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14.03.2026
- → Feuilleton
Von welchen Lehrern soll man lernen?
Ein neuer Band mit Schriften des Juristen und Rätekommunisten James Broh
James Broh ist heute ein Unbekannter. Das muss auch Gregor Gysi zugeben, der das Vorwort zu einem vor kurzem von Norbert Kozicki und Karl-Heinz Kaiser in der edition bodoni veröffentlichten Band über den rätekommunistischen Aktivisten, umtriebigen Rechtsanwalt des revolutionären Lagers und genauen Chronisten des deutschen Faschismus beigesteuert hat. Der 1867 geborene Broh entstammte einer bürgerlichen jüdischen Familie aus Perleberg in Brandenburg. Als Sozialdemokrat organisierte und leitete er viele Versammlungen der Berliner Arbeiterjugend. Um die Novemberrevolution 1917 trat er in die USPD ein und verschrieb sich restlos dem Rätegedanken als der »endlich gefundenen politischen Form«, wie Marx die Kommune bezeichnete.
Folgerichtig trat Broh 1920 in die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands ein und wurde Vertreter der Allgemeinen Arbeiterunion, zusammen mit Franz Pfemfert, dem Herausgeber der linksradikal-expressionistischen Zeitschrift Die Aktion, und Otto Rühle, Bildungsreferent der Gemeinschaft proletarischer Freidenker. Die Bedingungen für die Aufnahme in die neugegründete Kommunistische Internationale lehnten sie ab und starteten eine Kampagne gegen die russische »Parteidiktatur«. Zu einem Zerwürfnis kam es zwischen Broh und Pfemfert auf der einen und Rühle auf der anderen Seite, weil letzterer die Individualpsychologie Alfred Adlers als Erkenntnismethode adaptieren wollte und eine stärkere Erziehung des Proletariers zu nichtautoritärem Verhalten einforderte. In seinem Buch »Die Seele des proletarischen Kindes« von 1925 entwickelte Rühle mit dem Begriff der proletarischen Protestmännlichkeit eine frühe Habitustheorie.
Diese Auseinandersetzung lässt sich mittels der Textsammlung »Raus aus der marxistischen Orthodoxie?« gut nachvollziehen, die bei Syndikat A erschienen ist. Broh lehnte Rühles Überlegungen, auch von »bürgerlicher Wissenschaft« zu lernen, kategorisch ab: »Wollen wir unseren Kampf in dieser Weise mit der ganz unmöglichen Erziehung der heutigen Charaktere verzetteln, so würden wir denselben Fehler machen wie Ludendorff, der Deutschland in Syrien, Bagdad, Persien, Ukraine und sonstwo noch zu verteidigen angab.« Als viel geforderter Rechtsanwalt für die revolutionäre Linke konnte er glänzen. 1921 vertrat er in Berlin einen »Siegessäulenattentäter«, verteidigte Max Hoelz und übernahm im sogenannten Horst-Wessel-Prozess von 1930 die Verteidigung eines Nebenangeklagten.
Zu dieser Zeit trat Broh auch kurz der KPD bei, weil er von der Notwendigkeit einer antifaschistischen Einheitsfront überzeugt war. Die Nazis nahmen ihn in Festungshaft, ließen ihn aber später frei. Er floh nach Paris, wo er 1942 verstarb. In Frankreich fand Broh freundliche Unterstützung durch Heinrich Mann, Mann zeigte sich begeistert von den »Memoiren eines deutschen Juden und Sozialisten«, die in dem Band von Kozicki und Kaiser erstmalig veröffentlicht werden. Ergänzt wird dieses wichtige Dokument, durch im Exil verfasste Aufsätze. Darin werden auch theoretische Wandlungen des Rätekommunisten deutlich. In einem kurzen Essay von 1938 mit dem Titel »Was bleibt vom Marxismus?« hält der damals 71jährige fest, dass auch religiöse Erziehung und militärischer Korpsgeist unter Proletariern anzutreffen seien, Marx habe Zusammenhänge »ideeller Natur« unberücksichtigt gelassen. Gleiches gelte für die menschlichen Triebe. »Auf diesem Gebiet sind inzwischen grundlegende, z. T. geniale Entdeckungen von Freud, Alfred Adler, Le Bon, Sorel gemacht worden.« Man müsse auch von diesen Lehrern lernen.
Norbert Kozicki/Karl-Heinz Kaiser: James Broh. Deutscher, Jude, Sozialist (1867–1942). edition bodoni, Buskow 2025, 310 Seiten, 29 Euro
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