Verbotene Liebe
Queeres Leben: Leyla Bouzids Film »Mit leiser Stimme«
Zusammen mit ihrer Freundin Alice (Marion Barbeau) reist die 32jährige Ingenieurin Lilia (Eya Bouteraa) von Paris nach Tunesien, um an der mehrtägigen Trauerzeremonie für ihren verstorbenen Onkel Daly teilzunehmen. Doch schon bei ihrer von Erinnerungsbildern flankierten Ankunft in dem verwunschenen, von üppiger Vegetation umrankten Familiendomizil in der Medina der alten Hafenstadt Sousse spürt sie, dass den Toten offenbar ein Geheimnis umgibt. Unter den anwesenden Familienmitgliedern werden bedeutungsvolle Blicke getauscht, Andeutungen machen die Runde. Vor allem aber lastet ein Schweigen auf den Trauernden, die sich nur langsam öffnen, um sich dem Tabu zu stellen und sich aus dem familiären Konstrukt aus Lügen und Geheimnissen zu lösen. Der Tote war offensichtlich homosexuell, was in Tunesien noch immer strafbar ist, und führte, unfreiwillig durch eine Ehe getarnt, ein unglückliches Leben. Wegen der unklaren Todesumstände ermittelt außerdem die Polizei.
Die tunesische Regisseurin Leyla Bouzid etabliert in ihrem ruhig und verhalten erzählten Familiendrama »Mit leiser Stimme« (»À voix basse«) eine spiegelbildliche Geschichte, um den Konflikt zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Unterdrückung zu thematisieren. Denn auch Lilias sexuelle Orientierung entspricht nicht der Norm und den Erwartungen ihrer Familie. So hält sie ihre wahre Beziehung zu Alice, die in einem Hotel untergebracht ist, zunächst geheim. Selbst ihre Mutter Wahida (Hiam Abbass), eine geschiedene Ärztin, darf davon nichts wissen. Im traditionellen Familiengefüge führt das unweigerlich zu Konflikten. Und so muss auch Lilia irgendwann ihre Deckung verlassen, während sie zugleich die Lebens- und Todesumstände ihres unglücklichen Onkels recherchiert und dabei sowohl dessen früheren Geliebten trifft als auch Bekanntschaft mit der queeren Community der Stadt macht.
Gegliedert nach einer sechstägigen Trauerzeit, die Leyla Bouzid mit dokumentarischen Anleihen inszeniert, verbindet der Film auf behutsame Weise die persönliche Emanzipation einer jungen Frau mit der Kritik an unzeitgemäßen gesellschaftlichen Normen und einer überholten politischen Gesetzgebung. »Es ist einfach Liebe«, sagt Lilia einmal lapidar zu ihrer Mutter. In einer Atmosphäre aus Licht und Schatten, eingefangen im magischen Haus von Bouzids eigener Großmutter, verwandelt sich der Schmerz erlebter Unterdrückung, greifbar nicht zuletzt im verfehlten Leben des verstorbenen Onkels, aber auch im Widerstreit zwischen Tradition und Moderne, mit versöhnlichem Augenzwinkern in weibliche Solidarität. Als sich einmal ein kleiner Vogel in eines der Zimmer verirrt und flügelschlagend nach einem Weg ins Freie sucht, gelingt es den Frauen schließlich, ihn mit vereinten Kräften in die Freiheit zu entlassen.
»Mit leiser Stimme«, Regie: Leyla Bouzid, Frankreich/Tunesien 2026, 113 Min., bereits angelaufen
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