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09.06.2026
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Soldaten am Meeresstrand
Der Schriftsteller Egon Erwin Kisch in Spanien: Kaleidoskop einer kriegsgedämpften Begeisterung
In einem Kommentar zu der von Egon Erwin Kisch herausgegebenen Anthologie »Klassischer Journalismus« gestand der Bremer Reporter Christian Siegel seinem berühmten Kollegen zu, sich um Sachlichkeit und Wahrheit bemüht zu haben. »Lediglich in den Reportagen über den Bürgerkrieg in Spanien«, schrieb Siegel, »ist Kisch dieser Forderung an den Reporter untreu geworden. Er erledigte Auftragsarbeiten für Stalins Politik.«
Das harsche Urteil aus dem Jahr 1979 macht auf einen Sammelband neugierig, der ursprünglich kurz und bündig »Kisch in Spanien« heißen sollte und allein deshalb Aufmerksamkeit verdient, weil ihn die Literaturwissenschaftler Georg Pichler und Joachim Gatterer zusammengestellt haben: Beide sind frei vom Verdacht ideologischer Befangenheit. Der Südtiroler Gatterer hat sich schon früher eingehend mit Kischs Spanien-Novelle »Die drei Kühe« und ihren biographischen sowie lokal- und gattungsgeschichtlichen Bezügen befasst, und der an einer spanischen Universität lehrende Österreicher Pichler ist ein durch viele Publikationen ausgewiesener Experte der deutsch- wie anderssprachigen Spanienkriegsliteratur. Durch ihr Konzept, Kischs Reportagen, Reden und Briefe in und aus Spanien mit Texten seiner Freunde, Genossen und Berufskollegen zu verzahnen, wirkt das Buch wie ein Kaleidoskop, in dem sowohl der »rasende Reporter« als auch das Geschehen in Spanien in vielen Facetten sichtbar werden.
Beeindruckend ist die editorische Sorgfalt, die in erster Linie Georg Pichler zu verdanken ist: Er hat den Band nicht nur mit einem kundigen Nachwort versehen, in dem er – auf Gatterers Vorarbeiten gestützt – Kischs Aufenthalt in Spanien vom Tag seines Eintreffens in Valencia, Anfang Juni 1937, bis zu seiner Abreise aus Barcelona, Ende April 1938, in allen lebensgeschichtlichen Verästelungen schildert, sondern hat außerdem die »Personen im Umkreis von Kisch« mit knappen und doch ergiebigen Angaben vorgestellt. So entsteht auch ein Bericht über den Enthusiasmus und die Gewissensnöte kommunistischer Intellektueller in den Jahren 1936 bis 1939, denen der Spanienkrieg nach Siegels Wahrnehmung ein willkommener Anlass war, die Verbrechen in Stalins Sowjetunion zu verdrängen. Pichler hinterfragt diese Auffassung anhand vieler Quellen und zieht den vorsichtigen Schluss, dass Kisch, ganz unabhängig von den niederschmetternden Nachrichten aus Moskau, von den Verhaftungen und Schauprozessen, »von der Wehrhaftigkeit der Bevölkerung und der Freiwilligen der Internationalen Brigaden« beeindruckt und begeistert gewesen sei.
Allerdings war es gerade diese Begeisterung, die Kisch anfangs hemmte: Ihm machte, wie er seiner Übersetzerin Jarmila Haasová schrieb, der »dialektische Gegensatz« zu schaffen, »dass man zuwenig sagen muss, weil man zuviel zu sagen hätte«. Dazu kam seine Verpflichtung, die deutschsprachigen und tschechoslowakischen Freiwilligen durch humorvolle Schilderungen seiner Abenteuer aufzumuntern. Er war bekannt und beliebt, da konnte und wollte er die Erwartungen seiner Fangemeinde in den Schützengräben und Spitalbetten nicht enttäuschen. Trotzdem hat Kisch in den zehn Monaten, die er in Spanien verbrachte, viel geschrieben, und das meiste davon hat seinen Anlass überdauert. Das liegt daran, dass er auch hier sein jeweiliges Sujet – das frontferne Valencia, das belagerte Madrid, das Lazarettzentrum der Internationalen Brigaden in Benicàssim – sowohl historisch als auch topographisch erfasst hat. Es genügte ihm nicht, nur das darzustellen, was Auge und Ohr registrierten; lebendig wurde es erst durch die Beschreibung dessen, was es in Friedenszeiten war und was es einmal sein könnte, in einer gerechten Zukunft.
Bewundernswert ist nicht nur Kischs Beobachtungsgabe, sondern auch sein Einfallsreichtum. Die Idee zum Beispiel, auf einem Rundgang durch das leere Prado-Museum die wegen der Bombenangriffe evakuierten Gemälde Velázquez’, Goyas, Murillos sichtbar zu machen – und mit diesen auch die auf ihnen Abgebildeten, ihre Taten wie Untaten, ihre Epoche und was sie mit der Gegenwart verbindet. Ebenso erstaunlich sind seine nicht geschriebenen, nur geplanten Reportagen wie die über den Madrider Zoo, und wie jedes Tier dort auf den Kriegslärm und die Bombeneinschläge reagiert hat. Wir wissen davon nur aufgrund einer Tagebuchnotiz Willi Bredels, der von diesem Vorhaben entrüstet war. Kisch hingegen versprach sich davon große Wirkung, weil die Furcht der Tiere seine Leser in Frankreich oder England eher aufrütteln würde als das Leid der Menschen.
Kurios, dass just seine bekannteste Spanien-Reportage einen am wenigsten ergreift. Ich meine die von den drei Kühen, die der Tiroler Kleinbauer Max Bair verkauft hatte, um mit dem Erlös das Fahrgeld nach Spanien für sich und seine drei Gefährten Ludwig Geir, Johann Winkler und Stefan Zlatinger zu bezahlen. Störend an ihr sind die personale Erzählperspektive, durch die sich Kisch über seinen Protagonisten zu erheben scheint, und der Mangel an Authentizität: Man merkt, auch an der fehlerhaften Wiedergabe der Tiroler Umgangssprache, dass er mit der alpinen Lebenswelt nicht vertraut war.
Andererseits verweist gerade diese Geschichte auf drei Tugenden des Autors. Die eine ist die Beobachtungsgabe, die es ihm ermöglicht, Eigenheiten seines Helden zu erkennen. Bairs Antworten gingen, schrieb Kisch, »nie über den Bereich der Frage hinaus« – ein Indiz dafür, dass wir ihnen Glauben schenken können. Die zweite ist sein Interesse an sachlichen Informationen; man erfährt zum Beispiel, und nimmt die Auskunft dankend an, wieviel Liter Milch für ein Kilogramm Butter benötigt werden. Kischs dritte Tugend schließlich ist ein Charakterzug, der nicht hoch genug zu würdigen ist, nämlich seine Anteilnahme am Schicksal derer, über die er schrieb, und die das Schreiben überdauert hat: Die Freundschaft mit Max Bair, den er nach Ende des Spanienkriegs, im Pariser Exil, auch finanziell unterstützte, sollte erst mit seinem Tod enden. Es ist nicht das geringste Verdienst der Herausgeber, dass sie diese Freundschaft, die Kischs Frau Gisela »Gisl« Lyner einschloss, samt den letzten miteinander gewechselten Briefen aus dem Jahr 1946 aufleben lassen: »Lass es Dir gut gehen, lieber Maxl, auch ohne Deine drei Kühe, und sei bestens gegrüßt von Deinem alten Egonek!«
Von den Texten anderer Autoren seien zwei hervorgehoben. Der eine stammt von dem katalanischen Lehrer und Journalisten Joaquim Morera i Falcó, der in einer regulären Einheit der Spanischen Volksarmee kämpfte, und ist in seiner von witzigen Einfällen sprühenden Sprache dem Ausdrucksvermögen des Porträtierten ebenbürtig. »Auch wenn Egon Erwin Kisch kein Journalist ist, schreibt er vor allem Reportagen. Mit seinem lebendigen, scharf ironischen Stil erzählt er uns das, was er auf der Welt gesehen hat, ohne sich von Spitzfindigkeiten oder Oberflächlichem beirren zu lassen. (…) Sein Blick ist unruhig – infolge seines bewegten Lebens sieht er schlecht –, und schaut er einmal zufällig einen Apfel an, so scheint es, als würde er in Wirklichkeit die Kerne betrachten.«
Ganz anders, aber ebenso unverzichtbar, sind Theodor Balks Erinnerungen an Kisch in Spanien. Balk geht, in einem Auszug aus seinem lange verschollenen, erst postum veröffentlichten Tagebuchroman »Wen die Kugel vor Madrid nicht traf«, der Frage nach, warum sein Freund nicht das von ihm erwartete große Werk über den Spanienkrieg – »über das, was den Krieg zum Krieg macht« – geschrieben hat, warum er es nicht schreiben wollte: »Ich glaube, dass Kisch diese Menschen und Menschenwerk vernichtende Tätigkeit so sehr verabscheute, dass ihm selbst das Erzählen darüber zuwider war. Gewiss, Kisch war ein Anhänger Lenins und nicht Gandhis. Er wusste natürlich, dass man Franco mit Worten allein die Waffen nicht aus der Hand schlagen kann – deswegen war er ja nach Spanien gekommen. Dennoch. Und so begnügte er sich damit, über die Soldaten am Meeresstrand statt über die Soldaten an den Fronten zu schreiben.«
→ Egon Erwin Kisch. Der rasende Reporter im Spanischen Bürgerkrieg. Hrsg. von Georg Pichler und Joachim Gatterer. Edition Atelier, Wien 2026, 307 Seiten, 28 Euro
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