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04.06.2026
- → Feuilleton
Das unglückliche Bewusstsein
Eine Heldin aus der Provinz beim Olympiaspektakel 2024: Valentine Cadics tragikomisches Spielfilmdebüt »Ein Sommer in Paris«
Im Sommer des Jahres 2024 ist Paris voll lauter, bunter Lebendigkeit. Anlässlich der Olympischen Sommerspiele schieben sich dichte Menschenströme durch die Straßen, bevölkern Brücken und Plätze. Trotzdem fühlt sich alles leicht und freudig beschwingt an, was vielleicht auch an Johann Sebastian Bachs tänzerischer Badinerie aus seiner 2. Orchestersuite liegt, mit der Valentine Cadic die ersten Szenen ihres Langfilmdebüts »Ein Sommer in Paris« unterlegt (der Originaltitel lautet »Le rendez-vous de l’été« – »das Sommerfest«). Im Kontrast zu dieser allgemeinen Euphorie bewegt sich Blandine (Blandine Madec) ziemlich einsam und verloren durch die überfüllten Straßen der Stadt. Mit einer Woche Urlaub und einem geschenkten Ticket möchte die aus dem normannischen Küstenort Bayeux stammende 31jährige Heldin die Olympischen Spiele besuchen, und zwar besonders den Schwimmwettbewerb mit der von ihr bewunderten französischen Schwimmerin Béryl Gastaldello. Zugleich hofft sie auf ein Wiedersehen mit ihrer Halbschwester Julie (India Hair), die als alleinerziehende Mutter mit ihrer 8jährigen Tochter Alma (Lou Deleuze) in einem Pariser Hochhaus lebt.
Als tragikomische Figur mit Anpassungsschwierigkeiten, die ständig mit den Rhythmen und Anforderungen der Großstadt in Konflikt gerät, wird die stets freundlich und zurückhaltend, aber auch unsicher und gehemmt auftretende Blandine zunächst vom Pech verfolgt. Die Gepäckkontrolleurin am Einlass zur Schwimmhalle verweigert ihr den Zutritt, die Jugendherberge muss sie nach zwei Nächten aus Altersgründen wieder verlassen, und der Wettbewerb auf der Seine wird wegen der schlechten Wasserqualität verschoben. Jenseits der touristischen Atmosphäre und diverser Public-Viewing-Locations bekommt Blandine von den Spielen im Grunde nichts zu sehen. Sie scheint mit einem unglücklichen Bewusstsein ausgestattet zu sein. Als sie schließlich bei Julie Unterschlupf findet, überwiegt die Distanz eine mögliche Nähe. Julie streitet sich mal wieder mit ihrem Exmann Paul (Matthias Jacquin), der als Anti-Olympia-Aktivist gerade wenig Zeit für seine Tochter findet. Also springt Blandine ein, wird dabei aufgrund ihrer Gutmütigkeit aber auch ausgenutzt.
Zwar bleibt sie einsam und fremd, in dem mit leisem Humor getönten, farbenfrohen Großstadtfilm bewahrt sich Blandine trotzdem ihre innere Stärke. Durch nach und nach sorgsam eingeflochtene Informationen erfahren wir von ihren gebrochenen Familienverhältnissen und einer unglücklichen Liebe zu einer Frau. »Man weiß nie so richtig, was du denkst«, sagt Julie einmal zu ihr. Die ziemlich normal und unscheinbar wirkende Blandine, die als Klavierlehrerin arbeitet, beharrt gegen alle Anfechtung auf ihrer Individualität, ihrem Anderssein. Sie suche nicht nach der Liebe und wisse nicht, ob sie das Leben mit jemandem teilen wolle, äußert sie gegenüber dem jungen Security-Mitarbeiter Benjamin (Arcadi Radeff), mit dem sie scheu und freundschaftlich eine Nacht am Flussufer verbringt. Immer wieder inszeniert Valentine Cadic poetische Gegenbilder zu den teils absurden Szenen einer mit dokumentarischen Mitteln eingefangenen Wirklichkeit und vermittelt so eine verhaltene Hoffnung. Diese bleibt jedoch melancholisch grundiert. Mit der traurig-schönen Stimmung des Films korrespondieren wiederum die wehmütig schwebenden, repetitiven Keyboard-Sounds von Saint DX – etwa zu einer schwerelosen Motorrollerfahrt durch die Nacht, zu einem morgendlichen Abschiedsgruß und schließlich zu einem befreienden Blick aufs Meer.
→ »Ein Sommer in Paris«, Regie: Valentine Cadic, Frankreich 2025, 77 Min., Kinostart: heute
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