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Kinder

Charme des Nacheinanders

Spaß an der selbstgewählten Unterordnung: Faszination Dinosaurier

Foto: Jördis Hirsch

Der Tageszeitungsdino junge Welt rief, ich folgte. Ein Beitrag zum Kindertag muss her, und warum nicht einer über das, was zwar evolutionär bzw. per kosmischem Steinschlag erledigt, aber doch nicht totzukriegen ist: Die Urzeitechsen faszinieren die Menschheit. Die Attraktion währt in der Westhemisphäre seit den vielen Knochenfunden im buddelenthusiastischen 19. Jahrhundert und erübrigt, hier auf eine Forschung einzugehen, die jene barfuß kennen, die vielleicht den Unterschied zwischen Glasreiniger und Scheuermilch nicht wissen, dafür aber klar zuordnen können, wer durch Perm und wer durch Jura stapfte.

»Raubtiere schnappten sich Kinder – ihre Lieblingsbeute – einfach und ließen nichts zurück«, heißt es in Michael Crichtons »Jurassic Park« (1990) symptomatisch holprig. Den Thriller in der Übersetzung von Klaus Berr hatte ein anderes Ding der Vorzeit, die vor zwei Jahren ausgestorbene Weltbild-Verlagsgruppe, in ihre »Bild-Bestseller-Bibliothek« (»Große Romane – Großes Gefühl«) zwischen Siegfried Lenz (»So zärtlich war Suleyken«) und Truman Capotes »Kaltblütig« gepackt. Ein Jahrhundertroman ist Crichtons Kritik an der Gott nacheifernden Genmanipulation mit seiner zugegeben nicht uncharmant-literaturfern-szientistischen Drehbuchprosa keineswegs. Wenn es Writer’s Writer gibt, ist der in Harvard ausgebildete Arzt (1942–2008) ein Screenwriter’s Writer. Die Drehbücher u. a. für die Serie »Emergency Room« (1994–2009) und den Film »Westworld« (1973) schrieb er selbst, für Letzteren übernahm er auch die Regie.

Für Steven Spielberg bereitete er seinen Roman auf: »Jurassic Park« (1993) erweckte zum Leben, was nunmehr als »Jurassic World« von Universal und konkret Chris Pine totgeritten wird. Die überwältigende Tricktechnik von damals fraß die Aufmerksamkeit von kleinen wie großen Kindern. Ich laberte meinen Eltern vergebens Frikadellen in die Ohren, um das Schauverbot aufzuheben – bis ich denn wenigstens 2001 den dritten Teil im Kino sehen durfte.

Was meine Eltern davon abhalten mochte, mich von Hollywoods neuen Filmproduktivkräften verstören zu lassen, war und ist das, was an den schuppigen Riesen begeistert: Als Titanen dem Menschen an Größe und Kraft überlegen, spiegeln Dinosaurier eine selbstverordnete, lustvolle und jederzeit von unten her kündbare, scheingefährliche Subordination wider. Die Herrscher der Erde von einst sind – anders als die Herrschenden und Besitzenden der Welt von heute – keine Bedrohung mehr. Die Gänsehaut trägt man, weil es einem behagt. Das Furchterregende, das nicht vollends bestimmt, was es mit mir macht, sondern das ich mir selbst ausmalen kann, ist endlich.

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Das macht das Schauen von Filmen wie »Godzilla x Kong: The New Empire« (2024) so schwer erträglich, wenn dort semigöttliche Tiergiganten den Planeten halb retten und zu drei Vierteln zu Klump kloppen, und sich trotzdem Urlauberinnen und Sonnenbader am Strand von Rio de Janeiro massenhaft aalen, als könne nicht jederzeit ein Riesenvieh auftauchen und die Ameisen zerquetschen, statt auf Enver Hoxha zu hören, und die Gesellschaft in den Bunker zu verlegen. Hier ist kein Spaß mehr möglich, und trotzdem wird er mit aller Ignoranz betrieben, als sei alles, wie es sein soll. Das Gegenteil vom Dinogrusel.

»Darstellung und Vorstellung von Dinosauriern hängen stark zusammen, weil niemand je einem lebendigen Tier begegnet ist«, gab der Linzer Kulturwissenschaftler Alexis Dworsky gegenüber dem Schweizer Rundfunk an, als vergangenes Jahr »Jurassic World Rebirth« erschien. »Der Dinosaurier ist damit immer auch eine Projektionsfläche, auf welche die heutige Zeit in die Urwelt transferiert wird. Etwa zur Zeit des Kalten Krieges, als zwei Blöcke von Dinosauriern gegeneinander kämpften, nämlich die guten Pflanzenfresser gegen die bösen Fleischfresser.« Daran mag viel sein – sich vor dem mehr zu fürchten, das einen und nicht nur die Rabatten im Garten anfrisst, ob en bloc oder solo, scheint dann doch nichts mit Zeitgeist zu tun zu haben.

Sieht man die properen Dinos im ostsächsischen Kleinwelka (obersorbisch: Mały Wjelkow), fühlt man sich durch seine zuerst enttäuschte und dann erfüllte Erwartungshaltung allemal ans Gegenwärtige erinnert und jene durchdefinierten, dehydrierten, von Fitnessprogrammen und Pulverfraß geformten Leiber, in die der Mensch gesteckt wird; und eben auch vom die Kreidezeit dominierenden Behemoth erwartet man spätestens seit Spielberg Sportlichkeit. Als Franz Gruß, dessen Todestag sich am 30. Oktober dieses Jahres zum zwanzigsten Mal jährt, Ende der 1970er begann, in seinem eigenen Garten Saurierskulpturen im Maßstab eins zu eins aus Stahldraht und Beton zu bauen, stand dem Bildhauer ob des Materials gar nicht offen, den Tyrannosaurus Rex als carnivoren Superleichtathleten nach Diätplan darzustellen.

Der Saurierpark steht heute noch, und wer eine Pause vom Digitalen braucht oder einen anderen guten Grund hat, Immersionsbuhei wie die noch bis Mitte September in München statthabende »Jurassic World Experience« zu meiden, tingelt bei schönem Wetter in den Bautzner Ortsteil. Obwohl nicht nur ich von der spärlichen Beschilderung für Fußgängerinnen und Fußgänger von der Bushaltestelle an der B 96 irritiert war, sind es doch ein paar, die sich an einem sonnigen Donnerstag vormittag bei 16 Grad Celsius und außerhalb der Ferien den Park anschauen. Eltern und Großeltern mit Kindern im Vorschulalter meist, weniger Nichterziehungsberechtigte, die ihrem inneren Kind eine Freude machen. Was die Kinder dort fast völlig ohne Animationen beeindruckt, unterhält die ausgewachsenen Besucherinnen und Besucher durch den Charme des unspektakulären Nacheinanders: Die Plastiken überwältigen durch Realismus und Größe, nicht durch Hydraulik und Reizüberflutung. Was steht, steht. Einzig das wohl unumgängliche Anwanzen ans Kino, der Parkabschnitt »Die vergessene Welt«, entspricht einer Geisterbahn. Bevor man den niedergetrampelten Forschungsvorposten betritt, sollte man austreten – der bebende Boden, die raschelnden Büsche und das in Stroboskoplicht getauchte Labor lehren das Fürchten. Die warmgehaltene Bratwurst an der Fressbude zu Freizeitparkpreis wiederum legt einem den Vegetarismus nahe; die Gemüsefrikadüse hätte es schließlich auch gegeben.

Franz Gruß hat 1984 die Leibniz-Medaille der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin erhalten. Als der Platz im eigenen Garten nicht mehr ausreichte, stellte man dem Dinovater jenen Park zwischen Klein- und Großwelka zur Verfügung. Die Folge der Kinderfernsehserie »Mit Jan und Tini auf Reisen« über Gruß und seine Arbeit kann man sich im »Dinorama« anschauen. Mit Sicherheit hatte Gruß seine liebe Mühe mit den behördlichen Mühlen, zumal Beton anderweitig gebraucht wurde. Und wie sehr ihm der Sozialismus selbst geschmeckt haben mag, sei dahingestellt. Die abgeschriebenen Gästebucheinträge, die im »Sauriergarten« auf der Gedenktafel für Gruß stehen, scheinen deshalb ausgewählt worden zu sein, um ihn zum großen Kombattanten der DDR-Bürokratie ins Licht der Opposition zu rücken, in dem hinterher gerne alle stehen. Als mache das allein einen Dissidenten aus und als habe es noch nie jemand gegeben, der zur Verbesserung des Bestehenden maulte und nervte.

Nur in Sachen Dinos wollen auch hinterher nicht alle dafür sein.

Saurierpark: Saurierpark 1, 02625 Bautzen OT Kleinwelka, bis 1. September täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet

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Ken Merten lebt in Leipzig. Soeben erschien sein Briefroman »Kleiner als drei« im Berliner XS-Verlag.

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Erschienen in der Beilage vom 27.05.2026, Seite 3, Feuilleton

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