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Weisheit
Gras
Auf der Suche nach der verlorenen Weisheit werde ich in der öffentlichen Sphäre, im Raum des politmedialen Verkehrs, nicht mehr fündig. Jüngere können das nicht wissen, sofern sie sich nicht auf Youtube nach altem Zeug umschauen. Bis in die neunziger Jahre produzierten das öffentlich-rechtliche Fernsehen und Radio Sendungen, die dieser Tage prähistorisch anmuten. Man gestaltete stundenlange sozialhistorische und ideengeschichtliche Features, die an Werktagsnachmittagen liefen, hochgebildete Journalisten, etwa Ivo Frenzel und Willy Hochkeppel, führten ziselierte Gespräche mit Herbert Marcuse, Gadamer, Karl Jaspers, Karl-Otto Apel und anderen.
Heute brüllt mich ein sogenannter Kanzler, der ein verheuchelter, skrupelloser Kriegstreiber und Drecksack ist (Hunter S. Thompson hätte es so formuliert), an, als sei die Gesellschaft ein Kasernenhof oder ein Exerzierplatz, auf dem er die Tagesbefehle ausschreit: »Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, empörte Berufskritiker: Wegtreten!!!«
Es fehlte bloß noch das »Wegsperren!!!«, und kein – kein! – sogenannter Journalist aus dem Staatsmedienapparat und -sumpf erhob die Stimme und postulierte: »Merz, zurücktreten! Sofort!«
Das Pendant zur Liebedienerei gegenüber den Mächtigen ist die betonierte Indolenz gegenüber der Sprache. Ein ARD-Reporter meldet sich aus dem belgischen Eupen (wo ich 1986 meine theoretische Führerscheinprüfung abgelegt habe) und übermittelt, die Public Viewer (heißen die so?) hätten »fünfundachtzig Minuten geschimpft wie die Rohrspätze«. Die Bertelsmann-Bude N-TV blendet das Insert »Statement-Sieg« ein. Wolff-Christoph Fuss, der mir bislang teilweise gefiel, fällt in gewohnte Muster zurück: »Das macht was mit Argentinien.« – »Das macht total Sinn.« (Wollt ihr den totalen Sinn?) Der Schiedsrichterexperte von Magenta TV stammelt: »Ich hab’ ’n kleines Störgefühl«, und der Experte Tobias Schweinsteiger schwärmt von »total guten Umschaltsituationen«.
Die Reste der Weisheit finden im Schankraum eine Heimstatt. Der Lerd kommentiert bei einem Spalter Pils Argentinien contra Ägypten (ein verschobenes Spiel): »Der Torwart is’ scho’ a weng a Ding a.« Und schiebt zu Messi hinterher: »Da siegst [siehst du] mol, wie sich der Krüppel da durchwurschtelt.«
Den auslegungsbedürftigsten Satz lieferte mir der Ungar: »Die Menschheit interessiert immer die zweite Halbzeit.« Weil sie der Entscheidung harrt? Oder jeder ab vierzig den Gedanken an das Ableben nicht mehr zu verdrängen versteht?
Nun, »am Ende ist es doch Qualität manchmal« (Bastian Schweinsteiger).
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
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