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Stichwahl um das Präsidentenamt

Was erwartet Kolumbien, wenn de la Espriella siegt?

Die Linke muss nachsteuern, um eine Gewaltherrschaft zu verhindern, erklärt Rossih Amira Martínez Sinisterra

Foto: Luisa Borja Luna/StringersHub/IMAGO
Iván Cepeda (3. v. r.) auf einer Spontankundgebung in Bogotá (3.6.2026)

In Kolumbien soll am 21. Juni in einer Stichwahl entschieden werden, wer der nächste Präsident wird. Wie erklären Sie sich den Sieg des extrem rechten Anwalts Abelardo de la Espriella in der ersten Runde, obwohl der Kandidat des linken Bündnisses Pacto Histórico, Iván Cepeda Castro, in allen Umfragen klar vorne lag?

Das Phänomen zeigt uns immer wieder, dass Umfragen mit kleinen Stichproben sehr hohe Fehlermargen haben. Sie sind eine Annäherung an die Realität – keine absolute Wahrheit, auch wenn sie von politischen Akteuren oft so behandelt werden. Die Wahrnehmung, dass Cepeda uneinholbar vorne lag, erzeugte eine Überhöhung – ja, fast eine Überheblichkeit bei Teilen der Linken. Dadurch versäumte man es, Cepedas Botschaft in den zentralen und andinen Regionen Kolumbiens zu verankern, aber auch in den digitalen Räumen und sozialen Netzwerken. Genau hier setzte Abelardo de la Espriella mit einer wirkungsvollen digitalen Strategie an, und die entfaltete am Wahltag ihre volle Wirkung. Unabhängig von der Frage möglicher Wahlfälschung muss man anerkennen: Er erzielte eine bedeutende Stimmenzahl. Heute liegen die beiden Kandidaten faktisch gleichauf.

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie daraus für Cepedas Kampf um die Stichwahl?

Es gibt mehrere Bereiche, in denen wir uns verbessern müssen. Zunächst die digitale Präsenz: soziale Netzwerke, Auftritte in Massenmedien, die Schaffung von Diskussions- und Dialogräumen – kurz, die entschlossenere Verbreitung von Cepedas Botschaft, Programm und Vision, um dem progressiven Projekt in Kolumbien Kontinuität zu sichern. Darüber hinaus brauchen wir eine stärkere und direktere Präsenz des Kandidaten und des Pacto Histórico in den ländlichen Gebieten Kolumbiens, die am 31. Mai praktisch nicht abgestimmt haben. Wir müssen enorme Anstrengungen unternehmen, damit die ländliche Bevölkerung, Bauern, Afrokolumbianer und indigene Gemeinschaften tatsächlich ihre Wahllokale erreichen können.

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Wie bewerten Sie Cepedas Entscheidung, sich von der Forderung nach einer verfassunggebenden Versammlung zu distanzieren?

Das Thema der verfassunggebenden Versammlung muss weiterhin diskutiert, verhandelt und von der gesamten kolumbianischen Gesellschaft analysiert werden. Es braucht mehr politische Bildungsarbeit, damit alle politischen, sozialen, gemeinschaftlichen und ethnischen Sektoren einschließlich der Frauenbewegung und der organisierten Zivilgesellschaft verstehen, warum eine verfassunggebende Versammlung strategisch notwendig ist. Besonders vor dem Hintergrund der Konflikte der progressiven Regierung Petros mit dem Kongress und den obersten Gerichten. Dieser Bildungsprozess braucht Zeit. Und mitten im heißen Wahlkampf ist nicht der richtige Moment, diese komplexe Botschaft zu verbreiten. Deshalb halte ich es für eine kluge Entscheidung, das Thema vorerst zurückzustellen, damit das Volk als wirklicher Souverän diesen ersten und entscheidenden Schritt gehen kann: wählen gehen, um dem progressiven Projekt in Kolumbien Kontinuität zu ermöglichen.

Welches Szenario erwartet Kolumbien, wenn Abelardo de la Espriella gewinnt?

Wir haben es wiederholt gesagt: Es wäre schlimm für das Land, wenn eine politische Klasse, die wir als mafiös bezeichnen, wieder an die Macht käme. Eine Klasse, die ihre Herrschaft auf Gewalt, territoriale Vertreibung, Menschenrechtsverletzungen und die Missachtung erkämpfter sozialer Rechte gestützt hat. Dazu kommt Abelardos erklärtes Ziel, den Staatsapparat um 40 Prozent zu verkleinern – ein neoliberales Vorhaben, das das private Kapital stärken würde, auf Kosten des Wohlergehens der Bevölkerung, der Arbeitsrechte, der Rechte von Frauen und LGBTIQ+-Personen sowie der laufenden Friedensprozesse in verschiedenen Regionen des Landes. Das Ergebnis wäre besorgniserregend: blutig und tödlich, Neuformierung paramilitärischer Strukturen, krimineller Armeen und des Drogenhandels, womöglich eine Verschärfung des internen Konflikts.

Eine solche Entwicklung werden wir nicht zulassen. Der Kampf gilt der Verteidigung des Lebens und des Friedens, der Würde und des Wohlbefindens der Kolumbianerinnen und Kolumbianer.

Rossih Amira Martínez Sinisterra ist afrokolumbianische Aktivistin und Sprecherin des »Instituto de Pensamiento Progresista«

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.06.2026, Seite 3, Ausland

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