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28.05.2026
- → Feuilleton
Schweden
Aus der Provinz
Ein in der Geschichte der deutschsprachigen Literatur trotz Hebel, Kleist und Friedrich Torberg sträflich mindergeachtetes Genre ist die Anekdote, die eine wahre oder erfundene Begebenheit in ein paar Sätzen schildert und meist ohne didaktische Absicht daherkommt. Für die Belehrung liegen im Arsenal der Textformen die Parabel, das Drama der Aufklärung und die Besinnungslyrik, des weiteren Heinrich Böll und das Gegenwartsgestümper irgendwelcher ungebildeter Jungherren und -damen parat.
»Franken«, setzt uns der Historiker Georg Seiderer in Kenntnis, »zählte zu den schwerer verwüsteten Regionen des Heiligen Römischen Reichs während des Dreißigjährigen Kriegs. Die Bevölkerungsverluste der Region waren neben dem heutigen Schwaben und Mitteldeutschland mit die höchsten« – allerorten »Hunger und Seuchen«, »Gefechte und Belagerungen«, »Teuerung, Plünderungen und Brandschatzung«, das gesamte sinnvolle Zeug eben, das die offenbar immerwährende Historie der Klassenkämpfe in petto zu haben pflegt.
Eckhard Henscheids »14 Schwedengeschichten« spielen in der erweiterten fränkischen Räumlichkeit. Sie ersetzen lässig vierzehn oder vierhundert Romanklötze und -klumpen, die sich mit dem Schwed’ oder, dieser Tage, mit dem Russ’ befassen. Obendrein dürften sie die Quelle für Achim Gresers ins Infinite hineinröhrende Ad-hoc-Krachreden gegen den garstigen Schweden gewesen sein, dazumal, in den glücklichen Neunzigern im Titanic-Stammlokal »Horizont« im Frankfurter Nordend.
In Henscheids schmerzlich anmutigen Räuberpistolen versickert die von der Regelpoetik geforderte Pointe gänzlich friedensstiftend (die Punchline ist die Peitsche des Witzes): »Als der Schwed’ wieder einmal den Marktflecken Vilseck heimsuchte und belagerte, da gelangte ein streunendes Hündchen in sein Lager und wurde mit ihm gut freund. Der Maler Herbst mußte dem gestrengen Herrn Winter weichen und dieser endlich dem Junker Frühling mit seiner holden Frau Musica, und immer noch war das Hündchen da. Später verschwand es wieder. Man nimmt an, daß es aus Grafenwöhr zugelaufen war.«
Die gelahrte Interpretation verwiese darauf, dass Grafenwöhr einen Truppenübungsplatz beherbergt, aber mir ist das wurscht: »Um das Jahr 1633 vernichtete der Schwed’ den Flecken Ochsensollen mit Mann und Maus. Nur ein Zicklein vermochte sich aus seinen Fängen zu retten und sprang hurtig gegen Diebis, wo es glaubte, ein Auskommen finden zu können. Indessen lauerte dort bereits ein anderer Schwed’, knallte’s Zicklein ab und fraß es auf gottlose Weise. Das Zicklein hätte sich nicht so weit vorwagen dürfen. Gott schenk’ ihm die ewige Ruh’.«
Ochse, Maus, das Zicklein – Tiere, die geschändeten, ausgelöschten, sind möglicherweise die – durchaus christlich konnotierten – Symbole der Beendigung sämtlicher Atrozitäten. Und warum man die Hoffnung auf einen Wandel im menschenvergifteten Weltenlauf nicht aufgeben sollte, legt mir zudem eine elektronische Post von Thomas nahe: »Soweit erst mal aus Schweden. Wacholderdrosseln hat es hier übrigens viel. Sehr viele Wacholderdrosseln um einen herum. Fast schon ein Allerweltsvogel, eine abundante Art vielleicht. Kaum zu übersehen jedenfalls sind die Wacholderdrosseln. Und man sieht sie gerne, die vielen Wacholderdrosseln, die es hier gibt. Gern und leicht, denn es sind beträchtliche Zahlen, auf die man hier kommt. Wenn man sich umschaut: Wacholderdrosseln. Und wenn man sich nicht umschaut, sind sie auch da, die Wacholderdrosseln. Überhören kann man sie praktisch nicht, und sich zu zeigen, sind sie, die Wacholderdrosseln, keineswegs abgeneigt. Nirgendwo Wacholder, aber die Drosseln, die sind vorhanden. Im Augenwinkel, im Blickfeld, im Fernglas. Männliche Wacholderdrosseln, weibliche Wacholderdrosseln, alte Wacholderdrosseln, junge Wacholderdrosseln, Wacholderdrosseln in der Wiese und auf Bäumen. Sitzend, fliegend, stehend. Wacholderdrosseln an der Bushaltestelle, Wacholderdrosseln im Stadtpark, Wacholderdrosseln zwischen anderen Drosseln. Wie Wacholder aussieht, wüßte ich gar nicht, aber die Wacholderdrosseln, die sind unverkennbar. Und ausreichend vorhanden. Vielleicht nicht ausreichend, denn mehr Wacholderdrosseln könnten es meines Erachtens schon sein. Aber doch recht umfassend. Reichlich. Schön viele Wacholderdrosseln hier in Schweden, sehr schön.«
Allein, ob die Wacholderdrossel klanglich nicht doch an den Wachsoldaten, der einen Delinquenten im »Polizeigriff« (Heino Jaeger) praktisch erdrosselt, gemahnt?
Ich glotze gerade ziemlich gern die Übertragungen des Giro d’Italia auf Eurosport. Das ist Sportfernsehen auf höchstem »Level« (Polt): Der Kommentator Karsten Migels unaufdringlich gewandt, und die Experten Rolf Aldag und Jens Voigt reden ausnahmslos klug daher, ohne ein einziges »Äh« einzuflechten. Eine Wohltat, sommerlich milde, gartenbetrachtungsaffin im Gestus.
Und auf einmal doziert Voigt über Gefiedertypen und -färbungen, und ich denke: Holla! Ein Sinnesbruder! Und hernach finde ich den Podcast »Besenwagen«, und in dem erzählt der Hobbyornithologe und Fährtenleser Voigt: »Als Kind hab’ ich schon ›Brehms Tierleben‹ rauf und runter gelesen.« Und seine Lieblingsvögel seien: die Greife.
Und da fängt »die ganze alte Scheiße« (Marx/Engels) wieder von vorne an.
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