Schule des Sehens
Mysteriöse Welt: Alexandre Koberidses Film »Dry Leaf«
Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?« lautet der Titel von Alexandre Koberidses vorhergehendem Film. Was sehen wir, wenn wir »Dry Leaf« schauen, könnte man angesichts seines neuen, dreistündigen Werkes fragen. Dessen unscharfe, verwaschene Bilder changieren zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem. Aufgenommen mit einer alten Sony-Ericsson-Handykamera, huldigen sie der Undeutlichkeit und werden so zu einer Schule des Sehens und der Wahrnehmung. Am irritierenden Rand der Erkenn- und Identifizierbarkeit verschwimmen die sonst klar umrissenen Konturen, werden, als handle es sich um Aquarellmalerei, zu leuchtenden, unscharf begrenzten Farbflächen, die zur Abstraktion hin ausbrechen. Die Menschen und Dinge erhalten so eine geheimnisvolle, fast mysteriöse Aura. Die höchst sinnlichen Naturstimmungen zwischen An- und Abwesenheit wirken geisterhaft. So entsteht eine detailreiche, assoziativ gestaltete Poesie des Alltäglichen, die kein erzähldramaturgisches Ziel verfolgt, sondern aus dem Gefundenen und aus zufälligen Begegnungen schöpft.
Die Undeutlichkeit und die ziellose Bewegung im unbekannten Terrain korrespondieren wiederum mit dem rudimentären Plot des Films: der Suche eines Vaters nach seiner Tochter. Der georgische Filmemacher hat dieses Unterwegssein, gemäß dem Filmtitel, mit dem unbestimmten Fallen eines welken Blattes und dessen unbekanntem Weg verglichen. Auch sein völlig unkonventioneller, freier Film, den Alexandre Koberidse mit seinem Bruder Giorgi, der als Filmkomponist fungiert, realisiert hat, dokumentiert ein Unterwegssein im Ungewissen. Dieses führt den besorgten Vater Irakli in entlegene ländliche Regionen und dort bevorzugt zu verlassenen, teils verwilderten Fußballplätzen. Seine 28jährige Tochter Lisa, die vor ihrem überraschenden Verschwinden noch einen Abschiedsbrief geschrieben hat, wollte als Sportfotografin in ihrem aktuellen Projekt diese Orte des Wandels und Zerfalls dokumentieren. Irakli und sein unsichtbarer Begleiter Levan, ein Freund und Kollege von Lisa, begegnen auf ihrem Roadtrip Menschen und ihren Geschichten, zahlreichen Tieren und einer abwechslungsreichen, ursprünglichen Natur.
Immer wieder fragen sie nach dem Weg, bleiben aber ohne konkrete Spur. Zwischen Hoffnung und Zweifel besichtigen sie ein unbekanntes Land, das in den sich auflösenden und zugleich bewahrenden Bildern gewissermaßen kurz vor dem Verlöschen Konturen gewinnt. Vertikale Linien, die das Bild teilen, und Kreise, über die der Sportlehrer Irakli zu Beginn des Films doziert, werden zu wiederkehrenden Mustern, die sich mit den skulpturalen Formen der Natur verbinden. So entsteht aus der Aufmerksamkeit für scheinbar Nebensächliches oder zufällig Gefundenes eine träumerische, verzauberte Welt. Als höchst sinnliche impressionistische Stillleben erscheinen Wasserbrunnen, primitive Fußballtore oder im Spiel von Licht und Schatten auch die Silhouetten von Pflanzen. Und über allem liegt das stille Bedauern über den drohenden Verlust dieser Schönheit, aber auch die Dankbarkeit für jene Wege, die in Alexandre Koberidses poetischem Roadmovie »Dry Leaf« in die Welt und zum anderen führen.
»Dry Leaf«, Regie: Alexandre Koberidse, Deutschland/Georgien 2025, 186 Min., bereits angelaufen
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