junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Gegründet 1947 Donnerstag, 16. April 2026, Nr. 88
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
junge Welt - 2 Wochen gratis testen! junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Aus: Ausgabe vom 02.03.2026, Seite 12 / Thema
Philosophie

Erst einmal die Welt bewahren

Ein scharfer Kritiker von atomarer Bewaffnung und Genoziden. Günther Anders’ kritische Theorie der Neuzeit
Von Gerhard Hanloser
12-13.jpg
Im Gegensatz zu anderen Intellektuellen hatte Anders keine Berührungsängste mit der rebellierenden Jugend. Vietnamkongress an der TU Berlin, 1968

Dieses Jahr könnte ein Anders-Jahr sein, denn vor 70 Jahren veröffentlichte der Philosoph, Schriftsteller und Sprachkritiker Günther Anders (1902–1992) den ersten Band seines Hauptwerkes »Die Antiquiertheit des Menschen – über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution«.¹ Das Buch, elf Jahre nach dem Bombenabwurf von Hiroshima veröffentlicht, stellt mehr dar als einen ersten Entwurf seiner Technikphilosophie. In seiner Auseinandersetzung mit dem technischen Fortschritt kommt Anders zu dem Ergebnis, dass der Mensch vom Beherrscher zum Diener seiner Apparate geworden ist. Damit verbunden ist die Diagnose einer Dialektik im Stillstand, wenn nicht sogar des Endes jeder Dialektik.

Günther Anders wird gemeinhin der Kritischen Theorie rund um Theodor Adorno und Max Horkheimer zugeordnet. Zu diesen hatte er jedoch immer ein mehr als gespanntes Verhältnis. Freundschaftlich verbunden war Anders dagegen mit Herbert Marcuse und Ernst Bloch. Bertolt Brecht verschaffte ihm im Jahre 1931 einen Job im Feuilleton des Berliner Börsen-Couriers. In den 1940er Jahren traf er Anders zusammen mit Hanns Eisler im US-Exil bei Diskussionsveranstaltungen des ebenfalls umgesiedelten Instituts für Sozialforschung wieder. Wie einige andere Exilanten stand er in einem prekären Abhängigkeitsverhältnis zu dem Institut.

Anders entstammte, wie die meisten Vertreter der später Kritische Theorie genannten Denkschule, einem bürgerlichen säkular-jüdischen Milieu. Mendelssohn, Heine, Marx und Einstein betrachtete er als seine geistigen Vorfahren, wie er es in seiner Schrift »Mein Judentum« von 1974 formulierte. Für ihn bedeuteten die Machtübernahme der deutschen Faschisten und der Völkermord an den europäischen Juden eine doppelte Niederlage, die auch zur Entfremdung von der deutschen Arbeiterklasse führte, die nicht in der Lage gewesen war, die Barbarei zu stoppen.

Freiburger Existenzialdüfte?

Günther Anders war der radikalste Denker der Kritischen Theorie – gleichzeitig entfernte er sich sogar noch weiter vom Marxismus als etwa Adorno und Marcuse. Zwar war sein Denken maßgeblich auch von Marx und Lukács geprägt, doch entstammte er eigentlich einer anderen Philosophietradition. Der als Günther Siegmund Stern in ­Breslau (heute: Wrocław) geborene Schriftsteller hatte bei Ernst Cassirer, Erwin Panofsky und ­Edmund Husserl sowie in Marburg auch bei Martin Heidegger studiert. Letzterer versprach in den 1920er Jahren, eine Philosophie des »Konkreten«, eine Denkbewegung »hin zu den Dingen«, zu ermöglichen. Doch die Existenzialontologie Heideggers mit ihrem prätentiösen Pathos durchschaute Anders wie auch Horkheimer und Marcuse als falsches Denken voller Pseudokonkretheit.

Bereits Ende der 1920er Jahre spottete Anders über Heideggers »Baum-Philosophie« und »Wurzel-Anthropologie«. Mit dem Anthropologen Helmuth Plessner erkannte er, dass der Mensch von Natur aus künstlich und konstitutiv heimatlos sei, daher seine Welt als Kultur selbst erschaffe. Folgerichtig formulierte Anders im ersten Band von »Die Antiquiertheit des Menschen«, dass wir nicht »vor der Folie von Bienen, Krabben und Schimpansen, sondern der von Glühbirnenfabriken und Rundfunkapparaten« leben. Trotzdem wollte Adorno noch in Texten von Anders aus den 1950ern und 1960ern »Freiburger Existenzialdüfte« vernommen haben – ein unfaires Urteil. Die Kulturhistorikerin Anna Pollmann weist in einem Aufsatz von 2020 auf die gewaltige Reflexionsarbeit hin, die Anders leistete und die es ihm ermöglichte, sich deutlich von Heidegger abzusetzen: »Die Existenzialontologie war ihnen (gemeint ist Günther Anders, aber auch seine zeitweise Ehefrau Hannah Arendt, G. H.) gerade in ihrer Hinwendung zur faktischen Existenz als eine faszinierende philosophische Reaktion auf die krisenhaften Weimarer Jahre erschienen. Dass ihr Urheber sie später mit dem nationalsozialistischen Tatdenken übereinzubringen vermochte, zwang in besonderem Maße seine jüdischen Schüler sowohl zu einer kritischen Bestandsaufnahme ihres persönlichen Verhältnisses als auch zu philosophischer Abgrenzung. Wie ernst es Anders mit seiner eigenen ›Deheideggerisierung‹ war, dokumentieren mehrere hundert Seiten umfassende Manuskripte und Typoskripte, in denen Anders gerade daran gelegen war, den ›geschichtlichen Augenblick‹ zu bestimmen, in dem Heideggers Philosophie so populär werden konnte.«

Prometheische Scham

Anders’ Philosophie ist eine Zivilisationskritik, die sich auch am Materialismus orientierte. Rückte im Gefolge von Lukács die Frage nach dem Bewusstsein und der Verdinglichung ins Zentrum der Kritischen Theorie und des »westlichen Marxismus«, so führte seine Beschäftigung mit Technik Anders wieder zurück zu Fragen der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse. So könnte man trotz der für Marxisten untypischen Sprache, der sich Günther Anders befleißigte, sagen, dass er durchaus materialistisch bei den Produktionsbedingungen der Neuzeit ansetzte, genauer: bei der Verschränkung von Kapital, Technik und dem Bewusstsein der die technischen Apparate erfindenden und bewegenden Menschen.

Verfügt bei Marx der Arbeiter über das »enorme Bewusstsein«, weil er in der Kooperation der großen Fabrik bereits produktiv und praktisch tätig ist und den anarchischen Charakter der kapitalistischen Produktion zu durchschauen fähig ist, so ist Anders von dieser Einsicht und Macht der Produzenten kaum mehr überzeugt. Anders analysiert die Moderne weniger als ideologischen Verblendungszusammenhang denn als objektive Maschinerie, in der Menschen funktionalisiert, fragmentiert und moralisch entlastet werden. Auschwitz und Hiroshima erscheinen ihm nicht als Zivilisationsbrüche, sondern als konsequente Resultate einer kapitalistisch-technischen Rationalität, die Produktion vom Gebrauchswert, das Mittel vom Zweck und das Handeln von Verantwortung trennt.

Die Produktivkraft ist nie neutral, wie Anders in »Die Antiquiertheit des Menschen« zeigt. Die zentrale These in seinem Hauptwerk lautet: Die Produktivkräfte haben sich derart verselbständigt, dass der Mensch nicht mehr Subjekt, sondern Anhängsel der Apparate geworden ist: »Wir sind kleiner als wir selbst, nämlich kleiner als das, was wir herstellen.« Gegenüber dem mythischen Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte und damit auch Handwerk und Technik ermöglichte, muss sich ein heutiger Prometheus – etwa in Gestalt von im Getriebe der großen Industrie vor sich hin werkelnden Ingenieuren – dauernd fragen: »Wer bin ich schon?« In dem Hinweis auf diese »Größenverschiebung« und der Distanz zu den Wirkungen der Geräte, an denen man arbeitet, besteht sicherlich auch die Aktualität von Anders’ Technikkritik. Man denke nur an das heutige Militärwesen, in dem das Töten durch ferngesteuerte oder von KI gelenkte Drohnen erledigt wird.

Mit Anders wird deutlich, dass der Mensch nicht zu schwach, sondern die Produktionsweise zu mächtig geworden ist. Er ging davon aus, dass der Mensch gegenüber der hypermodernen verselbständigten Technik zu einer antiquierten Erscheinung wird. Dies löse eine »prometheische Scham« aus – als Ausdruck des entfremdeten Verhältnisses des Produzenten zu seinem Produkt: »Der Mensch schämt sich vor der Perfektion seiner Produkte, weil er selbst nicht so perfekt ist wie das, was er gemacht hat.« Anders’ Theorie verzichtet auf eine Klassenanalyse und weist damit einen erheblichen Mangel auf, denn auch Scham und Moral sind klassenbedingt. Ist die Diagnose der Scham zweifelhaft, so sind Anders’ Darstellungen der Anpassungsbereitschaft des modernen Menschen durchaus bedenkenswert. An die Stelle von Klassenbewusstsein und Widerstand trete die Identifikation mit der Maschine – ein Prozess, den man als subjektive Seite der Verdinglichung lesen kann und der exemplarisch jeden Morgen in der U-Bahn bei den Mitfahrenden zu beobachten ist, wenn sie auf ihren Smartphones herumwischen und gebannt auf die kleine Kiste starren.

Praxis gegen den Tod

Besonders scharf kritisierte Anders die atomare Unvernunft. Hiroshima ist für ihn kein singuläres militärisches Ereignis, sondern der objektive Beweis, dass der Kapitalismus die Möglichkeit der totalen Vernichtung hervorbringt. Eine Blindheit greife um sich, es werde verkannt, dass die Menschheit zum kollektiven Selbstmord fähig sei. Die alles zerstörende Atombombe sei die aktuellste Form des Nihilismus. »Dass wir die Apokalypse herstellen können, ohne sie vorstellen zu können, das ist unsere eigentliche Schuld«, so Anders. Dieser »Schuld«-Begriff sollte weniger moralpsychologisch gelesen werden. Schuld an der Apokalypse entsteht aus einer Produktionsweise, in der Arbeit geteilt, Verantwortung fragmentiert und Folgen externalisiert werden.

Im literarischen Bereich stand der Schriftsteller Heinar Kipphardt mit seinem dokumentarischen Theater zu »Oppenheimer« und seinen Reflexionen über die Verantwortung von Wissenschaftlern und Bürokraten im genozidalen Kapitalismus solchen philosophischen Überlegungen nahe. Anders war Stichwortgeber der Antiatombewegung und forderte zu Praxis und Engagement auf. Der pessimistische Zug seiner Theorie sollte keineswegs zu Resignation führen. In seiner Schrift »Die atomare Drohung. Radikale Überlegungen zum atomaren Zeitalter«, verkündete er: »Wenn ich verzweifelt bin, was geht’s mich an! Machen wir weiter, als wären wir es nicht!« Dabei schöpfte er aus einem anderen Geist des Aktivismus als beispielsweise sein Freund Ernst Bloch, der sich dem »Geist der Utopie« und dem »Prinzip Hoffnung« verschrieben hatte. Die beiden schätzten einander sehr, wie ihr Briefwechsel beweist. Bloch setzte sich 1949/50 für eine Professur Anders’ an einer Universität der DDR ein, ins Auge gefasst waren Leipzig, Berlin, Halle oder Jena. Eine Berufung kam allerdings nicht zustande.

Dass Anders in die doch recht fortschrittsoptimistische Wissenschaftslandschaft des Sozialismus gepasst hätte, mag man mit guten Gründen bezweifeln. Er selbst stellte in einem Interview fest, dass er »unter Allergie gegen stereotype philosophische Schulausdrücke« leide. Blochs und Anders’ jeweilige Denkweise und Haltung zur Welt blieben den beiden wechselseitig fremd. Dabei stand für beide Philosophen der Begriff der Apokalypse im Zentrum ihres Denkens, im Grunde waren beide eschatologische Theoretiker. Nur dass für Bloch im apokalyptischen Denken stets das Gegenteil: die Erlösung, der utopische Entwurf enthalten ist, während für Anders die gegenwärtige Epoche als Endzeit im Vordergrund steht. Angesichts der umfassenden Technisierung und der Bedrohung durch die Destruktivkräfte des Kapitalismus orientierte Anders auf eine Erhaltung der Welt hin. So formulierte er auch Marx’ bekanntes Zitat um und erklärte: »Heute genügt es nicht, die Welt zu verändern, es kommt darauf an, sie erst einmal zu bewahren.« War Anders damals der Denker der Antiatombewegung, so könnte er heutzutage intellektueller Bezugspunkt radikaler Klima- und Umweltbewegungen sein.

Wider die »Aktionsaskese«

Das radikal Konservative von Anders stand wiederum einem internationalistischen und antiimperialistischen Aktivismus nicht im Weg. Seine klare Positionierung straft jene wie etwa den italienischen Philosophen Domenico Losurdo Lügen, die behaupten, die Kritische Theorie oder der gesamte »westliche Marxismus« lasse antikoloniales und antiimperialistisches Engagement vermissen. Im Kontext von 1968 beteiligte sich Günther Anders aktiv an den sogenannten Russell-Tribunalen, die die US-Kriegsverbrechen in Vietnam dokumentierten und öffentlich machten (benannt nach dem Initiator, dem britischen Philosophen Bertrand Russell, jW). Für Anders war Vietnam kein »Fehler« der US-Politik, sondern Ausdruck eines globalen imperialistischen Systems: »Vietnam ist kein Ausrutscher, sondern die Regel einer Weltordnung, die ihre Gewalt exportieren muss, um zu bestehen.«

Mit diesem klar antiimperialistischen Standpunkt stand Anders revolutionären Marxisten näher als der eher kulturkritischen Frankfurter Schule. Tatsächlich – und darin hat Losurdo recht – wurden Horkheimer und Adorno in den 1950er Jahren Teil des BRD-Establishments. Anders wollte dagegen Störenfried bleiben – worin er sich wiederum mit Herbert Marcuse einig war. Anders hatte sich Horkheimer schon im Exil entfremdet, auch an Adorno rieb er sich beständig. Er hielt den Frankfurter Institutsherren »Aktionsaskese« vor, wenn diese zu den rebellierenden Studenten der 1960er auf Abstand gingen. Bereits 1963 schrieb Anders in einem Brief an Adorno: »Es ist schwer, sich des Eindrucks zu erwehren, dass Sie sich, anerkannt als offiziell zugelassener Papst der Radikalität, in der ominösen und jämmerlichen Deutschen Bundesrepublik doch irgendwie häuslich eingerichtet haben.« Mitte Mai 1966 kam es zu einem Treffen zwischen Adorno und Anders in Wien, das letzterer protokollierte. Adorno macht darin keine gute Figur. Er habe sich mehrmals abfällig über Brecht geäußert und ihn als »Terroristen« bezeichnet, worauf Anders antworte, Adornos verklausulierte Texte seien selbst in der Art terroristisch, dass sie mit ihrem dunklen und prätentiösen Sprachstil den Leser sadistisch traktieren würden. Auf die Vorhaltungen, warum Adorno den in Frankfurt stattfindenden Vietnam-Teach-Ins der protestierenden Jugend fernbleibe, antwortete dieser, es sei nicht sein Stil, hinter Fahnen herzulaufen und Leute auf die Straße zu schicken. Anders antwortete, auch Marcuse und er marschierten nicht hinter Fahnen her, man könnte auch vor Fahnen oder als Fahne marschieren, und fragte, was Adorno denn gegen die Straße habe.

Anders’ Radikalität wird besonders deutlich in seiner Hinwendung zur revolutionären Jugend. Mitte Februar 1968 formulierte er eine Grußbotschaft an den vom 17. bis 18. Februar in Westberlin stattfindenden Internationalen Vietnamkongress, der vom SDS Westberlin veranstaltet wurde. Sein Beitrag hat vor dem Hintergrund genozidaler Kriege wie jenem Israels gegen Gaza eine große Aktualität.

Er spreche von einem Genozid, schrieb Anders und führte aus: »Ein deutsches Blatt hat gefunden, es sei unerhört, den Vietnamkrieg mit Auschwitz in einem Atem zu nennen. Ganz abgesehen davon, dass es absurd ist, wenn Menschen darüber empört sind, dass Untaten anderer mit ihren eigenen Untaten gleichgesetzt werden, läuft diese Verteidigung der amerikanischen Moral auf Scheinheiligkeit hinaus. Denn Genozid muss nicht unbedingt in der gezielten Ausrottung von Völkern, Rassen oder gesellschaftlichen Gruppen bestehen. Der Genozid-Typ, für den Hitlers methodische Liquidierungen der Juden, der Zigeuner und der osteuropäischen Intelligenzia in eigens dafür gebauten Installationen die Beispiele darstellen, mag zwar der klassische Genozid-Typ sein, aber er ist nicht der einzige. Es ist wahr, dass die Amerikaner in Vietnam nicht programmatisch und in erster Linie an der Ausrottung der Vietnamesen interessiert sind, dass vielmehr andere Ziele für sie im Vordergrunde stehen, z. B. die politisch-strategische Beherrschung von Gebieten, deren Verwandlung in Ödland, namentlich die Warnung kolonialer oder halbkolonialer Völker vor Freiheitskriegen etc. Aber diese Tatsache spielt bei der Beantwortung der Frage, ob es sich in Vietnam um Genozid handle oder nicht, nicht die ausschlaggebende Rolle, entscheidend ist nicht, ob die Liquidierung programmatisches Ziel ist oder nur ein Mittel. Auch wer die Liquidierung nur als ein Mittel verwendet, wer sie nur deshalb durchführt oder nicht vermeidet oder auch nur in Kauf nimmt, weil sie das militärisch wirksamste oder wirtschaftlichste oder propagandistisch erfolgreichste Mittel zur Erreichung anderer Ziele darstellt, auch der begeht Genozid. (…)

Früher hatte es als Regel gegolten, dass allein militärische Ziele vernichtet werden durften. Nunmehr hat sich die Situation auf den Kopf gestellt. Denn heute wird umgekehrt jedes Objekt, das zerstört werden kann, automatisch als ›militärisches Ziel‹ klassifiziert und für Zerstörung ›in Schutz genommen‹. So in den ›Fundamentals of Aerospace Weapons Systems‹, dem am 20. Mai 1966 herausgebrachten Handbuch der US Air Force. Und es ist gewiss kein Zufall, dass dort bei der Aufzählung zerstörbarer Objekte als erste Objektart ›Personen‹ genannt wird. Da Zerstörbarkeit eines Dinges als Rechtfertigung dafür, dass man es ›fertigmachen‹ darf, in Anspruch genommen wird, und da zu den heute zerstörbaren Objekten ganze Völker gehören, läuft die in dem Handbuch veröffentlichte Regel auf eine Proklamation des Völkermordes als Mittel heraus.

Natürlich ist es denkbar, dass Kriegführende, die Genozid im zweiten Sinne (also nicht als Ziel, sondern als Mittel für die Bewerkstelligung anderer Ziele) begehen, erfolglos bleiben – worunter ich verstehe, dass die prospektiven Opfer doch noch Mittel und Wege finden, um sich zu schützen und um der Vernichtung zu entgehen –, was wirklich in Vietnam der Fall zu sein scheint, da ja trotz des enormen Quantums der dort konzentrierten und eingesetzten tödlichen Waffen die Zahl der Todesopfer bis heute noch relativ niedrig geblieben ist, jedenfalls mit der Zahl der Opfer der Flächenbebombungen des Zweiten Weltkrieges nicht verglichen werden kann. Nichtsdestoweniger müssen diese Akte natürlich als ›genozidal‹ klassifiziert werden, denn die Erfolglosigkeit eines Mörders hat ja dessen moralische Qualitäten noch niemals um eine Spur besser gemacht. Nicht die Zahl der Toten zählt, sondern die Absicht des Tötenden.

Aber wozu all diese Überlegungen? Wie furchtbar es auch sein mag, dass genozidale ABC-Waffen hie und da eingesetzt werden, noch furchtbarer ist es, dass es heute keine Aggression mehr gibt (auch keine mit sogenannten ›konventionellen Waffen‹), die nicht virtuellen Völkermord darstellte. Solche Aggression gibt es deshalb nicht, weil die ›konventionell‹ Angegriffenen sehr gut wissen, genausogut wie die Angreifenden, dass sie, sofern sie nicht nachgeben, mit Eskalation zu rechnen haben und dass jede Eskalation in der Verwendung genozidaler Mittel gipfelt, dass also jeder Angriff, den eine ABC-Macht gegen eine Nicht-ABC-Macht unternimmt, einem Ultimatum gleichkommt, dem Entweder-Oder zwischen Kapitulation und Untergang. Die heute rechtmäßige Frage lautet nicht etwa: ›Ist der heutige Krieg Völkermord?‹, sondern: ›Gibt es heute noch Angriffskriege, die nicht Völkermord sind?‹ beziehungsweise: ›Gibt es heute noch Angriffskriege, die nicht davon leben, dass sie mit Völkermord drohen?‹

Nun wissen wir also, wogegen wir kämpfen. Nicht nur gegen irgendeinen beliebigen partikularen Krieg, ›weit hinten in der Türkei‹. Wir sind nicht Pazifisten alten Stils. Was es heute zu bekämpfen gilt, ist vielmehr die Situation, in der sich imperialistische Angriffskriege – heute also vor allem der täglich eskalierte Angriffskrieg gegen Vietnam – in Aktionen verwandeln, die der Kategorie ›Krieg‹ so wenig zugehören, wie die den Untergang nach sich ziehenden Atomwaffen heute noch der Klasse Waffen zugehören. Wie naheliegend und wie berechtigt dieser Vergleich ist, das hat sich ja gerade vor ein paar Tagen wieder mit aller Deutlichkeit herausgestellt, da ja der Einsatz von mindestens taktischen Atomwaffen in Vietnam vor dem Verteidigungsausschuss des amerikanischen Senats verlangt worden ist, und das nicht etwa von irgendwem, sondern von dem Chef des Vereinigten Generalstabs der USA, General Wheeler. So weit wären wir also wieder. Und weil wir so weit sind, muss der Kampf nun tatsächlich so breit, so weltweit werden, wie der Kampf gegen Hitler einmal gewesen war.«²

Nicht zu entschuldigen

Im Jahr 1982 schickte Anders einen Brief an die Israelitische Kultusgemeinde Wien. Darin erklärte er seinen Austritt aus der Gemeinde. Ihn empörten die Greueltaten der israelischen Streitkräfte im Libanon. Mehr noch entrüstete ihn das Schweigen der offiziellen jüdischen Gemeinden. Sein damaliger Brief wurde in der westdeutschen marxistischen Zeitschrift Das Argument, Nummer 136, dokumentiert. Anders verweist darauf, dass es ihm auf einem Kongress in Warschau gelungen war, arabische Vertreter dazu zu bringen, einen Kranz für die jüdischen Toten auf die Stufen des Ghettodenkmals zu legen, wo er sprach. Wenn er nun also erkläre, dass er beschlossen habe, die lokale Gemeinde zu verlassen, könne dieser Schritt nicht mit »jüdischem Selbsthass« abgetan werden, den er tief verabscheue. Er verwies darauf, dass seine Familie in Israel lebe und ausschließlich aus Israelis bestehe, ebenso erwähnte er einen Besuch in Jerusalem, der ihm unvergesslich bleibe. Doch was Menachem Begin jetzt getan habe, sei jenseits von allem, was noch als »Vergeltung« oder »Selbstverteidigung« gerechtfertigt werden könnte.

Heutzutage wäre Anders im Land der »Staatsräson« wohl ein Verfemter. Der ab 1950 dauerhaft in Wien Lebende war ein Denker gegen den Genozid. In den 1980er Jahren provozierte er sowohl das Establishment als auch Teile des alternativen linken Milieus mit Überlegungen zu Notwendigkeit und Legitimität eines Widerstands mit allen Mitteln gegen jene, die massenhaft töten. Hätten die Aktivisten der damaligen Roten Armee Fraktion (RAF) seine Bücher gelesen, hätten sie in Anders einen Bruder im Geiste erkannt. Anders starb mittellos am 17. Dezember 1992 in Wien und wurde in einem ehrenhalber gewidmeten Grab auf dem Hernalser Friedhof in Wien beigesetzt.

Anmerkungen

1 Das Frankfurter Institut für Sozialforschung hat unter dem Titel »Kritische Theorie der Endzeit. Günther Anders als Denker der Gegenwart« am 19. und 20. Februar 2026 einen Kongress zur Aktualität des kritischen Theoretikers ausgerichtet.

2 Die ganze Grußbotschaft siehe: https://kurzlinks.de/awyl

Gerhard Hanloser verfasste an dieser Stelle zuletzt am 5. Februar 2026 eine Kritik an der Polemik der Soziologin Eva Illouz gegen die palästinasolidarische Linke: »Vernarrt in Narrative«

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (2. März 2026 um 16:21 Uhr)
    Günther Anders hat die »DIE ANTIQUIERTHEIT DES MENSCHEN« seinem Vater gewidmet, daraus: »In Erinnerung an ihn, der den Begriff der Menschenwürde dem Sohne unausrottbar eingepflanzt hat, sind diese traurigen Seiten über die Verwüstung des Menschen geschrieben worden.« Als Anders seine Grußbotschaft an den Internationalen Vietnamkongress formulierte, war ich noch nicht ganz neunzehn Jahre alt und machte die ersten politischen Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg und dem Kampf gegen die Notstandsgesetze. Heute muss ich erschüttert feststellen, dass bewusstseins- und bewegungsmäßig kaum noch etwas übrig geblieben ist aus dieser Zeit. Gerhard Hanloser ist es hervorragend gelungen, die Bezüge zur heutigen Zeit aufscheinen zu lassen. Die Antisemitismuskeule hat damals noch nicht so funktioniert wie heute, war aber im Kern schon da. Klassenartiges Bewusstsein kam hie und da noch zum Vorschein, in den Gewerkschaften war noch bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts vom Interessengegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital die Rede. Dass er »unter Allergie gegen stereotype philosophische Schulausdrücke« litt, macht ihn für mich sehr sympathisch. Mehr von solchen Themen, wenn es die aktuelle Lage erlaubt!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinz-Joachim R. aus Berlin (1. März 2026 um 19:54 Uhr)
    Gibts derzeit nichts wichtigeres, wie in der 11. These über Feuerbach von Karl Marx mahnend vermerkt, »Die Philosophen haben die Welt verschieden interpretiert, doch es kömmt darauf an, sie zu verändern.«? Denn trotz Anders ist die Welt doch anders.

Ähnliche:

  • »Den Ablauf des Maskenballs haben die Gastgeber, den akademische...
    05.08.2023

    Denk’ ich an Frankfurt in der Nacht …

    Wolfgang Martynkewicz erzählt in »Das Café der trunkenen Philosophen« wilde Sach- und Lachgeschichten aus der Welt des Geistesadels
  • Für die Zustände in den »zivilisierten Staaten« hatten Adorno un...
    03.02.2021

    Leerstelle Antikolonalismus

    Vorabdruck. Den Blick nicht aufs Ganze gerichtet: Die Faschismusanalysen Horkheimers und Adornos blenden die Vorgeschichte von Sklaverei, Rassismus und imperialistischer Expansion aus
  • Leo Löwenthals Studie »Falsche Propheten« von 1949 ist heute akt...
    20.01.2018

    Kritik des Falschen

    Vor 25 Jahren starb der Mitbegründer der Kritischen Theorie Leo Löwenthal. Als Nestor der Literatursoziologie und Erforscher des Rechtspopulismus hat er noch heute Bedeutung