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Ukraine-Krieg

Krieg hat Zukunft

Pistorius beschwört in Kiew künftige deutsch-ukrainische Zusammenarbeit bei der Rüstungsproduktion. Ukraine sei auf diesem Gebiet »unglaublich innovativ«

Von Reinhard Lauterbach
Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa
Der deutsche Staat will von der Kriegserfahrung der Ukraine profitieren (Inspektion eines Marschflugkörpers in einer geheimen Fabrik in der Ukraine)

Bundesverteidigungsminister Boris ­Pistorius hat den Montag mit einem vorher nicht angekündigten Besuch in Kiew verbracht. Hauptinhalt der Gespräche sollte, wie er bei seiner Ankunft der dpa erklärte, eine Intensivierung der deutsch-ukrainischen Rüstungskooperation sein. Deutschland und die Ukraine seien strategische Partner, die beide von der Kooperation profitierten. Pistorius beschwor »zahlreiche neue Projekte«, vor allem bei der Entwicklung unbemannter Waffensysteme, einschließlich solcher, die zu Angriffen weit im gegnerischen Hinterland (Deep Strike) geeignet seien. Das nutze der Sicherheit beider Länder, skizzierte der SPD-Politiker eine von langjährigen kriegerischen Auseinandersetzungen mit Russland gekennzeichnete Zukunft.

Die Arbeitsteilung soll dabei offenbar die sein, dass die Ukraine ihr in der Kriegspraxis erworbenes Know-how in die gemeinsame Produktion einbringt und die BRD einen Großteil der Finanzierung. Erst kürzlich hatte Pistorius in Berlin einen Gipfel mit diversen »Finanzinstitutionen« wie Banken und Investmentfonds veranstaltet, auf dem er die Finanzierung des Krieges als Gelegenheit für die Investoren beworben hatte, hohe Gewinne zu machen. Es ist wie vor 110 Jahren, als Rosa Luxemburg in ihrer »Junius-Broschüre« den berühmten Satz geprägt hatte: »Die Dividenden steigen, und die Proletarier fallen.« Und teilweise ist diese Kriegskooperation auch keine Zukunftsmusik mehr. Das russische Verteidigungsministerium hat im April eine Liste mit 13 Unternehmen in mehreren westeuropäischen Ländern veröffentlicht, die schon jetzt für die Ukraine Kampfmittel wie Drohnen entwickelten; zwei davon seien in München angesiedelt.

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Die Ukraine hat in der Tat ihre chronische Knappheit an Soldaten in letzter Zeit zumindest teilweise durch automatisierte Systeme ausgleichen können. So gab es in den vergangenen Wochen mehrere Berichte – allerdings von auf ukrainischer Seite »eingebetteten« Reportern –, wonach ukrainische Truppen einen russischen Bunker im Bezirk Charkow »vollautomatisch« erobert hätten: Ein Sprengstoffroboter sei vor dem Eingang explodiert, ein anderer habe den Ausgang blockiert, und zum Schluss hätten die Roboter die russische Besatzung sogar noch in Gewahrsam genommen. Die in verschiedenen Medien unterschiedlichen Zeitangaben, wann dieser automatisierte Angriff stattgefunden haben soll, machen allerdings auch deutlich, dass an solchen Darstellungen viel inszeniert sein dürfte. Denn die Ukraine hat ein dringendes Interesse daran, sich mit derartigen Nachrichten als ein Land darzustellen, das genau nicht dabei ist, den Krieg zu verlieren, und damit weitere Investitionen derer einzuwerben, die mit einer Fortführung des Krieges ihre Geschäfte machen. Federführend bei der Entwicklung unbemannter Kriegssysteme ist nach diesen Berichten im übrigen die sogenannte 3. Sturmbrigade der ukrainischen Armee, wie sich inzwischen das ehemalige »Asow«-Regiment tituliert.

Entsprechend gering war bei Pistorius das Interesse an den Aussagen von Wladimir Putin vom Wochenende über eine russische Verhandlungsbereitschaft. Das sei höchstwahrscheinlich ein russisches Täuschungsmanöver, um zu verdecken, dass die russische Seite derzeit in der Ukraine nicht vorankomme, sagte Pistorius in Kiew. Putin sei dafür bekannt, dass er in Verhandlungen »täusche und trickse«. Deshalb müsse die Ukraine vor künftigen Verhandlungen durch weitere Aufrüstung in eine stärkere Position gebracht werden.

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.05.2026, Seite 1, Titel

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  • Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 12. Mai 2026 um 12:59 Uhr
    Der wirklich wichtige Satz, mit dem ein sogenannter Sozialdemokrat enthüllt, was bundesdeutsche Sozialdemokratie heute wert ist, kam von Boris Pistorius: Am Krieg lässt es sich wunderbar verdienen. Am meisten wohl, wenn alles in Scherben fällt. Es ist nicht mehr weit, bis uns der Krieg wieder als reine Badekur beschrieben wird. Die Bilder aus dem Europa von 1945 werden von diesen Leuten gnadenlos in die Ablage verfrachtet. Sie könnten zu deutlich beweisen, wie groß der Preis für den heute angestrebten neuen Wahnsinn ist.
  • Istvan Hidy aus Stuttgart 12. Mai 2026 um 08:53 Uhr
    Der Satz »Krieg hat Zukunft« wirkt provokativ und fast fatalistisch, als sei Krieg ein normales Zukunftsmodell. Das greift mir zu kurz. Der lateinische Satz »Si vis pacem, para bellum« (»Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor«) beschreibt ein klassisches sicherheitspolitisches Prinzip. Gemeint ist dabei nicht Kriegsverherrlichung, sondern Abschreckung: Ein verteidigungsfähiger und wehrhafter Staat senkt das Risiko eines Angriffs. Die zugrundeliegende Annahme lautet, dass Schwäche Aggression begünstigen kann, während glaubwürdige Stärke Frieden sichern soll.
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