonde Kids in der ersten Reihe« (»Sommermärchen«) auf seinen Konzerten wiederfinden, liegt daran, dass Apsilon einen gemeinsamen Gegner ausgemacht hat: den Kapitalismus als das größte Übel unserer Zeit. Denn die Marktwirtschaft durchdringt jeden Bereich unseres Lebens – das der migrantischen Bürger noch mal mehr, als das der anderen. Durchdringt die Liebe, durchdringt uns selbst. Die Konflikte in seinem Inneren sind unsere Konflikte.
Kapitalismus führt zu Krieg, zu Ausbeutung, fördert Rassismus. Kapitalismus verunsichert, frustriert, macht einsam. Für Menschen, die nicht die Mehrheitsgesellschaft bilden, bedeutet diese Form wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ordnung einen noch größeren Kampf um Anerkennung, und einen ewig währenden: »Wie schnell muss ich rennen, damit die Sonne nie untergeht?« fragen Apsilon und Summer Cem im Song »Rennen«. Summer Cem, bereits seit über 20 Jahren aktiv, ist noch nie so nachdenklich zu hören gewesen wie hier. Und auch Ikkimels Gastauftritt zeigt »Mami Ikki« von einer kaum bekannten Seite.
Apsilon erzählt die klassische Geschichte migrantischen Raps, die Geschichte von Entbehrung, von Träumen, dem Wunsch nach Zugehörigkeit, nach Anerkennung, die Geschichte vom Kampf ums Überleben, so berührend, wie sonst niemand. Es ist seine Geschichte und unsere, nicht nur, weil er die eigene biographische Erzählung einbettet in den größeren, gesellschaftlichen Rahmen, der uns alle betrifft. »Das Private ist politisch, das Politische ist privat«, wussten schon die Spontis. Am eindrücklichsten gelingt diese Erzählung im Stück »Sommermärchen«.
Dort führt Apsilon die Schilderung der Heim-WM 2006, auf die er sich als Neunjähriger im Ballack-Trikot freut, und die NSU-Morde zusammen, von denen mehrere in jenem Sommer geschehen, in dem Sommer, in dem auch er Deutscher sein darf. Wir erfahren, dass der Dortmunder Kioskbesitzer Mehmet Kubaşık an Ardas neuntem Geburtstag ermordet wurde – und er fast 20 Jahre später zufällig dessen Tochter trifft. In einer Welt, in der es immer schwerer wird, sich zurechtzufinden, sucht Apsilon auch für uns den »Weg hier raus«. Diese »apokalyptische Grundstimmung«, die über allem liegt, habe den Schreibprozess entscheidend beeinflusst, sagt er. Er gibt nicht auf: »Es muss ihn noch geben, ja, einen Weg hier raus / Ich muss ihn nur sehen, einen Weg hier raus.«
Apsilon: »Glanz Null« (Urban)
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