Risiko spielen
Von Jörg Kronauer
»China ist zutiefst schockiert und verurteilt den unverhohlenen Einsatz von Gewalt gegen einen souveränen Staat durch die USA und ihren Angriff auf seinen Präsidenten auf das schärfste«: Die Reaktion des chinesischen Außenministeriums auf den US-Überfall auf Venezuela und die Verschleppung von Präsident Nicolás Maduro war außerordentlich harsch. Solch drastische Worte, da waren sich die westlichen China-Experten recht einig, habe Beijing schon lange nicht mehr gewählt. Der Ausdruck »zutiefst schockiert«, so erläuterte es Sabine Mokry vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg dem Wall Street Journal, sei bislang eigentlich für offizielle Reaktionen auf Terroranschläge reserviert gewesen. Kurz vor dem Überfall hatte Maduro Chinas Lateinamerika-Sondergesandten Qiu Xiaoqi zu Verhandlungen empfangen und dann auf Telegram mitgeteilt, sie hätten den beiderseitigen »Einsatz für die strategische Partnerschaft« zwischen ihren Ländern bekräftigt. Es war seine letzte Botschaft aus Caracas.
Maduros Sturz und die aktuell in Gang befindliche Machtübernahme der Trump-Regierung in Venezuela haben China kalt erwischt. Der Vorgang hat ernste Folgen für die Volksrepublik – und das auf mehreren Ebenen. Bei der ersten geht es um Venezuela selbst. Das Land hat seit der Jahrtausendwende ökonomisch sehr eng mit China kooperiert, hat umfangreiche Investitionen und Kredite empfangen. Und auch wenn Beijing auf einer Rückzahlung bestehen wird: Da könnte viel Geld verloren sein. Venezuelas Öllieferungen an China lassen sich leicht ersetzen. Die recht enge politische Zusammenarbeit hingegen, die auf eine multipolare Weltordnung zielte, nicht. Dass Caracas im Jahr 2017 begann, seine Ölexporte in die Volksrepublik in Yuan statt in US-Dollar abzurechnen, war für Beijing, das langfristig auf eine Dedollarisierung der Weltwirtschaft setzt, ein äußerst hilfreicher Schritt. Und: Erst Hugo Chávez, dann Maduro waren für die Volksrepublik in ihrem Machtkampf gegen die USA in Lateinamerika stets eine sichere Bank. All das ist jetzt wohl weg.
Die zweite Ebene betrifft ganz Lateinamerika. Der Überfall auf Venezuela war – nach der Frühjahrsouvertüre, dem Kampf um die Hoheit über den Panamakanal – der erste Akt in der Umsetzung dessen, was Donald Trumps neue Nationale Sicherheitsstrategie für die westliche Hemisphäre vorsieht: die »Vorherrschaft« der USA über Lateinamerika und die Karibik, ein Revival der Monroe-Doktrin von 1823 also. Alle Länder der Großregion müssten die USA künftig als »Partner erster Wahl« ansehen, heißt es in dem Papier. Von einer »Zusammenarbeit mit anderen« werde man sie »abhalten«; »gegnerischer Einfluss von außerhalb«, russischer etwa, vor allem aber chinesischer, solle »reduziert« werden. Das gelte für sämtliche Fälle, in denen potentiell gegnerische Länder etwa kritische Infrastruktur – Häfen zum Beispiel – oder »strategisch wichtige Güter« kontrollierten. Venezuelas Erdöl darf man vermutlich als ein solches Gut betrachten, Lithium in Argentinien, Bolivien und Chile wohl auch.
Wie geht es weiter mit der Durchsetzung der Monroe-Doktrin, die Trump in einem seiner infantilen Anfälle in »Donroe-Doktrin« umbenannt hat, die erste Silbe seines Vornamens mit dem Nachnamen des US-Präsidenten von 1823 kombinierend? Die große Frage ist, welche abschreckende Wirkung das Exempel Venezuela hinterlässt. Immerhin weiß man jetzt: Wer sich Washington nicht bedingungslos unterwirft, wird bei Bedarf abgeholt. Schutz durch das Völkerrecht oder (so die Trumpsche Sicht) ähnliche Sentimentalitäten gibt’s nicht mehr. Was ist etwa mit dem Tiefseehafen in Chancay rund 70 Kilometer nördlich von Perus Hauptstadt Lima, der vom chinesischen Konzern Cosco geplant und gebaut wurde und ihm zu 60 Prozent gehört? Beijing hat in Peru ökonomische Hebel, um für seine Rechte zu kämpfen; die Frage ist allerdings auch, wie verschreckt die peruanische Regierung ist. Andererseits: Sogar ein China-Hasser wie Argentiniens Präsident Javier Milei schafft es zwar, einzelne Projekte mit Beijing zu torpedieren, so etwa ein Radioteleskop, dessen Bau er unlängst platzen ließ. Der argentinisch-chinesische Handel jedoch boomt trotz Kettensäge: Gegen den Lockruf des Geldes kommen bislang weder Trump noch Milei an.
Klar ist eines: Beijing wird sich mit Zähnen und Klauen gegen die Trumpschen Attacken verteidigen. So ist es Washington bis heute nicht gelungen, die Kontrolle über die Häfen am Panamakanal zu übernehmen. Die liegt immer noch bei CK Hutchison aus Hongkong. Die Volksrepublik blockiert jeden Deal und besteht darauf, die Mehrheit an den Häfen müsse an Cosco gehen. Zudem hat sie am 10. Dezember, wenige Tage nach der Publikation der US-Sicherheitsstrategie, ein Weißbuch zu ihren Beziehungen zu Lateinamerika und der Karibik vorgelegt. Darin heißt es, man werde die Kooperation mit den dortigen Staaten ausbauen – nicht nur allgemein ökonomisch, auch auf Hightechfeldern wie der Raumfahrt und sogar militärisch. Und: Beijing hat sich, Stichwort: seltene Erden, schon im Zollkrieg gegen die Vereinigten Staaten behauptet. Der Kampf wird für die Staatsterroristen in Washington nicht leicht.
Hintergrund: Rückschlag für Russland
Als die USA mit dem Sturz von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro drohten, schickte Russland Soldaten. Fast hundert russische Militärs trafen in Caracas ein, um Maduro zur Seite zu stehen. Ja, das war tatsächlich der Fall – allerdings nicht Ende 2025, sondern im März 2019, als der Westen den Möchtegernputschisten Juan Guaidó zum venezolanischen Präsidenten aufwerten wollte. Guaidó scheiterte, Maduro blieb im Amt. Und das war für Russland recht wichtig. Denn Venezuela war sein bedeutendster Verbündeter in ganz Lateinamerika. Ihm hatte es diverse Kredite gewährt; ihm hatte es Waffensysteme verkauft, darunter Flugabwehrsysteme S-300; ihm hatte es geholfen, mit US-Sanktionen umzugehen; und vor allem: Mit ihm gemeinsam hatte es sich der US-Hegemonie widersetzt und den Kampf für eine multipolare Welt geführt. Die russisch-venezolanischen Beziehungen waren eng.
Maduros Sturz und die Übernahme der Kontrolle in Caracas durch die USA – das sind entsprechend herbe Rückschläge für Russland: Ihm ist sein wichtigster Verbündeter in ganz Lateinamerika verlorengegangen. Und es hat im Gegensatz zu China kaum Chancen, sich relevanteren Einfluss auf dem Subkontinent zu bewahren. Denn während die Volksrepublik sich in einer ganzen Reihe lateinamerikanischer Länder ökonomisch verankert hat, als Handelspartner unersetzlich geworden ist und auf diese Weise schwer zu erschütternde Beziehungen geschaffen hat, setzte Russland stark auf eine Rüstungs- und Militärkooperation, die leichter zu kappen ist. In der Tat kündigen die USA in ihrer neuen Nationalen Sicherheitsstrategie an, sie würden »Wettbewerber« von jenseits der Großregion daran hindern, »Streitkräfte oder andere Bedrohungspotentiale« irgendwo in »unserer Hemisphäre zu stationieren«. Die kompromisslose Härte, mit der die USA kürzlich die Kaperung eines Tankers durchsetzten, der sich Russland unterstellt hatte, und dies, obwohl – oder weil – ein russisches U-Boot im Anmarsch war, spricht Bände.
Es kommt hinzu: Für Russland ist Venezuela nach Syrien der zweite Verbündete, der ihm abhanden kommt, und der dritte – nach Syrien und Iran –, der von den Vereinigten Staaten bombardiert wird, obwohl er mit Moskau militärisch kooperierte und sogar russische Flugabwehrsysteme besaß. Fügt man hinzu, dass die Lage für die von Russland gestützten Regierungstruppen auch in Mali zur Zeit nicht gerade rosig aussieht, dann ergibt sich ein Bild, das für Moskau als militärische Schutzmacht nicht allzu vorteilhaft ist. Der Ukraine-Krieg fordert da womöglich doch seinen Tribut. (jk)
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (13. Januar 2026 um 10:56 Uhr)Man kann davon ausgehen, dass die USA die historische Chance verpasst haben, als sie tatsächlich noch unangefochtene Weltmacht waren und rund 45 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung erbrachten. In dieser Phase hätten sie in Lateinamerika aus eigener Stärke heraus demokratische Strukturen fördern, wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen und durch Wohlstand politische Stabilität schaffen können. Stattdessen dominierten Interventionen, Abhängigkeiten und kurzfristige Machtpolitik. Heute, da der Anteil der USA an der industriellen Weltproduktion nur noch einen Bruchteil früherer Größenordnungen ausmacht, ist es dafür zu spät. In Lateinamerika wirtschaftlich mit China in Konkurrenz zu treten, übersteigt inzwischen ihre Möglichkeiten. Zwar verfügen die USA weiterhin über einzelne technologische Spitzenbereiche, doch sind sie weder willens noch in der Lage, diese selbst verlässlichen westlichen Partnern uneingeschränkt zur Verfügung zu stellen. Auch die Ausweitung der Dollarliquidität reicht nicht mehr aus, um in Lateinamerika nachhaltigen Einfluss zu kaufen oder ökonomische Alternativen zu chinesischen Investitionen zu schaffen. Damit fehlt den USA sowohl die wirtschaftliche als auch die finanzielle Grundlage, den Subkontinent mittelfristig zu dominieren. Was bleibt, sind kurzfristige Machtinstrumente: Sanktionen, Embargos und notfalls militärischer Zwang. Diese können Einfluss temporär erzwingen, ersetzen jedoch keine strukturelle wirtschaftliche Präsenz – und sie beschleunigen letztlich den Verlust politischer Legitimität und langfristiger Bindungen in der Region.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (13. Januar 2026 um 11:24 Uhr)»Man kann davon ausgehen, dass die USA die historische Chance verpasst haben (…) In dieser Phase hätten sie in Lateinamerika aus eigener Stärke heraus demokratische Strukturen fördern, wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen und durch Wohlstand politische Stabilität schaffen können.« Bewundernswert ist hier nur der Mut, solchen Schmarrn von sich zu geben. Genauso könnte man irgendwann in der Zukunft schreiben: Der Wolf hat die historische Chance verpasst, die körperliche Unversehrtheit und das Lebensrecht des Schafes anzuerkennen.
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (13. Januar 2026 um 12:49 Uhr)Der Wolf-Schaf-Vergleich ersetzt Analyse durch Zynismus. Mein Punkt war nicht Moral, sondern Wirksamkeit von Macht. Einfluss hält dort, wo er auf wirtschaftlicher Attraktivität beruht – nicht auf Zwang allein. Dass China heute in Lateinamerika genau darüber Einfluss gewinnt, während die USA zu Sanktionen und Druck greifen, ist keine Wertung, sondern eine empirische Beobachtung. Wer Machtpolitik auf Raubtierlogik reduziert, erklärt Gewalt – aber nicht Erfolg.
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Leserbrief von Mitter Albert aus Gmunden (12. Januar 2026 um 22:47 Uhr)Mit der wirklichen Zeitenwende, dem Rückfall des amerikanischen Imperialismus in die finsterste Zeit des Kolonialismus und Imperialismus unter der zu Räubern und Kidnappern gewordenen Regierung Trump, wird die Definition von Imperialismus eine Kernfrage der ideologischen und propagandistischen Auseinandersetzung. Politiker und Medien des westlichen Kapitalismus und Imperialismus versuchen mit großem Eifer den Begriff in der veröffentlichten Meinung zu vermeiden. Oder noch verlogener, diesen Begriff für Staaten zu verwenden, die sich dem Imperialismus widersetzen. Leider tragen zu diesem ideologischen Verwirrspiel auch einige »Linke« bei, die als »Hüter des Marxismus-Leninismus« die Leninsche Definition des Imperialismus ignorieren. Dieses höchste Stadium des Kapitalismus einem, wenn auch sich rasch entwickelnden Entwicklungsland China zuzuschreiben. Es ist angesichts dessen notwendig, bloßer Ideologie, bewusst verlogen oder dogmatischer Auslegung des wissenschaftlichen Sozialismus geschuldet, die Fakten entgegenzustellen. Entgegen allen fälschenden Behauptungen gibt es kein einziges Beispiel dafür, dass Beziehungen der VR China zu anderen Ländern nicht auf Gleichberechtigung und gegenseitigem Vorteil ohne Einmischung in innere Angelegenheiten beruhen. Wenn China z. B. in Rohstoffprojekte in anderen Ländern investiert, so ist das natürlich auch im Interesse Chinas, aber eben auch in dem des jeweiligen Landes. Noch nie hat China zum Nachteil eines Landes, seiner Bevölkerung, sich Bodenschätze angeeignet, wie das gerade der US-Imperialismus in Venezuela macht beispielsweise. Wer die Entwicklungszusammenarbeit Chinas mit dem globalen Süden als »Imperialismus« diffamiert, lügt oder weiß nicht, wovon er spricht. Das wissen die Völker und auch Eliten dieser Länder sehr genau und setzen auf die Zusammenarbeit mit China zum beiderseitigen Vorteil. Nicht jede Großmacht in der heutigen Welt ist imperialistisch. Die VR China ist antiimperialistisch.
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