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Aus: Ausgabe vom 03.01.2026, Seite 15 / Geschichte
100 Jahre Lufthansa

Die erste Luftbrücke

Vor 100 Jahren wurde die »Deutsche Luft Hansa AG« gegründet. Ihre Flugzeuge organisierten ab 1936 die Hilfe für die Franco-Faschisten in Spanien
Von Hartmut Sommerschuh
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Ju 52-Transportflugzeug der Lufthansa mit der Heckkokarde der »Legion Condor« über spanischem Festland

Cielo despejado en España« (Über ganz Spanien wolkenloser Himmel): Mit diesem Spruch eröffnete der General Francisco Franco in der Nacht zum 18. Juli 1936 im Rundfunksender Ceuta den Putsch gegen die spanische Volksfrontregierung. Der knappe Wahlsieg des Bündnisses von liberalen und sozialistischen Parteien am 16. Februar war ein letztes Aufbäumen gegen den Rechtstrend in der seit 1931 von Putschversuchen und blutig niedergeschlagenen Aufständen erschütterten Zweiten Spanischen Republik.

Die Großgrundbesitzer, Industriebosse und katholischen Geistlichen stemmten sich gegen Bodenreform, Verstaatlichung und Machtverlust. Dadurch wurde das Elend der landlosen Bauern festgeschrieben, zugleich wuchs die Furcht vor einer kommunistischen Machtübernahme in Offizierskreisen aber stetig. Schon vier Wochen nach dem Wahlsieg der Volksfront gab es erste Hilfeersuchen um deutsche Waffenlieferungen, vor allem durch die General Franco nahestehenden und in der Kolonie Spanisch-Marokko stationierten Truppen und Fremdenlegionäre. Sie hatten über ein Vierteljahrhundert Erfahrungen gesammelt in der Bekämpfung aufsässiger Bevölkerungsgruppen in Afrika.

Doch nach ersten Siegen in Navarra, Sevilla und auf den Balearen drohte der Putsch zu scheitern, auch weil sich große Teile der Armee und der Polizei nicht den Putschisten anschlossen. Deshalb musste das »Afrikaheer« schnellstens hinübergebracht werden. Doch die Volksfrontregierung erfuhr davon, und Marineminister José Giral ließ die Straße von Gibraltar für eine Überfahrt der Söldner blockieren. Es wurde klar: Franco und dessen Chefplaner General Emilio Mola konnten Spanien ohne die Hilfe Italiens und Deutschlands nicht unter ihre Kontrolle bringen.

Ein unerwarteter Helfer

Am 21. Juli lernte Franco bei einer Veranstaltung in der marokkanischen Stadt Tetouan den Generalvertreter von Mannesmann in Spanisch-Marokko, Johannes E. Bernhardt, kennen. Franco schilderte ihm die Situation. Als guter Geschäftsmann fragte Bernhard, wieviel Geld bereitgestellt werden könnte. Franco nannte eine Summe von zwölf Millionen Pesetas, etwa vier Millionen Reichsmark. Bernhard begriff, dass dies nicht reichen würde und politische Hilfe nötig wäre.

Als Mitglied der NSDAP-Auslandsorganisation AO bat er deren Chef in Tetouan, Adolf Langenheim, um Hilfe. Franco schrieb Hitler einen Brief und schickte eine Lageskizze seiner Truppen in Marokko. Am 23. Juli flogen Francos Technikspezialist, Francisco Arranz, Bernhardt und Langenheim mit der dreimotorigen Junkers Ju 52/3m »Max von Müller« der Lufthansa, die der francotreue General Luis Orgaz auf Gran Canaria irrtümlich beschlagnahmt hatte, nach Deutschland. Nach Auftankstopps in Marseille und Stuttgart landeten sie am 24. Juli nachts in Berlin.

Als AO-Chef Langenheim am nächsten Tag erfuhr, dass Franco Hitler kein Begriff war und sich das Reichsaußenministerium deshalb nicht in den Spanischen Krieg einmischen wollte, ließ er auf eigene Faust Rudolf Hess anrufen, Hitlers Stellvertreter. Sein Argument: Wenn es gelänge, Franco zu einem Sieg zu verhelfen, hätte Deutschland einen Verbündeten im Rücken Frankreichs.

Hess vermittelte, ließ Hitler eigens bei einer »Siegfried«-Aufführung in Bayreuth stören und stellte sein Privatflugzeug zur Verfügung. Von Nürnberg ging es per Auto weiter bis Bayreuth. Noch am selben Abend um 22.30 Uhr traf man sich mit Hitler diskret im »Siegfried-Wagner-Haus«.

Bernhardt übersetzte Francos Brief, erklärte die beigefügte Skizze und beruhigte Hitler, Franco würde die entstehenden Kosten später bezahlen. Schließlich stimmte Hitler zu und rief Luftwaffenchef Hermann Göring und Kriegsminister Werner von Blomberg an. Längst gab es vitale Interessen an Spanien: Der »Hort des Bolschewismus« sollte niedergeworfen werden. Zudem brauchten die Rüstungswirtschaft und die Flugzeugindustrie Wolfram, Zink, Blei und Kupfer. Schon seit 1935 versuchten Konzerne wie die Vereinigten Stahlwerke AG und die Krupp AG, Zugriff auf die reichen Schwefelkies- und Eisenerzvorkommen Spaniens zu erlangen, um so von England, Frankreich und Schweden unabhängig zu werden. Ende Juli 1936 wurde die deutsch-spanische Firma für Rohstoffeinfuhren Rowak (Rohstoff- und Wareneinkaufsgesellschaft mbH) gegründet.

Operation »Feuerzauber«

Am 27. Juli 1936 entstand unter Hermann Göring der »Sonderstab W«. Sein erstes Projekt, eine Luftbrücke für Francos Truppen, erhielt den Namen »Feuerzauber« – nach dem dritten Akt der »Siegfried«-Aufführung, die Hitler gesehen hatte. Die Leitung übernahmen Luftwaffengeneral Helmut Wilberg und der Generalinspekteur der Luftwaffe, Erhard Milch. Milch war seit ihrer Gründung 1926 Technischer Direktor und Vorstandsmitglied der »Deutschen Luft Hansa AG«, seit 1933 zugleich Görings Staatssekretär und für den Aufbau einer militärisch tauglichen Luftflotte »zur Abschreckung und Friedenssicherung« zuständig. Er verabredete mit Junkers einen Großauftrag für über 400 Maschinen vom Langstreckentyp »Ju 52« bis Oktober 1935 – das größte Beschaffungsprogramm seit dem Ersten Weltkrieg.

Die Luftbrücke begann Ende Juli 1936 mit 20 solcher an die Franquisten gelieferten Flugzeuge. Der entscheidende Vorteil der Ju 52 war, dass sie ohne Umbau als Bombenflugzeug eingesetzt werden konnte: Das geteilte Fahrwerk ließ eine Bombenaufhängung unter dem Rumpf zu, auf die Ladeluke hinten auf dem Rumpf konnte ohne Umbau ein Maschinengewehrkranz aufgesetzt werden.

Zu den getarnten Mannschaften gehörten Offiziere, Unteroffiziere, Soldaten und Techniker. Dazu kamen neun dreimotorige Bombenflugzeuge des Typs Savoia-Marchetti S.M.81 aus Italien. Mit dieser ersten Luftbrücke der Geschichte wurden bis Ende Oktober 1936 13.000 Soldaten und Söldner über die Straße von Gibraltar auf die Iberische Halbinsel transportiert, pro Maschine etwa 30.

Zur Verschleierung gründete Bernhardt am 31. Juli 1936 im Auftrag der NSDAP und mit der Genehmigung Francos in der marokkanischen Enklave die »Compania Hispano-Marroqui de Transports« (HISMA), ein Konglomerat aus über 300 Unternehmen, darunter die Lufthansa, das die Versendung von Vorräten und Materialien an die Putscharmee erleichterte.

»Legion Condor«

Als im Oktober 1936 der Vormarsch der Putschisten unter anderem durch den Einsatz der Internationalen Brigaden ins Stocken geriet, entschloss sich Hitler, Franco mit irregulären Luftwaffeneinheiten zu unterstützen. Bei der »Aktion Rügen« wurde unter Leitung des Luftwaffengenerals Helmuth Wilberg bis Dezember 1936 ein Expeditionskorps aufgestellt. Für die »Legion Condor« suchte er Freiwillige. Mit dem Dienst in Spanien konnten Soldaten ihre Wehrdienstzeit verringern und erhielten als fliegendes Personal zusätzlichen Sold.

Das alles wurde gut getarnt: offizielle Entlassung der Legionäre aus der Wehrmacht, Uniformen ohne Erkennungszeichen, Fahrten als Urlauber mit der »Reisegesellschaft Union« und »Kraft durch Freude«-Schiffen sowie mit Maschinen der Lufthansa. Über 700 Maschinen der Luftwaffe waren am Ende im Einsatz. Wie Göring vor dem Internationalen Militärgerichtshof bestätigte, diente der Einsatz der »Legion Condor« ab 1937 der Erprobung aller neuen deutschen Flugzeuge, Waffen und Einsatztaktiken:

»Ich sandte mit Genehmigung des Führers einen großen Teil meiner Transportflotte und (…) eine Reihe von Erprobungskommandos meiner Jäger, Bomber und Flakgeschütze hinunter und hatte auf diese Weise Gelegenheit, im scharfen Schuss zu erproben, ob das Material zweckentsprechend entwickelt wurde.«

Die Bombardierung Guernicas am 26. April 1937 wurde zum Höhepunkt der verbrecherischen Naziintervention in Spanien.

Noch im selben Jahr begann Görings Oberst Theodor Rowehl bei der Lufthansa-Tochter »Hansa-Luftbild« mit systematischen Aufklärungsflügen in großer Höhe über der Sowjetunion. Vier Spezialstaffeln entstanden. Noch nach dem Nichtangriffspakt mit Deutschland vom August 1939 nahm die sowjetische Seite geduldig mehr als 500 illegale Überflüge hin. Auch solche, bei denen zivile Lufthansa-Maschinen mit heimlichen Kameras an Bord von der Route abwichen. Am 22. Juni 1941, als Nazideutschland die Sowjetunion überfiel, konnte die deutsche Luftwaffe präzise Angriffe auf die wichtigsten sowjetischen Flughäfen fliegen.

Geschichte verleugnet

Die Lufthansa beschäftigte während des Zweiten Weltkriegs Tausende Zwangsarbeiter, darunter viele Kinder, die für die Reparatur beschädigter Kriegsflugzeuge eingesetzt wurden. Ihre Beteiligung an den Verbrechen des deutschen Faschismus verleugnete sie lange, stets mit dem Hinweis, die heutige Lufthansa sei doch erst 1955 gegründet worden. Zwar war das Vorgängerunternehmen auf Anordnung der Alliierten aufgelöst worden, und die neue Lufthansa fungierte offiziell nicht als dessen Rechtsnachfolger. Sie nutzte aber dasselbe Logo, den Kranich, und an der Spitze standen teilweise dieselben Männer, wie der Wirtschaftshistoriker Lutz Budrass betont, den die Lufthansa 1999 beauftragt hatte, den Einsatz von Zwangsarbeitern zu erforschen, und dessen Ergebnisse sie dann im Jahr 2001 zum 75. Firmenjubiläum aber lieber doch nicht veröffentlicht sehen wollte. Es erschien unter dem Titel »Adler und Kranich« erst 2016 im Blessing-Verlag. Nun ist zum 100. Geburtstag ein neues Buch im Auftrag des Konzerns angekündigt: »Lufthansa, die ersten 100 Jahre« aus der Feder der Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff und Manfred Grieger. Man darf gespannt sein.

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