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Literatur

Tristesse coloniale

Dritter Versuch: Joachim Bessings Äthiopien-Roman »Wachs und Gold« über die Suche nach der Suche und Schokolade

Foto: Tiksa Negeri/File Photo/REUTERS
»Irgendwie faszinierend, aber zugleich auch sattsam bekannt, mehrdeutig, aber nicht verwirrend« – Joachim Bessing über Addis Abeba

An ihren Worten sollst du sie messen: »Ich hasse es zu reisen. Das hat mit nichts Bestimmtem zu tun, vielleicht liegt es in meiner Natur. Es gibt jedenfalls keinen Grund dafür, den ich nennen könnte.« So Joachim Bessing im Vorwort zu Christian Krachts Reisereportageband »Der gelbe Bleistift« (2000). Danach folgte ein durchaus berechtigter Schimpf auf die Reiseliteratur, in der sich Mühe gegeben wird, möglichst großen Schund zu fabrizieren, als hätten deren Verfasserinnen und Verfasser »im Flugzeugsessel Platz genommen und sich einen dieser lieblichen Rotweine bestellt«, auf dem Weg, um »von ihrem Verstand und vor allem von ihrer Sprache weg reisen« zu können, auf dass sie am Zielflughafen »in eine von Helfern bereitsgehaltene Reisehaut klettern«. Man befinde sich schließlich nicht in einem fremden Land, sondern »auf einem anderen Planeten«.

2012 hatte sich das Fünftel des »Tristesse Royale«-Quintetts nun doch dazu aufgerafft, eine Reise zu unternehmen – und was für eine: ein Jahr Äthiopien. Er habe den Roman dazu dreimal geschrieben, wie er in einem Instagram-Video des Verlags Matthes & Seitz gesteht, wie andere sagen, sie haben beim Klogang zweimal nicht getroffen, aber dann hat’s geklappt! Auch das in Schwarz gehaltene Buntschnittbuch erinnert unangenehm daran, dass die goldenen Zeiten der deutschen Popliteratur vorbei sind und dass Pop meint, mit der Zeit zu gehen, sei’s auch in die Binsen.

Der Mann, der als Hauptfigur unter dem Autorennamen firmiert und auch sonst recht viel mit dem teilt, der den Reiseroman geschrieben hat, »erzählte jedem, der ihn fragte, wieso er ausgerechnet nach Äthiopien gekommen war, eine andere Geschichte. Beispielsweise die, in der eine Frau in Cádiz, dem alten Seeräubernest von Andalusien, ihm sein Maja-Horoskop ausgelegt hatte. Und sein Maja-Horoskop hatte besagt, dass er seinen beiden Elementen, eines davon ein blauer Adler, als drittes nun die Rote Erde hinzuzufügen habe. Die Rote Erde stand, laut den Weissagungen der Maja und deren Verkünderin, für die Berge und Wüsten Abessiniens, ehemals Reich von Aksum und Heimat der Habescha, heutzutage Demokratische Bundesrepublik Äthiopien genannt.« Andere mögliche Reisegründe: die Arbeit in einer Redaktion, weswegen er sich im altehrwürdigen Palasthotel von Addis Abeba einquartiert – oder schlicht und ergreifend ein Herzbruch, der ihn in die Flucht geschlagen hat.

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Transzendenz, Arbeit, Liebe – Bessing sucht mit »Wachs und Gold« selbst die Suche in der großen Sinneinöde. Die umspannt den ganzen Globus: Die ironischen Werbebanner auf den T-Shirts vermittelten in Christian Krachts »Faserland« (1995), wie sehr man in Deutschland auf den Hund gekommen sei, das auch ahne, aber nicht anders könne. Eine ganz andere Ebene des semiotischen Abgangs sind Äthiopierinnen und Äthiopier in Kleiderspenden – ein Hirtenjunge, dick eingehüllt in Ironie nach dem Zwiebelprinzip, macht unfreiwillig und völlig deplaciert Werbung für die Spaßpartei APPD.

Den Spaß zwingt Bessing hier und da auf die Bühne – etwa wenn er das emsige Einsammeln der kleinsten Datenmenge, die das miserable Hotelinternet überträgt, mit der Erfindung des Feuers gleichsetzt. Bessing kokettiert nicht selten damit, das Fremde zu mystifizieren – ohne dass ihm gleich vorgeworfen werden sollte, er habe da die mitteleuropäische Brille auf und schicke sich an, ein neokoloniales Projekt aus lauter Stereotypen zu forcieren. Vielleicht auch, weil er zu sehr damit beschäftigt ist, der Hotelkatze zu gefallen oder seine Süßigkeitensucht zu stillen – ich erinnere mich nicht daran, je auf so vielen Seiten einem auf der Jagd nach Schokolade gefolgt zu sein.

Gute Schriftsteller, wie auch Bessing einer ist, wissen um ihre Stärken und Schwächen; wie er recht weit vorne in »Wachs und Gold« Äthiopiens Hauptstadt wertet, das lässt sich auch über Joachim Bessings Schreiben schreiben: »irgendwie faszinierend, aber zugleich auch sattsam bekannt, mehrdeutig, aber nicht verwirrend, exotisch und sein Gegenteil«.

Das Exotischste am Roman: dass es Zeiten gab, wo Autoren ein Jahr lang im Hotel genüsslich Urlaub mit Recherche verquickten und also arbeitslos arbeiteten. Ein paradiesischer Zustand – als hätten die Pogoanarchisten die Macht ergriffen und die gesamte Menschheit in Reisehäute gesteckt.

→ Joachim Bessing: Wachs und Gold. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2026, 262 Seiten, 24 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.06.2026, Seite 11, Feuilleton

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