Nichts ist okay auf dem Wohnungsmarkt
Von Oliver Rast
Alles halb so wild, alles nicht so dramatisch. Wirklich? Die Situation auf dem Berliner und Brandenburger Mietwohnungsmarkt. Das finden jedenfalls die Verfasser des Wohnungsmarktmonitors 2025 des Verbandes der Berlin-Brandenburgischen Wohnungsunternehmen (BBU). Viele Wohnungen würden weiterhin deutlich günstiger vermietet, als es die Berichterstattung und öffentliche Wahrnehmung vermuten ließen, meinte BBU-Vorständin Maren Kern am Dienstag bei der Vorstellung der Verbandsdaten. Mehr noch: »Wer nur auf die lautesten Preissignale schaut, übersieht wichtige Teile des Marktes« – und riskiere Entscheidungen, die unerfüllbare Erwartungen weckten, Vertrauen beschädigten und wohnungspolitisch kaum zielführend seien.
Unverkennbar: Kern spielt auf die Debatte um die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände und die Entwürfe zu einem Wohnraumbewirtschaftungsgesetz im Berliner Wahlkampf an. Kern weiter: »Entscheidend ist, dass wir uns auf wirksame Instrumente konzentrieren.« Statt neuer landesrechtlicher Experimente brauche es vor allem die konsequente Anwendung der Gesetze »und eine kluge Weiterentwicklung des bundesweiten Mietrechts«.
Zum Zahlenwerk: BBU-Vermieter in der Bundeshauptstadt erhöhten im vergangenen Jahr abermals die Mieten – zugleich bleibt die Kluft zwischen Bestands- und Neuvermietungen groß. Laut dem BBU zahlten Mieter in bestehenden Mietverhältnissen im Schnitt 7,10 Euro netto kalt pro Quadratmeter, ein Plus von 3,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Neu abgeschlossene Verträge lagen mit durchschnittlich 9,50 Euro pro Quadratmeter deutlich höher und verzeichneten einen Anstieg von elf Prozent. Bei Neubauwohnungen erreichen die Preise mittlerweile mehr als 13 Euro pro Quadratmeter.
Und wie sieht die Lage in der alten Mark aus? In Brandenburg klafft die Mietschere weit auseinander – vor allem zwischen dem boomenden Berliner Umland und den abgelegenen Landkreisen. Die höchsten Bestandsmieten werden laut BBU weiterhin in Potsdam verlangt: durchschnittlich 6,97 Euro pro Quadratmeter (2024: 6,76 Euro). Am unteren Ende der Preisskala liegt der Landkreis Elbe-Elster mit 5,18 Euro pro Quadratmeter (2024: 5,08 Euro). Auch bei Neuvermietungen bleibt Potsdam Spitzenreiter: 8,72 Euro pro Quadratmeter (2024: 8,16 Euro). Elbe-Elster bildet erneut das Schlusslicht mit 5,83 Euro pro Quadratmeter (2024: 5,78 Euro).
Die regionalen Unterschiede sind also erheblich. Doch wie bewerten Mieterorganisationen die Daten des BBU, der größtenteils genossenschaftliche und landeseigene Unternehmen vertritt? Die Berliner Mietergemeinschaft (BMG) will sich mit hohen Nettokaltmieten in der Bundeshauptstadt nicht abfinden. Zumal bei gewerblichen Anbietern, die nicht zum BBU gehören, der durchschnittliche Quadratmeterpreis bei Mietwohnungen bei 18,86 Euro liegt. Deshalb verlangt die BMG vom »schwarz-roten« Senat ein resolutes Durchgreifen gegen Mietpreisüberhöhungen und wirksame Eingriffe in den überlasteten Wohnungsmarkt. BMG-Vorstand Marek Schauer erklärte dazu am Mittwoch gegenüber jW: »Wohnraumversorgung darf keine möglichst profitable Ware sein, sie gehört zur sozialen Daseinsvorsorge.« Um den Berliner Wohnungsmarkt nachhaltig zu entspannen, brauche es außer verschärfter Mietpreiskontrolle auch die Vergesellschaftung der Bestände großer Immobilienkonzerne und ein ambitioniertes Programm für den Neubau dauerhaft preisgebundener Wohnungen in unmittelbarer kommunaler Trägerschaft.
Positionen, die die Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus unterstützt. So etwa Niklas Schenker. Die Mietentwicklung in der Stadt sei »schockierend«, betonte der Fraktionssprecher für Mieten, Bauen und Wohnen am Dienstag in einem Statement. Und wenn der BBU gegen »schwarze Schafe« auf dem Wohnungsmarkt vorgehen wolle, könne er bei seinem Mitgliedsunternehmen beginnen. Denn Verbandsmitglieder wie Vonovia und Covivio verstießen »systematisch gegen geltendes Recht, ohne dass die BBU bislang Konsequenzen daraus zieht.« Welche beispielsweise? Dreiste Vermieter aus dem Verband zu werfen.
Was bleibt? Der Befund, so Schenker: »In Berlin herrscht Wohnungsnot, und die Zahlen des BBU belegen dies.« Also: Nichts ist okay.
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