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EU-Wahrheitsregime

Ein Jahr Sanktionen

EU-Maßnahmen gegen den linken Journalisten Hüseyin Doğru: Solidaritätskampagne gestartet

Foto: jW

Vor einem Jahr wurden von der EU Sanktionen gegen den Berliner Journalisten Hüseyin Doğru, Gründer der Medienplattform Red Media, verhängt, die für ihn, seine Frau und seine drei Kinder existenzbedrohend sind. Zum Jahrestag dieser Zensurmaßnahme am Mittwoch hat Sevim Dagdelen (BSW) eine Solidaritätskampagne initiiert, die von prominenten Politikern, Künstlern, Journalisten und Publizisten aus mehreren Ländern unterstützt wird.

Dagdelen bezeichnete die EU-Sanktionen am Donnerstag gegenüber jW als einen »frontalen Angriff auf die Pressefreiheit und die Meinungsäußerungsfreiheit«. Hier werde ein Journalist »nicht wegen Straftaten, sondern wegen unliebsamer Berichterstattung wirtschaftlich vernichtet und entrechtet«. Die Kampagne und der dafür gegründete Verein für Rechtsstaatlichkeit e. V. sollen über die Auswirkungen des EU-Sanktionsregimes und dessen Vereinbarkeit mit rechtsstaatlichen Prinzipien aufklären und Öffentlichkeit schaffen, so Dagdelen, die zu Spenden an den Verein aufrief. Auf der Homepage free-dogru.com kann eine Petition unterzeichnet werden, in der die Bundesregierung aufgefordert wird, die Sanktionen »gegen die eigenen Staatsbürger nicht länger umzusetzen« und im EU-Rat für deren Aufhebung zu stimmen. Die Sanktionierung Doğrus wegen angeblicher »systematischer Informationsmanipulation« könne nur als »eine versuchte Einschüchterung von unabhängigen Journalisten« angesehen werden.

Am 20. Mai 2025 hatte Brüssel die Maßnahmen gegen den Journalisten verhängt. Seine Konten wurden gesperrt, sein Vermögen eingefroren, ihm wurde die Reisefreiheit entzogen. Die EU-Kommission begründete ihr Vorgehen damit, dass Doğru mit seiner propalästinensischen journalistischen Arbeit »ethnische, politische und religiöse Zwietracht« schüre und auf diese Weise »destabilisierende Aktivitäten Russlands« unterstütze. Belege für eine Verbindung nach Moskau wurden von den Brüsseler Behörden bis heute nicht vorgelegt. Zudem sind jegliche Geld- oder Sachspenden an den Journalisten untersagt, da sie rechtlich als Sanktionsumgehung gewertet werden. Im Aufruf heißt es: »Hüseyin Doğru hat keine Straftat begangen, sondern wurde zum Opfer politischer Willkür.«

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Zu den prominenten Erstunterzeichnern des Aufrufes gehören Kulturschaffende wie der Musiker Brian Eno, der Schauspieler Dieter Hallervorden sowie die Schriftsteller Christoph Hein und Daniela Dahn. BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht hat sich genauso angeschlossen wie der Linke-Bundestagsabgeordnete Gregor Gysi und der EU-Abgeordnete Martin Sonneborn (Die PARTEI). Unterzeichner aus dem Ausland sind der frühere griechische Finanzminister Yanis Varoufakis, der frühere spanische Vizeministerpräsident Pablo Iglesias, Maltas ehemaliger Außenminister Evarist Bartolo und der frühere EU-Kommissar Günter Verheugen. Mit von der Partie sind auch der Historiker Daniele Ganser und Gabriel Shipton, Bruder des Wikileaks-Gründers Julian Assange, sowie Kristinn Hrafnsson, der Chefredakteur von Wikileaks.

Gegenüber jW zeigte sich Doğru am Donnerstag »tief bewegt« von der Kampagne. »Ich wusste nicht, dass so viele Menschen für mich einstehen würden«, erklärte er. Das zeige ihm, dass Pressefreiheit »kein abstraktes Prinzip ist, sondern etwas, für das Menschen wirklich aufstehen«. Die Sanktionen würden ihn im Alltag hart treffen – »eingefrorene Konten, keine normalen Bankgeschäfte, kein geregeltes Leben« –, aber nicht zum Schweigen bringen. »Ich bin kein Fall, ich bin ein Journalist, der seinen Job gemacht hat, und ich werde ihn weitermachen«, betonte Doğru. Jede Unterschrift unter der Petition sei daher »mehr als Solidarität«, nämlich »ein klares Signal«, dass Journalismus »kein Verbrechen« ist.

Zum aktuellen Stand auf der juristischen Ebene erklärte der Journalist: »Wir warten immer noch auf eine Entscheidung des Europäischen Gerichts.« Der Antrag auf eine schnellere Entscheidung sei abgelehnt worden, er rechne damit jetzt Mitte oder Ende Juli: »Es wird höchstwahrscheinlich eine politische Entscheidung sein«, sagte Doğru. Nach wie vor kämpfe seine Familie mit »bürokratischen Repressionen«, zum Beispiel »immer wieder aufkommenden Blockierungen der Konten« seiner Frau.

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.05.2026, Seite 4, Inland

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→Leserbriefe
  • Reinhard Hopp aus Berlin 22. Mai 2026 um 15:15 Uhr
    Brüssel ist das neue Rom geworden. Die Macht einer europäischen »Päpstin« Ursula von der Leyen sowie eines »Kardinals« Manfred Weber ist inzwischen ungleich größer als die aller bisherigen römischen Päpste zusammen jemals war. Sie können völlig willkürlich, ohne jegliche rechtliche Legitimation und vollkommen ungestraft durch Verhängung der »EU-Acht« (digitale Despotie) über Leben und Tod sowohl einzelner Menschen als auch ganzer Gruppen bestimmen, so dass diesen fortan jeglicher Zugang zu sämtlichen Funktionen des zivilen Weiterlebens versperrt bleiben und man mit François Villon nur noch bitter konstatieren kann: »Vor vollen Schüsseln muss ich Hungers sterben …« (Die Ballade von den Vogelfreien)
  • Onlineabonnent*in Manfred G. aus H. 22. Mai 2026 um 12:14 Uhr
    Was ist Journalismus und welche politische Bedeutung hat Journalismus? Die Kernaussage von Marx in einer Kurzformel: Journalismus ist ein gesellschaftliches Kampfmittel zur Kritik der bestehenden Verhältnisse – entweder im Dienst der herrschenden Klasse oder als Werkzeug revolutionärer Aufklärung. Guter Journalismus deckt auf: Ausbeutung, staatliche Willkür und die Klasseninteressen hinter politischen Entscheidungen. Mao nennt zentrale Elemente des Journalismus: Journalismus soll nicht nur berichten, sondern Menschen verändern. Journalismus soll mobilisieren, Bewusstsein schaffen, politische Klarheit fördern und revolutionäre Moral stärken. Trotzki beschreibt Journalismus als politisches Kampfmittel zur Formung von Bewusstsein. Die Presse ist für ihn ein Mittel, um spontane Unzufriedenheit zum bewussten Handeln zu führen. Dazu benötigt es Klarheit, Schärfe, polemische Zuspitzung und Anschaulichkeit. Journalismus ist kein Beobachter, sondern ein aktiver Teilnehmer am gesellschaftlichen Machtkampf. Lenin sagt, Journalismus ist kein neutraler Informationsberuf, sondern ein politisches Kampfinstrument. In »Was tun« schrieb Lenin, dass eine Zeitung die sozialistische Idee aus Sicht der Arbeiterklasse verbreiten soll, konkrete Missstände aufgreifen soll und als Kollektiver Organisator Kämpfe verbinden und Bewusstsein schaffen soll. Für ihn ist Journalismus ein politisches Werkzeug und ideologische Waffe. Nach Gramsci ist Journalismus nicht bloß Informationsvermittlung, sondern ein zentrales Mittel im Kampf um kulturelle Hegemonie und gesellschaftliches Bewusstsein. Wer die Deutung der Wirklichkeit in den Medien prägt, beeinflusst auch die Stabilität oder Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung. Wenn man Journalismus tiefergehend verstehen will, dann stößt man unausweichlich auf Begriffe und Sachverhalte wie Wahrheit, Unterwerfung, Überzeugung, Erscheinung, Besserwisserei, Agitation, Selbstbewusstsein, Zensur, Ideologie, Macht, Bürokratie usw. Manni Guerth.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

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