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Fließende Grenzen: Familienleben, Pornographie und Intimität in Muriel d’Ansembourgs Spielfilmdebüt »Truly Naked«
Goldene Farbe fließt zäh über einen nackten Frauenkörper, bevor kurz darauf als Film-im-Film die Dreharbeiten für einen Amateurporno beginnen. Gedreht wird auf einem breiten Bett im Eigenheim der Beteiligten, denn im Grunde handelt es sich um eine Familienproduktion. Vater Dylan (Andrew Howard) fungiert als Produzent und Darsteller, während sein noch schulpflichtiger Sohn Alec (Caolán O’Gorman) hinter der Kamera steht, später das Material schneidet und ins Internet stellt. Ökonomisch übermäßig lukrativ ist das nicht. Doch Dylan und seine bevorzugte Darstellerin Lizzie (Alessa Savage) fühlen sich als unabhängige, selbstbestimmte Selbstständige. Sie stehen zu ihrem noch immer halbwegs tabuisierten Metier, während Alec mit seinen inneren Konflikten zu kämpfen hat. Als kleiner Junge hat er seine Mutter (Dylans Ehefrau und Kollegin) verloren. Gegenüber seinen Mitschülern muss der introvertierte Einzelgänger sein Doppelleben verheimlichen, was auch Auswirkungen auf die von wechselseitiger Abhängigkeit bestimmte Beziehung zwischen Vater und Sohn hat.
In Muriel d’Ansembourgs unverkrampft realistisch inszeniertem Spielfilmdebüt »Truly Naked« (Hardcoreszenen inklusive) verändert sich die Figurendynamik, als sich zwischen Alec und seiner Klassenkameradin Nina (Safiya Benaddi), einem Scheidungskind, eine Beziehung entwickelt. Ausgerechnet zum Thema Pornosucht sollen die beiden ein Referat halten, dessen Erarbeitung im weiteren Handlungsverlauf allerdings nur eine Alibifunktion erfüllt. Stärkeres Gewicht legt die in New York geborene und in Amsterdam aufgewachsene Regisseurin auf die Liebe zwischen den beiden Jugendlichen und ihre Entdeckung sexueller Intimität jenseits der vorfabrizierten Bilder und Geschlechterrollen. Das bleibt natürlich nicht ohne Konflikte, da Alec sich nicht nur aus der Abhängigkeit von seinem ebenso dominanten wie kindlichen Vater lösen muss, sondern auch von seinen pornographischen Vorbildern.
D’Ansembourg nutzt für ihre Coming-of-Age-Geschichte das Film-im-Film-Motiv, um gerade diese zwiespältige Differenz zwischen Fiktion und persönlichem Erleben zu thematisieren. Forciert wird das noch durch gezielte Pornoschockszenen (soviel sei verraten, ein lebendiger Tintenfisch spielt dabei keine kleine Rolle), die verdeutlichen, dass auch die inszenierte filmische Wirklichkeit ihre Grenzen hat. Diese Erfahrung führt Alec schließlich in eine befreiende Distanz zu seinem Vater, ohne dass sich das Band zwischen ihnen komplett lösen muss. Die selbstbewusste, feministische Nina – die ein T-Shirt mit dem Aufdruck »I didn’t come from your rib, you came from my vagina« trägt und Motorrad fährt – verlangt von Alec nichts weniger, als dass dieser aus seiner von Bildern und Ängsten verstellten Deckung heraustritt, um sie als Frau und gleichberechtigtes Gegenüber zu sehen.
→ »Truly Naked«, Regie: Muriel d’Ansembourg, Niederlande/Belgien/UK/Frankreich 2026, 102 Min., Kinostart: heute
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