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05.06.2026
- → Ausland
Wie geht die libysche »Küstenwache« vor?
Erneut wurde ein Rettungsschiff im Mittelmeer beschossen. Die EU nimmt das in Kauf, sagt Julia Leithäuser
SOS Méditerranée hat immer wieder auf eine gefährliche Eskalation im zentralen Mittelmeer hingewiesen. Jetzt wurde das Rettungsschiff »Sea-Watch 5« von der sogenannten libyschen Küstenwache beschossen. Was geschah genau?
Anfang Mai wurde die »Sea-Watch 5« beschossen und bedroht, unmittelbar, nachdem die Crew 90 Menschen gerettet hatte. Es ist der jüngste Höhepunkt einer Eskalation, die sich über Jahre angekündigt hat und zivile Akteure auf dem Mittelmeer einschüchtern soll. Bereits 2023 feuerte ein libysches Patrouillenboot während eines Einsatzes Warnschüsse nahe unserer Rettungsboote – ohne Konsequenzen. Im August 2025 stand unsere »Ocean Viking« 20 Minuten unter Beschuss, mit 87 Geretteten an Bord. Fenster wurden zerstört, Navigations- und Rettungsausrüstung beschädigt. Kürzlich erklärte die EU-Kommission, die Kooperation mit der libyschen »Küstenwache« habe weitere Angriffe verhindert und werde fortgesetzt. Die Eskalation der Gewalt wird also billigend in Kauf genommen.
Vor kurzem wurde bei einem Einsatz der »Ocean Viking« wieder eine verstorbene Person an Bord geholt. Wie kommt es zu solchen Extremsituationen?
Am 13. Mai evakuierten wir 56 Menschen aus Seenot. Ein lebloser Mann war in eine Wolldecke gehüllt. Unser Team versuchte, ihn zu reanimieren, ohne Erfolg. Überlebende berichteten, er stamme aus Bangladesch und sei in Libyen schwer misshandelt worden. Wir gehen davon aus, dass er schon einige Stunden vor Sichtung des Bootes an seinen Verletzungen gestorben ist. Menschen, die auf dem Mittelmeer sterben, weil Hilfe zu spät kommt, sind das Ergebnis einer Politik, die die Männer, Frauen und Kinder in ein Land zurückzwingt, in dem Folter und Gewalt gegen Geflüchtete die Norm sind.
Lässt sich sagen, wie viele Menschen von Abfangaktionen und Rückführungen nach Libyen betroffen sind?
Seit 2016 wurden mehr als 192.000 Menschen abgefangen und nach Libyen zurückgebracht. Das ist ein Land, das international nicht als sicherer Drittstaat anerkannt ist. Was dort passiert, ist gut dokumentiert: Schutzsuchende landen in einem System aus Haft, Folter und Gewalt. Die Dunkelziffer ist hoch. Auch die tunesische »Küstenwache« fängt Menschen ab, seit Juni 2024 ohne offizielle Zahlen. NGOs schätzen die Zahl der von Tunesien Abgefangenen jedoch auf rund 80.000.
Wie sieht die EU-Kooperation mit den libyschen »Küstenwachen« aus?
Die EU finanziert, trainiert und koordiniert seit Jahren mit den libyschen »Küstenwachen«, um Menschen von der Überquerung des Mittelmeers abzuhalten. Gleichzeitig kommt es immer wieder zu gewaltsamen Übergriffen dieser »Küstenwachen« auf zivile Rettungsschiffe und Boote in Seenot.
Sie sprechen von Widersprüchlichkeit im Handeln der Bundesregierung.
Anfang Mai 2026 stufte das Bundesinnenministerium die libyschen Such- und Rettungszonen für unter deutscher Flagge fahrende Schiffe auf Sicherheitsstufe 2 hoch, wegen der Gefahr durch libysche Akteure. Eine klare Aussage, dass Libyen kein sicherer Ort für Gerettete ist, verweigert die Bundesregierung jedoch weiterhin. Zudem enthält das aktuelle Mandat der EU-Militäroperation »Eunavfor Med Irini« keine Ausschlussklausel mehr gegen das Training der libyschen »Küstenwache« durch die Bundeswehr. 2022 war dies noch ausdrücklich ausgeschlossen. Die Bundesregierung erkennt die Gefahr an und stärkt diese Akteure gleichzeitig.
Die Rede ist vom tödlichsten Jahresbeginn im zentralen Mittelmeer. Was heißt das?
Die ersten drei Monate 2026 waren der tödlichste Jahresbeginn seit Beginn der Aufzeichnungen: 684 dokumentierte Todesfälle – fast eine Verdreifachung gegenüber 2025. Bis zum 27. Mai wurden bereits 827 Tote registriert, 74,5 Prozent mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. 2026 ist damit das tödlichste Jahr seit 2017. Und diese Zahlen unterschätzen die Realität: Viele Boote verschwinden spurlos. Was die Internationale Organisation für Migration erfasst, ist nur ein Ausschnitt dessen, was tatsächlich passiert.
Julia Leithäuser ist Referentin für politische Arbeit und Kommunikation bei der Seenotrettungsorganisation SOS Méditerranée
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