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Wirtschaftlicher Niedergang

Pleitewelle in Westeuropa

Analyse: Unternehmensinsolvenzen auf Höchststand. Krise strukturell, nicht nur konjunkturell

Foto: Seeliger/imago
Farbe blättert, Rost setzt an, Firmenaufschriften an Werkstoren verblassen – Arbeiter verlieren ihre Jobs

Die Neonröhren im Eingangsbereich flackern ein letztes Mal. Ein dumpfer Schlag, dann fällt das Rolltor ins Schloss – ein Betrieb weniger, ein Kapitel beendet.

Solche Szenen spielen sich derzeit in Westeuropa ab – und sie sind längst kein Randphänomen mehr. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen hat 2025 den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten erreicht, teilte die Creditreform Wirtschaftsforschung am Dienstag mit. Insgesamt waren laut der Analyse 197.610 Firmen insolvent, 4,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Was nach einer nüchternen Statistik klingt, beschreibt eine Art tektonische Verschiebung in der europäischen Wirtschaft.

Denn für Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, ist die Entwicklung längst kein konjunkturelles Strohfeuer mehr. »Die Krise ist nicht nur konjunkturell, sie ist strukturell. Ein schwacher Welthandel und geopolitische Risiken setzen Europas Unternehmen zu«, sagt er. Dazu kommen hohe Energiepreise und eine lähmende Bürokratie, die die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den USA und China weiter ausbremsen. Eine »doppelte Belastung«, die vielen Betrieben ernsthaft zusetzt.

Die Lage ist gewissermaßen historisch – das bestätigt auch Gerhard Weinhofer, Geschäftsführer von Creditreform Österreich. »In Westeuropa ist das Insolvenzniveau mittlerweile höher als nach der schweren Finanzkrise 2008/2009.« Nach zweistelligen Zuwächsen in den Jahren 2023 und 2024 habe sich die Dynamik zwar etwas abgeschwächt, doch von Entspannung könne keine Rede sein. Vielmehr sei ein weiterer Anstieg im Jahr 2026 wahrscheinlich – ein Ausblick, der die Unsicherheit zusätzlich verstärkt.

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Zwischenfazit: Die Gesamtzahlen steigen in einem wirtschaftlich gespaltenen Europa. Die Schweiz verzeichnete mit einem Plus von 35,3 Prozent die größte Zunahme der Unternehmensinsolvenzen, gefolgt von Griechenland, Finnland und Deutschland. Hierzulande meldeten gut 24.000 Unternehmen Insolvenz an – der höchste Wert seit 2014. Gleichzeitig gab es auch Gegenbewegungen: In sechs Ländern, darunter die Niederlande, Irland und Norwegen, gingen die Fallzahlen zurück. Doch selbst diese »Inseln der Stabilität« ändern wenig am Gesamtbild. »Europa driftet auseinander«, warnt Hantzsch. Die Konjunkturschwäche in den großen Industrieländern Deutschland, Frankreich und Italien wirke wie eine schwere Hypothek, die jede Wirtschaftsdynamik abwürge.

Wie sieht es in einzelnen Branchen aus? Während das verarbeitende Gewerbe mit einem moderaten Plus von 3,6 Prozent davonkommt, trifft es Dienstleister und Handel deutlich härter. Die Dienstleistungsbranche verzeichnete 8,7 Prozent mehr Insolvenzen, der Handel einschließlich Gastgewerbe drei Prozent. Nur das Baugewerbe stabilisierte sich nach einer starken Zunahme der Pleiten im Vorjahr. Für Weinhofer ist die Ursache klar: »Die schwache Konjunktur und anhaltende Preissteigerungen belasteten die Verbraucherstimmung.« Die Folge: weniger Nachfrage, mehr Insolvenzen.

Ein anderes Bild zeigt sich in Osteuropa. Dort gingen die Insolvenzen 2025 um 7,1 Prozent zurück – auf 36.939 Fälle. Acht der zwölf untersuchten Länder meldeten sinkende Zahlen, allen voran Kroatien mit einem Rückgang von 19,4 Prozent. Doch auch hier gilt: Die Entwarnung trügt auf den zweiten Blick. »Der rückläufige Trend darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Insolvenzzahlen in vielen Bereichen weiterhin auf hohem Niveau liegen«, betont Weinhofer. Vor allem Bau und Dienstleistungen seien stärker betroffen als vor 2020, ein Nachhall der Coronajahre, in denen viele angeschlagene Unternehmen mittels Finanzspritzen am Leben gehalten wurden.

Und jenseits des Atlantiks, wie ist die Entwicklung dort? In den USA stiegen die Unternehmensinsolvenzen auf 31.810 Fälle – ein Plus von 5,3 Prozent und der höchste Wert seit 2020. Hohe Zinsen und eine restriktivere Kreditvergabe erschweren dort die Sanierung angeschlagener Firmen.

Fest steht: Europa steht ökonomisch besonders unter Druck. Die Zahlen des Jahres 2025 markieren nicht nur einen statistischen Höchststand, sondern einen Wendepunkt: Die strukturellen Probleme des kapitalistischen Wirtschaftens sind offensichtlich. Mehr noch: Vielerorts blättert Farbe von der Fassade, verblassen Firmenaufschriften an den Werktoren – verlieren Arbeiter ihre Jobs.

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.05.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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