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11.05.2026
- → Feuilleton
Raumloser Raum
Das letzte Album von At the Gates mit dem verstorbenen Sänger Tomas Lindberg
Man stirbt nicht nur einmal. Wie oft sich sozialdemokratische Ideen zum Totkloppen ausbuddeln lassen, das zeigt die SPD. Als eine schwierige Geburt wiederum ist der Melodic-Death-Metal kein schlechtes Beispiel dafür, dass man nicht nur einmal lebt. Die Göteborger At the Gates schlugen in der ersten Hälfte der 1990er eine Rückbindung des Death-Metal hin zu dem, was man schlechten Willens Eingängigkeit nennen kann. Songs als Narrative mit strafferer Hierarchie der Instrumente und einer Leadgitarre als die Herz und Hirn anfassende Erzählstimme – Tomas Lindberg war als Sänger von At the Gates seit Gründung 1990 Frontmann, musikalisch nie aber die Figur, die die Schweden zu der Weltwirkmacht brachte, die sie zweifellos hatten. Damit ist er nicht allein: Dass der jüngste Sängerinnenwechsel bei Arch Enemy aus Halmstad so ein großes Brimborium war, hat viel mit Promo zu tun, wenig aber damit, wer im Melodic-Death-Metal den Ton angibt: immer die Leadgitarre, wenn denn, wie im Falle von In Flames, das Sängerego nicht andere Saiten aufzieht und den Platz an der Sonne für sich beansprucht.
Vergangenen Herbst ist Tomas Lindberg gerade einmal 52jährig verstorben. Es wäre zuviel der Sinnbildnerei, auszudeuten, dass es Mundhöhlenkrebs war, der den Sänger umbrachte.
At the Gates haben nunmehr mit »The Ghost of a Future Dead« ihr achtes und letztes Album mit Lindberg herausgebracht. Auf die ersten vier Langspieler sind nach mehrjähriger Bandpause nunmehr die zweiten vier gefolgt. Das andere folgt auf das eine, fortwährend geht es fort: »En vandring i mörker / Det evigas hem / Outhärdligt och gränslöst / Ett rum utan slut«, heißt es, untypisch auf schwedisch, und meint auf deutsch etwas wie: »Ein Spaziergang in der Dunkelheit / Die Heimat des Ewigen / Unerträglich und grenzenlos / Ein Raum ohne Ende.«
At the Gates richteten mit dem Melodic Death einen raumlosen Raum ein, frei von Nippes, den andere dort hinstellten, und waren damit nicht nur Gründer ihrer Schule, sondern gleichsam Regelbrecher: Es braucht kein Synthesizerklimbim, keinen Gitarrenstuck, keinen Gesang, der alle Stile abdeckt, und damit keinen. »The Ghost of a Future Dead« mag entsprechend jenen langweilig erscheinen, die sich nur mit dem stets Neuen intensiv genug langweilen können. Andere mögen hier At the Gates als das erkennen, das sie stets waren: ein Spaziergang in absoluter Dunkelheit. Denn sterben und leben lässt sich nicht nur mehrmals, auch das Hören zerschießt sich oft in mehreres Hören gleichzeitig. Bei At the Gates richtet sich ein Sinn auf einen Sinneseindruck – für den Metal, der grundsätzlich gern planiert und zu dem die Überforderung gehört wie der Arbeiterverrat zur SPD, zeugt das nicht von falscher Bescheidenheit, sondern von der Einsicht, dass die Ursprungsidee gern auch die beste ist. Entsprechend findet sich in »Parasitical Hive« und anderen Songs auf »The Ghost of a Future Dead« immer wieder das, was sich auf der 95er »Slaughter of the Soul« und dort mit »Blinded by Fear« finden lässt. Weil es nichts anderes braucht.
→ At the Gates: »The Ghost of a Future Dead« (Century Media)
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