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20.05.2026
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Die Stadt als Beute
Mächtigste Lobbyorganisation der Wohnungswirtschaft ZIA tagt im Berliner Admiralspalast. Nachbarschafts- und Mieterinis protestieren – und fordern Vergesellschaftung von Konzernen
Was für ein Gewusel: Rollkoffer klappern über das holprige Kopfsteinpflaster, Taxis blockieren im Minutentakt die Straßenbahn. Der Andrang ist enorm: dunkle Sakkos, weiße Hemden, braune Lederschuhe – eine uniforme Masse. Dienstag vormittag, kurz nach halb zehn. Direkt am S-Bahnhof Berlin-Friedrichstraße, Admiralspalast. Ein denkmalgeschütztes Theater mit mehreren Sälen.
Hier geht gleich der »Tag der Immobilienwirtschaft (TDI)« über die Bühne. Veranstalter ist der Zentrale Immobilien Ausschuss (ZIA), der mächtigste Branchenverband. Rund 1.800 »Entscheider« aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft haben ihr Kommen angekündigt – etwa Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD), CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann und Arbeitgeberboss Rainer Dulger. Kurz: Gesichter der herrschenden Klasse.
Fast unbemerkt zieht ein Tross auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf. »Mehr Gegensatz zwischen uns und denen kann es kaum geben«, wird Hannah Rose von der Initiative »Pankow gegen Verdrängung« später gegenüber jW sagen. Zuvor breiten Aktivisten Transparente aus, halten Schilder hoch – darauf steht: »Wohnen darf keine Ware sein.« Oder: »Housing for people, not for profit!« Mieter- und Nachbarschaftsinis haben zur Protestkundgebung aufgerufen. Einer der Organisatoren stöpselt die mitgebrachten Boxen an, testet das Mikro. Alles funktioniert. »Keine Rendite mit der Miete«, skandiert die kleine Meute über die Straße auf die Gegenseite.
Manche blicken irritiert, andere zücken grinsend das Smartphone. Wiederum andere winken ab – genervt von den Rufen. »Ich weiß gar nicht, was die wollen, wir schaffen schließlich Wohnraum«, meint einer zu jW im Vorbeigehen. Ein weiterer: »Bevor es zur Rendite kommt, muss ich erst mal investieren.«
Typische Aussagen typischer Branchenvertreter – und ganz auf der Linie des TDI. Denn die Bilanz der »schwarz-roten« Bundesregierung sei ernüchternd, wurde ZIA-Präsidentin Iris Schöberl in einer Mitteilung zitiert. »Viel Reformrhetorik ohne Wirkung.« Handlungsbedarf gebe es vor allem beim Wohnungsbau. Es brauche verlässliche Rahmenbedingungen, vereinfachte Verfahren, eine investitionsfreundliche Förderkulisse. Schöberl meint: »Attraktive Renditeperspektiven für private Investoren.« Schöne Aussichten für Immobilienhaie.
Rose kontert auf Nachfrage: »Auf diese Luxusscheiße haben wir überhaupt keinen Bock.« Wohnungskonzerne machten mit dem Geld der Mieterinnen und Mieter kräftig Kasse. Und Valentina Hauser vom Bündnis »Mietenwahnsinn Berlin« ergänzt: »Der Immobilienmarkt ist eine sichere Anlage in unsicheren Zeiten.« Nicht von ungefähr bleibe die Forderung, Großeigentümer von Wohnraum zu enteignen, zu vergesellschaften – abermals mittels Volksentscheid.
Bleibt die Frage, ob die Mietenbewegung nach Jahren der Auseinandersetzungen geschwächt ist. Hauser erwidert: »Rund 85 Prozent der Berlinerinnen und Berliner wohnen zur Miete, zirka 3,2 Millionen Leute.« Das sei ein Machtfaktor. Und der müsse weiter gestärkt werden. An der Basis: Hausversammlungen, Nachbarschaftstreffs, Kiezspaziergänge.
Dieser kontinuierliche Druck auf Verantwortliche hinterlasse Eindruck, weiß Hauser. Beispielsweise will die SPD Bundesländern per Gesetz ermöglichen, feste Obergrenzen für Mieten einzuführen, also einen Mietendeckel. »Das ist ein Teilerfolg«, sagt Rose. Klar ist aber: Egal, wer an der Regierung ist, die beiden Aktivistinnen setzen auf die eigene Kraft. Auf solidarische, widerständige Kerne aus der Stadtgesellschaft – die größer, die breiter werden.
Zurück zum Kontrastprogramm: halb eins mittags, »Lunch Break« im Admiralspalast. Hunderte versammeln sich im sonnendurchfluteten Hof – und netzwerken bei Häppchen. Eine dumpfe Geräuschkulisse rauscht böig an Ständen und Zelten vorbei auf das offene Straßenland. Die Protestierer sind längst abgezogen. Sie mobilisieren für ihren Großkampftag. 5. September, Demo in Berlin – Motto: »Runter mit der Miete! Her mit den Wohnungen!«
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