Moderne Erinnerungen
Sparklmamis detailreicher Hyperpopentwurf »In This Body«
Was passiert, wenn die Aufgeregtheit von Hyperpop mit den Mitteln von Soul und Funk interpretiert wird, demonstriert das fabelhafte Debütalbum von Sparklmami, es heißt »In This Body«. Zu Beginn des phantastischen Openers »No Te Vayas« lädt die Sängerin uns auf einen Blick in ihre abgedrehte Welt ein, während ihre Band bereits verlockend den Groove aufnimmt. Es erfordert kaum Bedenken, die Einladung anzunehmen.
Hinter dem neckischen Pseudonym verbirgt sich die Chicagoer Künstlerin Ariella Granados. Sie ist auch auf dem Plattencover zu sehen, strahlend in einem weißen Kleid, mit comichaften Händen in einem collageartigen Raum. Das Artwork ist nicht nur witzig, es bereitet gebührend auf den Inhalt des Albums vor. Musik und Bild bilden eine Einheit. Die Ikonographie bedient sich unzähliger bunter Details, deren Bedeutung allerdings nicht immer klar wird und die vielleicht auch gar nicht existiert. Im Zentrum all dessen steht jedoch Sparklmami selbst, singend auf englisch und spanisch, hallend hauchend, lautmalend, häufig auch einfach nur ein Gedicht vortragend. Begleitet wird sie von einer vollwertig besetzten Band, deren Œuvre sich an den 60ern und 70ern orientiert und von Jazz-Funk bis zu Latin Soul oder Tango reicht. Wir hören die klassische Besetzung aus Gitarre, Bass, Schlagzeug und Sax, aber auch Orgel, Synthesizer und die Klänge eines Vibraphons, was die Arrangements sehr organisch klingen lässt. Das intuitive und unorthodoxe Songwriting verhindert, dass die Platte altbacken oder museal wirkt, anders als so manche Soul-Revival-Veröffentlichung der vergangenen Jahre.
Häufig wird bereits zu Beginn eines Songs ein Motiv entworfen, das ohne große Unterbrechung bis zum Ende durchgezogen wird. Gelegentliche wilde Soli unterbrechen den Fluss. Vieles bleibt skizzenartig. Die Platte hat einen angenehm analogen Sound, gleitet aber nie in Entspannungsmusik ab, was auch an der ungewöhnlich kurzen Laufzeit von nur 24 Minuten liegt. Einige Songs dauern knappe sechzig Sekunden. Ruhigere Passagen wirken ganz intim, insbesondere der Titelsong. Die Texte sind introspektiv und handeln von Schmerz und Leiden gebeutelter Menschen durch die Zumutungen unserer Gegenwart, von was auch sonst?
Trotz traditioneller Stilistik knüpft das Album an moderne Popmusik in ihrer ganzen Nervosität an (und es kommt vermutlich auch der geringen Aufmerksamkeitsspanne ihrer Hörerinnen und Hörer entgegen). In Interviews erklärt Sparklmami, wie sich ihre Arrangements teilweise an diffusen Kindheitserinnerungen von mexikanischen Fernsehserien bedienen. Dieses Verfahren verbindet sie mit vielen anderen Künstlerinnen und Künstlern der letzten Jahre. Ein Album also, das gleichzeitig hochmodern und traditionell wirkt, schwer zu fassen, aber auch wunderschön ist. Bevor man sie ins Popmuseum verfrachtet hat, galten auch Roy Ayers und Gil Scott-Heron als sperrig, subversiv, experimentell. Ob Sparklmami überhaupt daran interessiert ist, sich in irgendeine Tradition einzufügen, sei einmal dahingestellt. Allen Puristinnen und Puristen ist hiermit auf jeden Fall empfohlen, den Retroquark für weniger als eine halbe Stunde beiseitezulegen und sich auf den irren Popentwurf auf »In This Body« einzulassen.
→ Sparklmami: »In This Body« (Verve/Universal)
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
