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18.03.2026
- → Feuilleton
Rache ist Blutwurst
Eine fortwährende Kränkung: Jana Hensel erklärt sich den Unmut der Ostdeutschen
Schon der reißerische Untertitel von Jana Hensels Buch »Es war einmal ein Land« provoziert Fragen. Verabschiedet sich denn der Osten tatsächlich von der Demokratie, indem der sogenannte Souverän artig seinen Stimmzettel faltet? Gelangten nicht auch Hitler und Trump mit Hilfe von Abstimmungsergebnissen in die Lage, das ungewaschene Volksmaul zu widerlegen? Von wegen, Wahlen ändern nichts, sonst wär’n sie ja verboten! Das Verfahren birgt also hässliche Tücken. »Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?« Der Vorschlag stammt von Meister Brecht, er schrieb ihn 1953 unter dem Eindruck der Zusammenstöße um den 17. Juni.
Und wie wollen wir diese Verfasstheit nennen, von der sich der Osten angeblich verabschiedet? »Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt. Und diejenigen, die gewählt sind, haben nichts zu entscheiden.« O-Ton Horst Seehofer, Bayerns Ministerpräsident anno 2010 im ZDF. Steht der Mann jetzt auch unter Kommunismusverdacht? Jana Hensel umschifft das Unbehagen am strittigen Demokratiebegriff, sie setzt ihn, als herrsche ringsum Einvernehmen. Genauso ergeht es der »Mitte der Gesellschaft«, die wird in einer Weise beschworen, als verfüge sie naturgesetzlich über magnetische Zauberkraft. Als Gegensatz dienen dann die Peripherie und das Abseits, und so entsteht der Eindruck eines Vergleichs aus der Massentierhaltung. Lange hat das lernwillige Wahlvolk schafsbrav zur Mitte hin gedrängt, doch jetzt rennt es gegen die Umzäunung und zeigt den Stinkefinger.
»Nicht wenige Menschen sehnen sich eher nach Eskalation, wollen ihrem Unmut und ihrer Wut Ausdruck geben«, schreibt Hensel. Dass sie den ostdeutschen Volksverdruss in den Verwerfungen der Nachwendezeit begründet sieht, statt den undankbaren Jammerossis in bewährter Manier einen irreparablen Diktaturschaden zu bescheinigen, sei ihr gedankt, und von den üblichen Verdächtigen kassiert sie dafür auch schon ihre Dresche. Das belustigt insofern, als es die Diagnose von der Selbstgefälligkeit und der Arroganz des Westens wieder nur bestätigt. Denn den einstigen DDR-Bürgern geht es neben Paris & Bananen auch darum, »ernst genommen und gesehen zu werden. Ich meine damit das Recht auf eigene historische Wahrheiten, das Recht darauf, auf gesellschaftliche Fragen andere Antworten geben zu wollen, sich auf andere Erfahrungen stützen zu dürfen. Ich rede von der Sehnsucht nach Gleichberechtigung, Augenhöhe, Teilhabe (…).«
Das Buch untersucht die Auswirkungen von 35 Jahren »Wiedervereinigung« auf die Gemütslage im Osten. Das wechselhafte Wahlverhalten wird geschildert als Resultat einer Kette von Enttäuschungen. Marksteine waren das verheerende Treiben der Treuhand und die berüchtigten Hartz-Reformen. »So erscheint die Agenda 2010 im nachhinein als das entscheidende Eingeständnis der Regierenden, dass jene mit der Deindustrialisierung in den frühen Neunzigern entstandene Realität zukünftig nicht mehr grundlegend zu korrigieren sein würde«, formuliert die Autorin rücksichtsvoll. Das große Versprechen der blühenden Landschaften ist unerfüllt geblieben. Der Osten fühlte sich schon abgeschrieben, als ihn die globale Finanzkrise restlos aus dem Blick der Berliner Politik schob. Und schließlich kam das Jahr 2015, die Flüchtlinge, der berühmteste Satz einer CDU-Kanzlerin: »Wir schaffen das.« Nicht alle wollten ihr glauben und folgen. »Von der Demokratie, wie man sie in den vergangenen 25 Jahren erlebt hatte, hatte man die Nase voll. Von ihren Medien, von ihren Institutionen, von ihren Parteien.«
Die AfD will den Saustall ausmisten. Noch so ein großes Versprechen, und wieder wird es gern gehört. Die AfD sei die Rache des Ostens, meinte in einem Interview der Theaterregisseur Frank Castorf. Neben der ökonomischen Demütigung, wie sie Millionen erfahren haben, wirken flächendeckend das politische Nachtreten des Siegers und die Herablassung. Der Ostmensch als eine Art bockiger Tölpel, für anspruchsvollere Aufgaben unbrauchbar. Hier zitiert die Autorin Angela Merkel, die beklagenswert lange gezögert hat, ihre eigenen Abwertungserfahrungen öffentlich zu thematisieren. »Müssen nicht Menschen meiner Generation und Herkunft aus der DDR die Zugehörigkeit zu unserem wiedervereinigten Land auch nach drei Jahrzehnten Deutscher Einheit gleichsam immer wieder neu beweisen, so als sei die Vorgeschichte, also das Leben in der DDR, irgendwie eine Art Zumutung?« Damit beschreibt Merkel eine fortwährende Kränkung, die selbst wachsender Wohlstand nicht aufzuheben vermag, und so muss man sich nicht mal zu den alimentierten Einheitsverlierern zählen, um in Rostock und Suhl dennoch mitzukriegen, in welchem Teil des Landes die Privatvermögen konzentriert sind und wachsen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass vom horrenden Wendereibach westdeutscher Unternehmer in Hensels Buch keine Rede ist. Wollte sie ihr Thema nur schlanker führen oder hat ihr Beruf (Journalistin) sie gelehrt, bestimmte Zusammenhänge zu meiden?
So steht auch der Kapitalismus höchstens als großer Elefant im Raum. »Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen«, schrieb der Philosoph Max Horkheimer kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, fest davon überzeugt, dass der Kapitalismus in Krisenzeiten zu totalitären Mitteln greift, um seine Herrschaft zu sichern. God’s own country macht es der Welt gerade vor, und Europa?
Erzählt wird auch von persönlichen Begegnungen. So besucht die Autorin den Malermeister Tino Chrupalla in seinem AfD-Parteibüro im sächsischen Weißwasser. Die Stadt hat mehr als die Hälfte ihrer Einwohner verloren, entsprechend ist die Stimmung. Oder sie trifft in Dresden Maximilian Krah, den Brandstifter mit Einstecktuch. Sie will verstehen, was diese Männer antreibt, die so alt sind wie sie selbst und verwurzelt im Osten. Hensel war 13, als die Mauer fiel. »Zonenkinder« hieß 2002 ihr erfolgreiches Debüt, ein autobiografischer Versuch über ihre Generation, die jugendlich frisch in den Westen hineinwächst, ohne dabei alle DDR-Prägungen abzulegen. Im Bericht von diesen Treffen, darunter mit Mecklenburgs Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) oder Katja Wolf vom BSW in Thüringen, gelingen ihr behutsame Portraitskizzen, in denen sie auch selbst etwas Gestalt gewinnt, unsicher, mit Momenten von Aufrichtigkeit, etwa beim Blick auf ihre eigene Rolle im westlich bestimmten Medienbetrieb. »Versuche ich noch immer all jenen zu gleichen, die mir gar nicht ähneln?« Eine berührende Frage. Sie hätte mehr Antwort verdient.
Enthält es schließlich einen Trost, wenn Hensel überlegt, ob »nicht wenige Ostdeutsche heute die AfD wählen, nicht weil, sondern obwohl sie in Teilen rechtsextrem ist«? Und lässt sich für die Zukunft ein Licht erkennen, wenn es am Ende heißt: »Die AfD braucht die Krise wie die Luft zum Atmen, die Ostdeutschen hoffen noch immer, die Krise zu überwinden. Und genau jene gegenläufige Bewegung wird es sein, die beide eines Tages wieder voneinander trennt.« Das wird sich dann zeigen. Sicher aber ist die nächste große Enttäuschung schon vorauszusehen.
Jana Hensel: Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet. Aufbau-Verlag, Berlin 2026, 263 Seiten, 22 Euro
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