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19.06.2026, 16:30:25
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Die Erinnerung der Körper
Die Ausstellung »Tirailleurs. Von Kanonenfutter zu Avantgarde« im Berliner Haus der Kulturen der Welt – eine Nachbetrachtung
Die soeben geendete Ausstellung »Tirailleurs. Von Kanonenfutter zu Avantgarde – Die vergessenen Soldat*innen, die Europa befreit haben« im Berliner Haus der Kulturen der Welt unternahm einen ehrenwerten Versuch: die Verschränkung von Krieg, kolonialer Gewalt und Aufbrüche in »Gegenwelten« soll neu betrachtet werden. Im Zentrum stand eine kritische Auseinandersetzung mit dem Wort »Kanonenfutter«, das nicht nur als Chiffre für die industrialisierte Kriegführung Europas im 20. Jahrhundert, sondern insbesondere auch in seinen kolonialen Implikationen untersucht wird.
Der Begriff »Tirailleurs« bezeichnete ursprünglich leichte Fußsoldaten, später verstand man darunter im französischen Militär koloniale Infanterieeinheiten, die seit dem 19. Jahrhundert aus afrikanischen Gebieten rekrutiert wurden, bekannt sind vor allem die Tirailleurs sénégalais. Diese Soldaten wurden in den beiden Weltkriegen in großer Zahl eingesetzt – häufig an besonders gefährlichen Frontabschnitten. Kolonisierte Körper wurden als verfügbarer »Rohstoff« behandelt, als austauschbare Ressource innerhalb einer imperialen Kriegsökonomie. In diesem Zusammenhang erhält das Wort »Kanonenfutter« eine konkrete historische Dimension: Er verweist auf die systematische Entwertung nichteuropäischer Leben im Kontext kolonialer Machtverhältnisse. Dass die »Tirailleurs« effektiv aus der Geschichte gelöscht wurden, ist das Thema einer zentralen Installation von Dior Thiam. Mit ihrem Denkmal »Tata« (2026), das dem Andenken an ihren Großvater gewidmet ist, selbst ein senegalesischer Soldat im Dienste Frankreichs, weißt sie auf die Rolle Kolonisierter bei der Befreiung Europas von der Nazi-Herrschaft hin. Denn die heutige Denkmalkultur ist eurozentristisch und voller »whitewashing«, lässt schwarze Körper verschwinden. Die Ausstellung arbeitete mit solchen Arbeiten heraus, dass der Einsatz schwarzer und kolonisierter Menschen nicht nur militärstrategisch motiviert war, sondern auch stark von rassistischen und kolonialen Hierarchien bestimmt war, die in der Erinnerungskultur fortdauern.
Der erste Untertitel der Ausstellung ist sprachkritisch zu verstehen: Auch der ursprünglich militärische Begriff der Avantgarde erfuhr einen Bedeutungswandel und bezeichnete nicht mehr die Vorhut, sondern avancierte politische wie künstlerische Praxis. Diese folgte oft einem europäischen Fortschrittsdiskurs und bediente sich kolonialer Motive. Hier wollte die Ausstellung irritieren. Insbesondere die Rezeption außereuropäischer Artefakte wurde kritisch beleuchtet. Masken und Skulpturen wurden von Künstlern der europäischen Moderne häufig als Inspirationsquelle genutzt, ohne die kolonialen Kontexte ihrer Aneignung zu reflektieren. Die Ausstellung problematisierte somit die Ambivalenz avantgardistischer Strategien: Einerseits strebten sie nach ästhetischer und gesellschaftlicher Erneuerung, andererseits reproduzierten sie implizit koloniale Machtverhältnisse. Der Titel der Ausstellung spielt zugleich darauf an, dass sich nicht wenige Soldaten dem antikolonialen Kampf anschlossen. Der 1976 in Ho-Chi-Minh-Stadt geborene Tuấn Andrew Nguyễn bildet in seinem Werk »Letters from the Other Side« eine Propagandabroschüre des Viet Minh als Wandteppich nach. In der Broschüre wurde zu Frieden und Freundschaft zwischen den kolonialisierten Vietnamesen und Nordafrikanern aufgerufen. Hierzulande wenig bekannt ist, dass Frankreich im ersten Indochinakrieg (1946–1954) auch marokkanische Soldaten einsetze, von denen viel überliefen.
So zeigte die Ausstellung künstlerische Positionen im Geist des Antikolonialismus, die rassistische und kolonialistische Einschreibungen bewusst machen. Besonders in performativen und dokumentarischen Arbeiten wurde der Körper als Träger von Erinnerung und als politisches Instrument des Kampfes um Anerkennung und Selbständigkeit sichtbar gemacht. Diese Perspektiven eröffnen auch einen feministischen Zugang: Sie thematisieren nicht nur die Unsichtbarmachung von Frauen und nichtmännlichen Subjekten in militärischen und historischen Narrativen, sondern hinterfragen auch die strukturellen Bedingungen dieser Unsichtbarkeit.
Die Ausstellung verzichtete bewusst auf eine lineare Erzählstruktur. Der Besucher war einem vielschichtiges Geflecht aus historischen Dokumenten, künstlerischen Arbeiten und theoretischen Referenzen ausgesetzt – wie so oft im HKW. Doch dank eines sehr informativen Handbuchs zur Ausstellung wurde er in dieser Unübersichtlichkeit nicht alleine gelassen.
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