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Aus: Ausgabe vom 16.01.2026, Seite 2 / Inland
Rechtsentwicklung

Wie ging die DDR gegen rechte Subkulturen vor?

»Antiautoritär« war in Ostdeutschland nicht notwendig politisch links codiert, sagt Stefan Wellgraf
Interview: Richard Malone
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Die jugendliche Subkultur in der späten DDR war weithin antikommunistisch: Ostberliner Skinhead posiert in seiner Wohnung (12.8.1990)

In diesen Tagen erscheint Ihr Buch »Staatsfeinde«, das sich mit »rechten Subkulturen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren« beschäftigt. Ein Beitrag zur aktuellen Debatte über die Hintergründe des gesellschaftlichen Rechtsrucks?

Viele Forschungen in diesem Bereich sind Parteien- oder Umfrageforschung. Diese ist auch sehr wichtig, gerade angesichts des Aufstiegs der AfD. Doch die von mir untersuchten sub- und populärkulturellen Zusammenhänge gehen über eine Parteienlogik hinaus, stehen teilweise sogar quer zu dieser. Zugleich ergaben sich durch den Blick auf die Biographien und Alltagspraktiken überraschende Befunde. So können bisherige Erklärungsweisen in Frage gestellt, neue Perspektiven eröffnet werden. In meinem Fall war es zum Beispiel so, dass ich merkte, dass die Theorien des autoritären Charakters nicht auf mein Forschungsfeld passten, dass sich in den Familien der von mir untersuchten Althooligans kein entsprechendes Muster abzeichnete.

Der mitunter als Nährboden des Faschismus ausgemachte »autoritäre Charakter« taugt also nicht, um zum Beispiel die neonazistische Straßengewalt nach 1990 zu erklären?

Das ist ein wegweisender Ansatz gewesen, um die Anziehungskraft des Faschismus zu verstehen. Allerdings wurde er später in ziemlich mechanistischer Weise auf Ostdeutschland übertragen und dabei wurden die unterschiedlichen historischen und sozialen Kontexte nicht immer ausreichend reflektiert. Natürlich zeigen sich auch heute noch autoritäre Tendenzen – nicht nur bei der AfD, sondern auch in politischen Talkshows, bei Familienfeiern und Stammtischen. Für das Verständnis der ostdeutschen Skinhead- und Hooligankultur ist dieser Ansatz jedoch eher hinderlich. Diese Akteure stammten oft aus staatsfernen proletarischen DDR-Familien. Viele waren zuvor Punks gewesen. Meist waren das zunächst aufmüpfige Jugendliche, die sich aus einer Haltung der Provokation heraus zu den damals angesagten rechten Subkulturen der Hooligans und Skinheads hingezogen fühlten. Diese Haltung hat sich später verfestigt. Dadurch blieben sie auch nach 1989 »Staatsfeinde«. Die damit verbundenen Selbstbilder des Nonkonformismus, des Antibürgerlichen und des Widerständigen bieten heute Anschlussmöglichkeiten für rechtspopulistische Politik.

Wie sind die Behörden in der DDR gegen diese rechten Subkulturen vorgegangen?

Mit ziemlicher Härte. In großen Teilen der Wissenschaft und der Öffentlichkeit hält sich immer noch die Behauptung, in der DDR wäre nicht hart genug gegen rechte Bewegungen vorgegangen worden. Nach einem Blick in die Archive der Staatssicherheit erscheint diese Behauptung geradezu absurd. Es gibt so gut wie keinen unter den zahlreichen von mir interviewten ehemaligen Hooligans und Skinheads, der in der DDR nicht inhaftiert war. Wenn sie noch keine Staatsfeinde waren, dann wurden sie spätestens dadurch zu welchen gemacht. Neben Überwachung und Repression versuchte man über die FDJ an die Jugendlichen heranzukommen, doch diese fand als Kaderschmiede der SED nie einen Draht zum gewaltorientierten Fußballanhang.

Oftmals bemüht wird in diesem Zusammenhang auch das Bild einer vermeintlichen Kontinuität in den »zwei Diktaturen«. Auf ihre Art macht das auch die weithin rechts geprägte Fanszene des Berliner Fußballclubs BFC Dynamo, zum Beispiel mit der Parole »Opa bei den Nazis/Vater bei der Stasi/und ich beim BFC«.

Ja, aber das ist ein ironisches Shirt, mit dem man sich über die Vorurteile von Journalisten und Wissenschaftlern lustig macht. Bei der Staatssicherheit gab es keine NS-Funktionsträger, ganz anders als im westdeutschen Sicherheitsapparat. Sowohl in staatsfernen als auch in staatsnahen ostdeutschen Familien gab es auch insgesamt deutlich weniger Exnazis als im westdeutschen Bürgertum. Deshalb passt auch der Vergleich mit der studentischen 68er-Revolte in Westdeutschland nicht, die auch als ein Aufbegehren der Jugend gegen die eigenen Nazieltern zu verstehen ist. Antiautoritär war im ostdeutschen Kontext dagegen nicht notwendigerweise politisch links codiert, da die Staatsführung sich selbst als sozialistisch verstand. Die »Rebellen« in der DDR erlebten auch keinen »Marsch durch die Institutionen«, nur einen durch die Gefängnisse. Zu Hause verbündete man sich tendentiell gegen den Staat. Der dadurch abgemilderte Generationenkonflikt zeigt sich bis heute: Viele der von mir Interviewten hatten ein auffallend gutes Verhältnis zu ihren Eltern.

Stefan Wellgraf arbeitet am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin

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