Zum Inhalt der Seite
Nachruf

Der Mensch staunt über sich selbst

Rufe gegen die Barbarei: Abschied vom Maler und Grafiker Thomas J. Richter. Erinnerungen an einen Freund

Foto: Belinda Wolff
Thomas J. Richter (1955–2026) im Atelier

Es sei ihm schlecht geworden, 1989, schrieb er in einer autobiographischen Skizze. Als dieses Jahr über ihn hereinbrach, gehörte der 1955 geborene Thomas Jakob Richter statistisch noch zu den jungen Künstlern. Nun erfahren wir von seinem Tod. Bei dieser Nachricht kommen Erinnerungen auf an unsere letzten Begegnungen in der Berlin-Friedrichshagener Bölschestraße, wo wir uns bei Einkäufen trafen und wo sich auch sein Atelier befand, in dem wir ihn oft besucht hatten.

Jeweils zur Hälfte ging er seinen Weg durch Welten, die gegensätzlicher kaum sein konnten. Die Utopien, die er vor der beklemmenden Zäsur der »Wende« kritisch verinnerlicht hatte, kamen ihm nicht anpasserisch abhanden. Sie waren das Maß, mit dem er die Realität von heute beurteilte, das sein Handeln bestimmte und das in seine eigenwillige, poesie- und kraftvolle Kunst hineinwirkte. Wer jedoch deshalb in seinen Grafiken, Zeichnungen und Gemälden Vordergründigkeit vermutet, wird enttäuscht. Da herrscht eine lustvolle Freiheit der Phantasie, die zu der Frage anregt, worin der Anspruch bildender Kunst heute besteht, die etwas bewirken will.

Hans Grundig malte Ermordete auf Goldgrund und ehrte sie auf diese Weise. Thomas J. Richters »Liegender Akt« ruht selbstvergessen auf samtenem Rot, schön und naiv hingestreckt wie die »Yadwigha« des Zöllners Rousseau. Liebespaare liegen in stillen, arkadischen Landschaftsräumen, schweben in selbstvergessenem erotischem Spiel über der Welt, haben ihre nahezu kindliche Freude aneinander, setzen sich über moralische Konventionen hinweg, werden zu Sinnbildern des Glücks. Die Himmel sind weit, die Paysagen offen, die Fenster kein Hindernis. So weit sind die Haltungen Hans Grundigs und Thomas J. Richters nicht voneinander entfernt. Beiden ging es um Menschlichkeit, um Menschenliebe. Humanität ist das Bindende. Die Frage nach dem Politischen ist zur einfachen Frage nach dem Menschentum geworden.

Solche Bilder provozieren, die Widersprüche mitzudenken, aus denen sie erwachsen. Da ist – bei aller gestalterischen Stille – ein verbissenes, wütendes, Selbstbestätigung suchendes Anmalen gegen aufgezwungene Lebens- und Arbeitsbedingungen. Da ist Sehnsucht nach Geborgenheit im Ego-Land. Die Freundlichkeit der gemalten Paradiese kann die Seelendramen nicht verdecken, die sich im Inneren abspielen. Es klagt in den Düsternissen mancher Bilder. In der schutzsuchenden, inselhaften Existenz von Leibern, einsamen Gebäuden und anderen Elementen ist aktuelle Angst vor der unbegrenzten Herrschaft des kapitalistischen Staates, vor sozialer Eiszeit und Ignoranz zu spüren. Verletzlichkeit und gepanzertes Ruhen in sich selbst verschmelzen miteinander. Intimität und Öffentlichkeit mischen sich, Animalisches und Zartes, Melancholie und Euphorie, auch Romantisierung und kristallklare Analyse, scheinbare Weltflucht und Verteidigung des Rechts auf ein Stückchen Glück – vergleichbar mit Hans Falladas Romanen. Die roten Flaggen, die in vielen seiner Bilder leuchten, geben den intimsten Sujets eine gesellschaftliche Dimension.

Anzeige

Man wird diesen Bildern nicht gerecht, wenn man nur die Peinture lobt. Gute Malerei ist Voraussetzung für solche Botschaften. Die Bilder, die Thomas J. Richter schuf, sind Gegenstücke zum Gift des schönen Scheins. Es sind Rufe gegen die Barbarei in den menschlichen Beziehungen. Hinter der falschen Welt, in der wir leben, wird die mögliche sichtbar. Die Kraft des Künstlers reichte weiter als bis zum Spiel. Sie lebte vom freudvollen Beharren auf Lebenslust, auf menschlichem Maß, auf dem Recht auf Glück in einer glücklichen Umwelt. Ihr Anspruch auf Individualität mischte sich mit der Verantwortung für wirkliches Miteinander.

Bei Gesprächen über die Auswahl zu seinen Ausstellungen bemerkten wir, wie sehr wir in der Ablehnung einer lediglich auf Selbstentäußerung bedachten, auf reine Ästhetik reduzierten Kunstauffassung übereinstimmten. Über Kunstwissenschaftler, die solchen gar nicht neuen Denkweisen revoluzzerhaft anhängen, machte er sich lustig. Er war ungeheuer produktiv. Für Ausstellungen Gemälde, Zeichnungen oder Grafiken zusammenzustellen war schwer; man wurde hin- und hergerissen angesichts immer neuer überraschender, mit Kraft und Delikatesse gestalteter, auch provozierender Arbeiten.

Thomas J. Richter interessierte sich sehr für die Kunst der Naiven; er schwärmte für den Franzosen ­Henri Rousseau oder für den Georgier Niko Pirosmanaschwili. Das entsprach seiner Entdeckerfreude. Er meinte: »Der Mensch staunt über sich selbst, indem er sich selbst erkennt. In der Kunst formuliert er dieses Staunen, diesen Erkenntniswillen.« Wenn man Naivität – wie schon Brecht und andere – als Fähigkeit zum Staunen interpretiert, so sind die Bilder Thomas J. Richters naiv, auch deshalb, weil sie den Betrachter auf die Schönheiten des Lebens stoßen und ihn daran erinnern, Augen und Verstand zu öffnen, auch für Dinge, die scheinbar nebensächlich sind.

Pablo Picasso war ein großes Vorbild für ihn, weil dessen Kunst eine lust- und phantasievolle Opposition provoziert. »Was glauben sie denn, ist ein Künstler?« hatte Picasso 1945 gefragt. »Ein Schwachsinniger, der nur Augen hat, wenn er Maler ist, nur Ohren, wenn er Musiker ist? (…) Ganz im Gegenteil! Er ist gleichzeitig ein politisches Wesen, das ständig im Bewusstsein der zerstörerischen, brennenden oder beglückenden Weltereignisse lebt und sich ganz und gar nach ihrem Bilde formt. (…) Nein, die Malerei ist nicht erfunden, um Wohnungen auszuschmücken. Sie ist eine Waffe zum Angriff und zur Verteidigung gegen den Feind.« Das entsprach ganz und gar der Denkweise Thomas J. Richters, der über Jahrzehnte eng mit der Tageszeitung junge Welt verbunden war, ihr Erscheinungsbild mit seinen Zeichnungen mitprägte, in ihrer Maigalerie mehrfach ausstellte oder dort in die Bilderschauen seiner Malerfreunde einführte. Voller Stolz teilte er uns mit, dass die Redaktion der jungen Welt seinen künstlerischen Nachlass in ihre Kunstsammlung übernimmt.

Viele Freunde werden ihn sehr vermissen, so Heidrun Hegewald, deren letzte Exposition er eröffnete, oder der Armenier Archi Galentz, der im Juni 2025 für Thomas J. Richters Bilderschau in der Maigalerie die einführenden Worte sprach. Die beste Art, ihn zu ehren, besteht darin, sein Erbe zu wahren, Ausstellungen aus seinem Nachlass vorzubereiten und seine Zeichnungen in unserer Zeitung weiter zu nutzen.

Man fand ihn am 17. Juli 2026 tot in seiner Atelierwohnung. 71 Jahre war er alt. Er fehlt uns allen. Einen solchen Kameraden zu verlieren ist schwer.

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 25.07.2026, Seite 10, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!