Bessere Zeiten klingt gut
Von Christian Meyer
Gegenwart machen« heißt das Werk von Erika Thomalla, die hier versammelten Journalistinnen und Journalisten betonen die Hinwendung zu Oberflächenphänomenen als wichtiges Element des Popjournalismus. Groß-Oktav, zweispaltig gelayoutet, mit zahlreichen vollfarbigen Faksimiles – das Buch ist hübsch anzusehen.
Thomalla ist Professorin für Buchwissenschaft und digitale Buchkultur an der LMU München, forscht dort zur Geschichte des Popjournalismus. »Gegenwart machen« richtet sich nicht allein an die Fachöffentlichkeit. Anhand von O-Tönen bekannter und weniger bekannter Journalisten und Blattmacher erzählt das Buch eine Geschichte des Popjournalismus in Deutschland.
Aus dem Urschleim der Gegenkultur entstehen in den 70er Jahren Stadtteilzeitungen, Fanzines und neue Stile, die sich oft am New Journalism der USA orientieren. Das wichtigste Popmedium damals war die Rockzeitschrift Sounds. Dann kam Punk und hielt mit einer Riege junger Redakteure auch bei Sounds in Hamburg Einzug. Christoph Gurk, einst bei der Stadtteilzeitung Szene Hamburg, später Chefredakteur von Spex, erinnert sich: »Die von Punk und New Wave informierten Strategien des Bruchs mit den kulturellen und politischen Verhältnissen der 1970er-Jahre, der in der Popkultur sich vollziehende Aufstand gegen die öde, normierte Alltagskultur der Nachkriegszeit. Damals konnte man es sich noch erlauben, sich über Hippiekultur, über linksliberale Konsenspolitik, über das talkshoworientierte Einerlei im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu mokieren.«
In der umgekrempelten Sounds konnte man nicht nur über neue Musikstile lesen, sondern auch eine in Deutschland bis dato unbekannte Art des Schreibens kennenlernen, apodiktisch, theoriegeladen, auch mal boulevardesk. Diedrich Diederichsen oder Andreas Banaski (aka Kid P.) waren als Autoren selbst Pop. Auch der Betreiber des Zickzack-Labels, Alfred Hilsberg, schrieb für Sounds. Sein Artikel »Neue deutsche Welle. Aus grauer Städte Mauern« erschien im Herbst 1979 und machte damit die Schublade auf, in der sich später Nena einrichtete.
Die ersten Kapitel von »Gegenwart machen« sind unterhaltsame, informative Lektüre. Neben handwerklichen Herausforderungen des Zeitschriftenmachens vor der Allgegenwart des Computers sind Schreibstile, Haltung und Strategien wiederkehrende Themen. Hier ist das Buch am spannendsten.
Die Macher der Münchener Literaturzeitschrift Mode & Verzweiflung blicken kritisch zurück auf Strategien der Affirmation – die hätten sich in den 80er Jahren doch recht schnell abgenutzt. Michaela Melián, Gründerin der Zeitschrift, Mitglied der Band F. S. K. und ehemalige Professorin an der HfbK, sagt dazu: »Es gab den Moment, an dem sich die Affirmation als kritische Geste überlebt hatte. Das hatte mit dem politischen Wandel in Deutschland zu tun, der in der Wiedervereinigung gipfelte, als sich Leute wieder trauten, mit rechten Parolen und Symbolen auf die Straße zu gehen. Aber es fing auch schon an, als im Popsommer 1982 Hunderte von Bands unter dem Label Neue Deutsche Welle gesignt wurden. Das war von dem, was wir machten, sehr weit entfernt.« Auch Bernd Kühl, ebenfalls Mode & Verzweiflung und seit 1996 Gitarrist bei Wolfgang Petry, gibt zu Protokoll, dass das »Ja zur modernen Welt«, wie es F. S. K. frech verkündeten, in den 80ern zur »allgemeinen Haltung« geworden sei.
Musikpresse spielt in der zweiten Hälfte des Buches keine Rolle mehr. Auch wie es mit Spex im neuen Jahrtausend weiterging, wird nur knapp resümiert. Wer erwartet, in einer »Oral History des (deutschen) Popjournalismus« auch etwas über Intro, de:bug, Visions, Groove, Backspin oder Das Wetter zu lesen, wird enttäuscht.
Mit dem SZ-Magazin, dem SZ-Jugend-Supplement jetzt und schließlich Vanity Fair erinnern sich Befragte in den folgenden Kapiteln an Lifestyle- und Jugendmagazine. Die »Affirmationsgesten, die wir von Roxy Music und Andy Warhol gelernt hatten« (Thomas Meinecke) blieben als einziges übrig. Zumindest legt es das Buch nahe, denn es verfolgt ab einem gewissen Punkt hauptsächlich die Karriere einiger Protagonisten. Es geht mehr um den journalistischen Zweig deutscher Popliteratur als um Journalismus, der sich mit Popkultur beschäftigt.
Ende November wurde »Gegenwart machen« im Roten Salon der Volksbühne vorgestellt. Ralf Niemczyk, Ex-Spex und an diesem Abend Host, kündigt »literarischen Freejazz« an. Dafür hätte Rainald Goetz mehr als einen Lacher aus dem Publikum beisteuern müssen. Statt dessen sitzt Erika Thomalla mit Moritz von Uslar, ehemals Tempo und SZ-Magazin, und Johanna Adorján, ehemals jetzt, auf der Bühne. Die beiden Gäste gestehen, Spex zunächst schlecht verstanden zu haben. Anschließend liest das Podium O-Töne mit verteilten Rollen. Von Uslar sagt, das Buch handele »davon, dass man diese Bühne hat«, journalistisch zu schreiben. Im Roten Salon nutzt er seine Bühne gnadenlos, redet mehr als die beiden Frauen und unterbricht sie dreist.
An dem Abend wurde auch viel von Ulf Poschardt geredet, der im Buch oft zu Wort kommt und beim SZ-Magazin sowie bei Vanity Fair Chefredakteur war. Bei beiden wurde Poschardt, inzwischen Herausgeber von Welt, Politico und Business Insider, recht abrupt rausgeschmissen. Ziemlich genau zur Zeit der kurzlebigen deutschen Vanity Fair, im Jahr 2005, trat Poschardt eine Debatte los, als er zur Wahl der FDP aufrief, weil dies die konsequente Pophaltung verkörpere: individuelle Freiheit. Die ehemaligen Spex-Autoren Diedrich Diederichsen und Mark Terkessidis widersprachen öffentlich vehement. Hier kam noch einmal viel zusammen: Pop, Politik und im Buch präsente Sprecher unterschiedlicher Kohorten und Kulturen. Im Buch findet das keine Erwähnung.
Erika Thomalla: Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2025, 256 Seiten, 36 Euro
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