Transformationen des Gemachten
Christiane Büchners Doku über den WDR-Filmredakteur Werner Dütsch
Man weiß, wie es gemacht ist, fällt aber trotzdem darauf rein«, sagt der langjährige WDR-Filmredakteur Werner Dütsch (1939–2018) gleich zu Beginn von Christiane Büchners Film »Erzählungen eines Kinogehers« über den Wesenskern des Kinos. Während die Regisseurin aus dem Off Details für die szenische Einrichtung des langen Gesprächs mit dem Porträtierten bespricht, zeigt eine animierte Tuschezeichnung mit wenigen, fortlaufenden Strichen, wie das Set mit Kamera, Tonarm und Lampen aufgebaut wird. Inszenierung und Prozess ihrer Entstehung sind also auch für dieses auf den ersten Blick so wenig gemachte dokumentarische Zeugnis konstitutiv. Die Animationen, die das konzentrierte Interview durchgehend begleiten und unterbrechen, dienen mit ihren Nachzeichnungen und Übermalungen von Filmausschnitten weniger der Illustration; vielmehr fungieren sie als mediale Verfremdung der Erinnerung. Mit ihrer spielerischen, skizzenhaften Leichtigkeit schaffen sie ein Gegengewicht zur Gesprächssituation und sind zugleich selbst Interpretation.
Bereits bei seinen ersten, heimlichen Kinobesuchen im Marler Stadtteil Hüls Ende der 1940er Jahre entwickelt Werner Dütsch trotz der als magisch empfundenen Bewegtbilder eine kritische Distanz zu einem Medium, das »nicht die Sache selbst« zeigt, wie er etliche Jahre später mit Blick auf Michail Romms »Der gewöhnliche Faschismus« (1965) lernt. Die Differenz zwischen der Wirklichkeit und ihrem Abbild sowie daraus folgend die ästhetische Form beziehungsweise künstlerische Gestaltung als Bedingung für den Inhalt eines Werks ziehen sich durch Dütschs filmtheoretische Überlegungen und spiegeln sich letztlich in seinen redaktionellen und praktischen Arbeiten für das Fernsehen. Die Programme der legendären WDR-Filmredaktion, zu der Dütsch neben Georg Alexander, Wilfried Reichart, Angelika Wittlich und Enno Bussmann ab 1970 gehörte, vermittelten in diesem Sinne nicht nur Filmgeschichte. Sie waren zugleich filmkundlich sowie film- und fernsehkritisch. Außerdem förderte der Sender die ästhetisch innovativen Produktionen von Filmautoren wie Harun Farocki, Hartmut Bitomsky oder auch James Benning.
Im Rückblick auf seine Herkunft und filmische Sozialisation vergegenwärtigt Werner Dütsch einen beruflichen Werdegang, der durchaus nicht vorgezeichnet war. Denn trotz seiner frühen Begeisterung für das Kino absolviert er zunächst eine Lehre als Chemiefachlaborant, bevor er über einen mehrjährigen Bürojob in einem Oldenburger Kino schließlich bei den »Freunden der Deutschen Kinemathek« in Berlin landet. Die Lektüre der maßgeblichen Zeitschrift Filmkritik, die Dütsch als »wichtiges Stück Literatur zum Film« bezeichnet, und die Treffen der Filmklub-Bewegung werden neben seinen eindrücklichen Kinobesuchen gewissermaßen zu seiner Schule des Sehens. Neben der erwähnten Abbildfunktion des Mediums entdeckt der neugierige Cinephile jenseits üblicher Handlungsdramaturgien die Selbstreflexion von Figuren im frühen Film oder auch das völlig Neue in den Filmen von Jean-Luc Godard. Zum Originalton der berühmten Szene mit Samuel Fuller aus »Pierrot le fou« (1965) dient auch hier eine animierte Sequenz dazu, die Erinnerung gefiltert zu vergegenwärtigen. Denn schließlich, so bemerkt Dütsch bereits an früherer Stelle, werden Filme, indem man sich an sie erinnert, selbst transformiert und in der interpretierenden Aneignung verwandelt.
→ »Erzählungen eines Kinogehers – Werner Dütsch«, Regie: Christiane Büchner, BRD 2024, 100 Min., bereits angelaufen
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