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Soziale Ungleichheit

Unwohl in Deutschland

»Besorgniserregend« und »alarmierend«: UNICEF-Studie zum kindlichen Wohlbefinden. Hohe Kinderarmut, miserables Bildungsniveau in der Bundesrepublik

Von Kristian Stemmler
Foto: Jan Woitas/dpa
Kein unbefangenes Spielen mehr. Behaglich wachsen etliche Kinder aus den ärmeren Haushalten in Deutschland schon lange nicht mehr auf

Auf dem Katholikentag in Würzburg behauptete Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am Freitag, nur wenige Länder böten jungen Menschen so gute Zukunftschancen wie Deutschland. Eine am Sonntag publizierte Studie des UN-Kinderhilfswerks UNICEF mit dem Titel »Ungleiche Chancen – Kinder und wirtschaftliche Ungleichheit« spricht eine ganz andere Sprache. Unter 37 Ländern, in denen kindliches Wohlbefinden anhand von sechs Indikatoren wie Gesundheit und Bildungskompetenzen untersucht wurde, nimmt die Bundesrepublik nur Platz 25 ein.

Damit liegt das Land wie im Vorjahr im unteren Mittelfeld und bleibe »weit hinter seinen Möglichkeiten zurück«, heißt es in einer Mitteilung von UNICEF Deutschland. Für die Organisation besteht kein Zweifel daran, dass die soziale Ungleichheit Ursache des schlechten Ergebnisses ist. Sie spricht von einem »besorgniserregenden Bild«: Die Kinderarmutsquote stagniere seit Jahren in Deutschland bei hohen 15 Prozent. Die Einkommensungleichheit sei von einem Verhältnis von 1 zu 4,3 im Jahr 2012 auf 1 zu 5,0 gestiegen. Das bedeutet: Menschen im wohlhabendsten Fünftel der Bevölkerung verfügen heute über fünfmal so viel Einkommen wie Menschen im ärmsten Fünftel. Die Folgen seien »für viele Kinder gravierend«.

Das zeigt etwa das deutsche Abschneiden im Bereich Bildung, das UNICEF Deutschland als »alarmierend« bezeichnet. Nur 60 Prozent der 15jährigen erreichten demnach die Mindestkompetenz in Lesen und Mathematik. Damit liege die BRD auf Platz 34 von 41 Ländern mit vergleichbaren Bildungsdaten. Länder wie Irland (Platz 1 bei den Kompetenzen), Slowenien (Platz 2) oder Südkorea (Platz 3) zeigten, dass bessere Ergebnisse auch in Ländern mit schlechterer wirtschaftlicher Lage möglich seien.

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Die Studie belegt zudem erneut, dass im Bildungsbereich von Chancengleichheit nach wie vor nicht die Rede sein kann. Demnach ist in Deutschland der Abstand besonders groß zwischen Kindern und Jugendlichen aus armen Familien, hier erreichten nur 46 Prozent die grundlegenden Kompetenzen, und denen aus wohlhabenden Familien – da waren es 90 Prozent.

Im Bereich körperliche Gesundheit nimmt die BRD zwar Rang 15 ein, aber auch hier zeigt sich der Zusammenhang mit dem Familieneinkommen: Der Großteil der Kinder aus dem wohlhabendsten Fünftel der Familien ist in sehr guter gesundheitlicher Verfassung, nämlich 79 Prozent. Bei den ärmsten Kindern sind es nur 58 Prozent. Natürlich wirkt sich das Aufwachsen in Armut auch auf die mentale Gesundheit aus. Laut Studie berichten hierzulande nur 61 Prozent der 15jährigen aus den einkommensschwächsten Familien von hoher Lebenszufriedenheit. Bei Jugendlichen aus wohlhabenden Familien sind es 73 Prozent.

Die Studie mache erneut deutlich, dass ökonomische Benachteiligung und mangelnde Teilhabe den gesamten Alltag von Kindern beeinträchtigen, heißt es in der Mitteilung weiter. Etwa durch schlechte Wohnverhältnisse mit wenig Rückzugsräumen, schlecht ausgestattete Schulen und benachteiligte Nachbarschaften, in denen Kinderärzte oder Spielplätze fehlten. In der Studie belegen die Niederlande, Dänemark und Frankreich die ersten drei Plätze. Aber auch in Ländern wie Portugal (Platz 4) und Litauen (Platz 7), mit zum Teil deutlich geringerer Wirtschaftskraft, wachsen Kinder unter besseren Bedingungen auf.

»Die Bekämpfung der Kinderarmut muss politische Toppriorität werden«, forderte Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland, laut Mitteilung. Deutschland vergebe Zukunftschancen. Seine Organisation forderte ein »entschlossenes Handeln« der Regierung, etwa ein ressortübergreifendes Maßnahmenpaket zur gezielten finanziellen Absicherung von benachteiligten Kindern und Familien, eine verbesserte Auszahlung des Kindergeldes oder eine bedarfsgerechte Neuberechnung des soziokulturellen Existenzminimums.

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.05.2026, Seite 1, Titel

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