Von Blase zu Blase
Geraune
Solange die Musik spielt, musst du aufstehen und tanzen. Noch tanzen wir«, posaunte im Jahr 2007 Chuck Prince, Chef der Citibank. Zwei Jahre später war seine Bank pleite und wurde von der Regierung Obama »gerettet«. Das heißt, die Banker und die vom Kollaps bedrohten großen Vermögen wurden herausgekauft, während die verschuldeten Bewohner der Häuser auf der Straße landeten. Deren Rache hieß dann Donald Trump.
Seit die industrielle Produktion vor allem nach China ausgelagert wurde, wälzt sich die westliche Wirtschaft nach allen Regeln des Finanzkapitals von Blase zu Blase. Nach der Jahrtausendwende platzte erst die Internetblase, dann die Häuserkreditblase im Jahr 2008, und nun wird das Geschäft um die künstliche Intelligenz zu Rekordgröße aufgebläht. Noch hat die Musik nicht aufgehört, noch wird gepumpt. Erst diese Woche hat die Firma Google angekündigt, weitere 200 Milliarden US-Dollar in den Ausbau von Rechenzentren stecken zu wollen. Noch tanzen die Herren der Computerintelligenz, auch wenn sich die Anzeichen für ein Ende der Party mehren.
Hyman Minsky formulierte 1986 die derzeit in weiten Kreisen als zutreffend angesehene Theorie zu den Finanzblasen. Er vertrat die unter orthodoxen Ökonomen noch immer als skandalös angesehene These, dass Märkte keinesfalls immer den perfekten Preis finden, sondern sich in haltlosen Übertreibungen und unbezahlbaren Schulden verlieren. Damit erzählt er aber nur die Hälfte der Geschichte. Die andere Hälfte ist die, dass solche »Pump and Dump«-Aktionen, also das Aufblasen und Platzenlassen, keinesfalls symmetrisch ablaufen. Solange es aufwärts geht, spielen sich die Investoren Gewinne zu. Am Ende steigen sie rechtzeitig aus oder lassen sich auf Staatskosten »retten« und überlassen damit die Verluste Rentenfonds, Kleinanlegern oder Steuerzahlern.
Im Vergleich der zurückliegenden Blasen ist die schiere Größe der Investitionen in Datenzentren und künstliche Intelligenz erstaunlich. Vor dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2001 wurden geschätzt 800 Milliarden US-Dollar in den Aufbau des Internets investiert. Sieben Jahre später belief sich die Summe der zur Häuserfinanzierung aufgenommenen unbezahlbaren Kredite auf 1,3 Billionen. Heute geht man davon aus, dass für den Ausbau der KI-Infrastruktur bald sechs Billionen US-Dollar aufgewandt werden. Der aufgeblähte Anteil der Datenfirmen am US-amerikanischen Aktienmarkt nähert sich den 50 Prozent. Längst läuft die Finanzierung der Blase über immer neue Schulden und dubiose Dreiecksgeschäfte unter den beteiligten Unternehmen.
Unterdessen mehren sich die Zweifel, ob es je gelingen kann, die kreditfinanzierten Datenzentren wirtschaftlich zu betreiben. Alle sieben Jahre müssen die alten Chips durch bessere ersetzt werden. Der sicher geglaubte technische Vorsprung der USA geht allem Investment zum Trotz langsam verloren. Vergangene Woche brachte die chinesische Firma Moonshot mit Kimi K3 ein Modell auf den Markt, dessen Ergebnisse mit den besten US-amerikanischen Verfahren mithalten können. Im Gegensatz zu den US-Firmen stellen die Chinesen ihre Technik als Open Source zur Verfügung und kassieren für ihre mit heimisch produzierten Computerchips erzielten Ergebnisse erheblich niedrigere Gebühren.
Wann die KI-Blase platzt, lässt sich nicht vorhersagen. Anders als bei Erdbeben gibt es aber sehr wohl verlässliche Hinweise. Der Blogger Ed Zitron hat am Beispiel Open AI etliche zusammengetragen. Spätestens wenn das Kapital zu weiteren Schulden nein sagt, hört die Musik auf. Wer dann noch trunken auf der Tanzfläche herumlungert, hat verloren. Erste Absetzbewegungen laufen schon. Seit Mitte Juni fallen die Aktienkurse von Chipproduzenten.
Wie bei jeder Blase wird auch bei dieser am Ende etwas übrigbleiben. Selbst wenn man dann womöglich nicht mehr von Intelligenz sprechen mag, sondern bescheidenere Begriffe findet, werden Datenzentren weite Lebensbereiche umkrempeln. Anwendungen gibt es auf jeden Fall – und wenn sie nur dazu dienen, den Polizeistaat datentechnisch auszubauen, um die verarmende Bevölkerung zu drangsalieren.
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