Im Fluss der Zeit
Einander helfen:Charlie McDowells Tragikomödie »Das Sommerbuch«
Von leichtem Wellengang bewegt, wiegen sich Eisschollen am Ufer einer kleinen Felseninsel im finnischen Schärenmeer. Kurz berühren sie sich, stoßen sich voneinander ab, als würde die Zeit stillstehen und ihr schaukelnder Kräfteausgleich ewig so weitergehen. Doch nach einem Schnitt ist Frühling, die Natur jetzt grün und hell, die Luft klar und rein. Stille liegt über dem abgeschiedenen Eiland mit der kleinen, einfachen Holzhütte, in die einzelne, wärmende Sonnenstrahlen fallen. Und dann ist plötzlich Sommer, ein Motorboot bewegt sich auf die Schären-Insel zu. Rücklings und mit ausgebreiteten Armen liegt die neunjährige Sophia (Emily Matthews) über dem vorderen Bug und scheint dabei förmlich über dem Wasser zu schweben. Ein Gefühl von Ruhe und Freiheit liegt in dieser Geste. Zusammen mit ihrem Vater (Anders Danielsen Lie) und ihrer Großmutter (Glenn Close) bezieht das Mädchen für die Sommermonate die Hütte am Meer. Doch die Idylle ist nicht unbeschwert.
Charlie McDowells filmische Adaption von Tove Janssons Roman »Das Sommerbuch« etabliert von Anfang an einen ruhigen, fast meditativen Erzählrhythmus, der sich ganz dem Takt der Natur, sinnlichen Erfahrungen und der sommerlichen Inselatmosphäre überlässt. In gedehnten Szenen erleben die Protagonisten einen unspektakulären Alltag, in dem fast nichts passiert, der aber reich ist an Beobachtungen und Gesprächen. Dabei wird mehr angedeutet als ausformuliert, so dass vieles der Ahnung des Zuschauers überlassen bleibt. Lose Handlungs- und Erzählfäden verbinden sich zu einem Stimmungsbild, das angesichts einer existentiellen Krise als Folie dient für grundlegende Fragen nach Zeit und Vergänglichkeit, Leben und Tod. Auf je eigene Weise werden alle drei Figuren damit konfrontiert.
So betrauert der Vater, ein Illustrator, seine verstorbene Frau und zieht sich dabei immer mehr in sich selbst und in seine Erinnerungen zurück. Kurze Flashs lassen ihn wie einen Abwesenden erscheinen, der den Bezug zur Gegenwart und zu den Menschen in seiner Nähe verloren hat. Darunter leidet vor allem Sophia, die sich zunehmend vernachlässigt, mithin ungeliebt fühlt. Die weise, zugewandte Großmutter spürt das und nimmt sich behutsam und aufmerksam des Kinds an. Es sucht bei seiner Oma Schutz, wächst an den Erfahrungen und Einsichten der beiden Alten und wird schließlich selbst zur helfenden Begleiterin. Denn die Großmutter spürt ihr nahendes Lebensende, erlebt, wie alles von ihr abgleitet und ihre Erinnerungen verblassen. Da wird Sophia zu ihrer Mittlerin, indem sie sinnliche Zugänge zur verlöschenden Vergangenheit schafft.
Ein dramatischer Sturm verhilft schließlich auch dem Vater zu einem emotionalen Durchbruch und führt ihn zu einer Wiederannäherung an seine Tochter. Ihr gemeinsames Eintauchen ins Meer versinnbildlicht diese gestärkte Verbindung. Einmal tröstet die Großmutter ihr Enkelkind über einen durchtrennten Wurm mit den Worten: »Aus beiden Hälften wird Neues entstehen.« Und so verbinden sich in dem – nicht zuletzt durch die Musik von Hania Rani – melancholisch getönten Film Anfang und Ende der Zeit.
→ »Das Sommerbuch«, Regie: Charlie McDowell, USA/GB/Finnland/Brasilien 2025, 95 Min., bereits angelaufen
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
