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An seinen Lippen

Foto: REUTERS/Yara Nardi

Die Welt hat ein moralisches Zentrum, und das sitzt in Rom. Man nimmt dankbar, erleichtert fast, zur Kenntnis, das eigene schlechte Gewissen vor dem Heiligen Stuhl abladen zu können. Robert Prevost hat eine Enzyklika veröffentlicht, in der auch er »von den neuen Dingen« spricht, von den ganz neuen nämlich: »Magnifica Humanitas des Heiligen Vaters Leo XIV. über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz«. Eine kleine Nebenerkenntnis für Hobbykirchenhistoriker: Spätestens jetzt ist raus, dass Leo XIV. sich in der Nachfolge von Leo XIII. sieht, der 1891 mit seiner Enzyklika »Rerum Novarum« die katholische Soziallehre begründete.

Den entsprechenden Rekurs in Prevosts Enzyklika erkennt jedenfalls die Süddeutsche Zeitung, die prophezeit, dass »Magnifica Humanitas« sich dereinst »als ähnlich wegweisend herausstellen wird wie ›Rerum Novarum‹«. Berufen, sich zu KI und deren Regulierung zu äußern, sei der Mann allemal: »Als US-Amerikaner mit Smartwatch am Handgelenk teilt er Muttersprache und wenigstens zum Teil den kulturellen Hintergrund mit den Tech-Bros des Silicon Valley. Er hat Mathematik studiert und gilt als analytischer Denker.« Derart ausgestattet, besitzt der Papst nicht nur die moralische Autorität qua Amt, »die gefährliche Machtkonzentration in den Händen weniger Superreicher« zu kritisieren.

Aber dieser Papst ist eben auch technikaffin, was die FAZ gern extrapoliert: »Er entzieht allen Schwurblern und Negativpredigern, die KI als Teufelszeug deklarieren, die Rückendeckung der Kirche. Nach dieser Enzyklika dürfte sich kein (katholischer) Priester mehr trauen, von der Kanzel undifferenziert gegen KI oder Innovation zu wettern (…).«

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Der mindestens rechtsliberalen NZZ bleiben Zweifel: »Seine Analyse dazu ist realistisch und präzise, die daraus gezogenen Schlüsse überzeugen nicht durchweg, da etwa die Ausgestaltung einer Regulierung unklar ist und Innovation eher gehemmt wird.«

Ansonsten jedoch sind sie ausnahmslos angetan vom Größten Brückenbauer aus Rom. »Dieser Papst macht Freude«, schreibt die Rhein-Neckar-Zeitung aus Heidelberg. Ein Tausendsassa – Kriegsgegner, »prominentester Opponent Donald Trumps«, und jetzt »entwickelt er« auch noch »die christliche Soziallehre weiter«. La Vanguardia aus Barcelona sekundiert: »Prevost ist überzeugt, dass sich die Soziallehre der Kirche dieser neuen industriellen Revolution stellen muss (…), die gerade beginnt, die Welt zu verändern – möglicherweise zum Schlechten.«

Doch aus dem einstmals gründlich säkularisierten Frankreich meldet sich Le Monde mit ein paar Bedenken: »Dass es einer religiösen Autorität bedarf, um mit Nachdruck an humanitäre Grundsätze zu erinnern, die von allen demokratischen Regierungen verteidigt werden sollten, ist keineswegs beruhigend.« (brat)

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.05.2026, Seite 2, Ansichten

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