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Kolumbien

Der Anwalt der Bosse

Der kolumbianische Präsidentschaftskandidat Abelardo de la Espriella mimt den politischen Außenseiter, dabei ist er mit ultrarechten Kreisen im In- und Ausland gut vernetzt

Foto: Juan David Duque/REUTERS
Anhänger des rechten Kandidaten Abelardo de la Espriella auf einer Wahlkampfveranstaltung in Medellin (24.5.2026)

Vieles erinnert in Kolumbien dieser Tage an ein Drehbuch, das die internationale Ultrarechte seit einigen Jahren erfolgreich abspult – auch und gerade in Lateinamerika. Ein lautstarker Kandidat, der sich als politischer Außenseiter inszeniert, schickt sich an, die Macht von der Linken zurückzugewinnen. Mit Beleidigungen und Drohungen gegen politische Gegner, gepackt in erzkonservative und vermeintlich christliche Werte, einem ultraliberalen Wirtschaftsprogramm und der Ankündigung, er werde Kolumbien mit »eiserner Hand« befrieden, erreichte Abelardo de la Espriella am 31. Mai die Stichwahl um das Präsidentenamt. Dort geht es am 21. Juni gegen Iván Cepeda, den Kandidaten der linken Regierungskoalition Pacto Histórico.

Wer ist der Anwalt, der sich selbst den Spitznamen »Tiger« verpasst hat? Ist er die kolumbianische Version des argentinischen Präsidenten Javier Milei? Die Kopie des Machthabers von El Salvador, Nayib Bukele? Ein schlechter Abklatsch des US-Präsidenten Donald Trump? Oder doch »nur« eine modernisierte Version der traditionellen Rechten des südamerikanischen Landes, die dort seit Jahrzehnten – benannt nach Expräsident Álvaro Uribe – unter dem Namen Uribismus agiert?

Seit de la Espriellas überraschendem Wahlerfolg sind die sozialen Medien voll mit derlei Vergleichen. Und sie liegen nahe, bezeichnet der Ultrarechte die genannten Staatschefs doch als Vorbilder. Über Bukele, der El Salvador seit 2019 diktatorisch regiert und im Kampf gegen die Bandenkriminalität bürgerliche Rechte außer Kraft gesetzt hat, sagte de la Espriella bereits Ende 2023 in der Zeitschrift Semana: »Ich bewundere Bukele, aber ich finde ihn ziemlich lasch.« Wie der salvadorianische Staatschef wolle er Privatinvestoren zehn »Megagefängnisse« für Schwerverbrecher in abgelegenen Regionen bauen lassen, kündigte er im Wahlkampf an. Den argentinischen Präsidenten Milei wiederum bezeichnete er als »ein wirtschaftliches Vorbild für die Region«. Ebenso wie der Ultraliberale wolle er die Ausgaben des Staates, den er ein »ineffizientes Monster« nennt, drastisch kürzen. Im Wahlkampf sprach er von einer Reduzierung um 40 Prozent.

Bereits in der Vergangenheit hatte de la Espriella Trump seine »absolute Bewunderung« versichert. Nachdem der US-Präsident am Dienstag in interventionistischer Manier dazu aufrief, in der Stichwahl für den Ultrarechten zu stimmen, setzte dieser einen unterwürfigen Post in den sozialen Medien ab. Pathetisch bebildert mit einem Seeadler und einem Tiger dankte er Trump darin »mit einem vor patriotischer Dankbarkeit pochenden Herzen«.

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De la Espriella ist nicht einfach eine abgekupferte Version anderer in der Region erfolgreicher Rechter. Der 47jährige, der neben der kolumbianischen über die italienische und die US-Staatsbürgerschaft verfügt und zwischen Miami und Florenz pendelt, setzt sich als Patriot in Szene. Seine Plattform heißt »Verteidiger des Vaterlands«, seine Auftritte absolviert er im gelben Trikot der kolumbianischen Fußballnationalmannschaft, zu seinem Markenzeichen hat er den mit zackiger Handbewegung durchgeführten militärischen Gruß gemacht.

Bevor de la Espriella seine Präsidentschaftskandidatur ankündigte, hatte er keinerlei politische Ämter ausgeübt. Hieraus zieht er sein Bild eines politischen Außenseiters, das ihn glaubhaft machen soll. Von sich sagt er: »Ich bin kein Politiker, sondern ein Unternehmer. Politiker machen Versprechungen, wir Unternehmer verpflichten uns.« Laut dem Onlinemedium La Silla Vacía verfügt de la Espriella über ein Netz an mehr als 30 Unternehmen im In- und Ausland. Sein Vermögen übersteigt Schätzungen zufolge mehr als fünf Millionen US-Dollar.

Der Philosoph und Politologe Alejandro Mantilla verweist gegenüber junge Welt darauf, dass de la Espriella mitnichten ein Außenseiter ist. Auch wenn er dieses Image sehr erfolgreich bediene, »ist er eine Person, die enge Verbindungen zur traditionellen politischen Macht und den großen Medien unterhält«. Seine Karriere begann er Anfang des Jahrhunderts als Berater rechter Paramilitärs, die damals in Verhandlungen mit der Regierung von Uribe standen. Zu Reichtum und Bekanntheit brachte er es später als Verteidiger prominenter Mandanten, darunter Drogenhändler und andere zwielichtige Gestalten.

Schon früh wurde de la Espriellas Präsidentschaftskandidatur von mächtigen Unternehmern, Politikern und dem an der Karibikküste einflussreichen Char-Clan unterstützt. Nach seinem Einzug in die Stichwahl riefen auch Expräsident Uribe und seine gescheiterte Kandidatin, Paloma Valencia, zur Wahl des Ultrarechten auf, um so Kolumbien »vor dem Kommunismus oder Neokommunismus« zu bewahren.

Mantilla sieht einen »Stabwechsel in der kolumbianischen Rechten«. Der Uribismus habe seit geraumer Zeit Schwierigkeiten, neue Führungskräfte hervorzubringen. In diese Leerstelle sei de la Espriella vorgestoßen. Der Kandidat bediene sich dabei »sowohl der Sprache der neuen globalen als auch der der alten lokalen Rechten«, sagt der Experte. Das sei nicht zuletzt aufgrund der gewalttätigen Tradition der kolumbianischen Rechten gefährlich. »Sollte de la Espriella die Stichwahl gewinnen, könnte das nach einer progressiven Regierung wie der aktuellen bei manchen Rachegelüste wecken«, warnt er. Ausgemacht sei ein Sieg indes noch nicht, gibt sich Mantilla optimistisch.

Hintergrund: Krieg und Frieden

Sollte der Ultrarechte Abelardo de la Espriella die Stichwahl um das Präsidentenamt in Kolumbien am 21. Juni gewinnen, hätte das drastische Auswirkungen auf die Lage großer Teile der ländlichen Bevölkerung. Angesichts der vielerorts prekären Sicherheitslage verspricht der Kandidat, mit »eiserner Hand« zu regieren. Sein Programm nennt er »demokratische Autorität«. Mit dieser werde er den im Land aktiven Drogenbanden und Guerrillagruppen begegnen. Fast zehn Jahre nach der Unterzeichnung eines Friedensabkommens zwischen der damaligen Regierung und der bis dato größten Guerilla im Land, der FARC-EP, könnten die Folgen dramatisch sein.

De la Espriella fordert eine verstärkte Militarisierung des Konflikts mit bewaffneten Gruppen. Bombardements aus der Luft möchte er, wie zu Zeiten der Regierungen von Álvaro Uribe (2002–2010), wieder aufnehmen. Den Anbau von Kokapflanzen, der heute laut Schätzungen rund 330.000 Hektar Landfläche umfasst, plant der Kandidat per Glyphosateinsatz aus der Luft zu bekämpfen. Die Praxis brachte in der Vergangenheit große Schäden für die Umwelt sowie für landwirtschaftliche Nutzflächen mit sich.

Die Friedensverhandlungen mit bewaffneten Akteuren, die die amtierende Linksregierung von Gustavo Petro unter dem Namen »Paz total« angestrengt hatte, möchte de la Espriella bei seinem Regierungsantritt unverzüglich abbrechen. Präsident Petro hatte mit Beginn seiner Amtszeit versucht, die zahlreichen bewaffneten Gruppen im Land an den Verhandlungstisch zu bekommen – darunter rechte Paramilitärs, Vereinigungen des organisierten Verbrechens und linke Guerilla-Gruppen. Die Bilanz des »totalen Friedens« ist vier Jahre später mindestens widersprüchlich. Befriedet wurde Kolumbien mitnichten.

Das Motto von de la Espriella: Mit Kriminellen verhandelt man nicht. Er verspricht, die staatliche Kontrolle des gesamten Nationalterritoriums innerhalb von nur 90 Tagen wiederherzustellen. Dafür sollen verstärkt Drohnen und künstliche Intelligenz eingesetzt werden. Experten bezweifeln, dass der Ultrarechte damit Erfolg haben wird.

Auch soll der Militärkooperation mit den Vereinigten Staaten und Israel wieder eine große Rolle zugestanden werden – Petro hatte die Beziehungen zu Israel abgebrochen. Um die »Krankheit namens Drogenhandel« zu bekämpfen, wolle er einen »Plan Colombia 2.0« aufsetzen. Der ursprüngliche »Plan Colombia« bezeichnete die Hochrüstung des kolumbianischen Militärs im Kampf gegen linke Guerillas ab dem Jahr 2000 durch die USA. Auch werde seine Regierung die Aufnahme in die Trump-Allianz »Schild der Amerikas« beantragen, die im März gegründet wurde. Sie setzt auf die militärische Bekämpfung des »Narcoterrorismus« in Lateinamerika. (fres)

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.06.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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