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02.05.2026
- → Betrieb & Gewerkschaft
Wieso streiken die Arbeiter der Lebensmittelbranche?
Sachsen-Anhalt: Der Tarifkampf soll auch die große Lohnlücke zwischen Ost und West schließen, sagt Uwe Ledwig
Zur Zeit werden in Sachsen-Anhalt vor dem Hintergrund der laufenden Tarifvertragsverhandlungen zahlreiche Betriebe in der Lebensmittelbranche bestreikt. Worum geht es bei den Verhandlungen im Kern?
Es geht um einen Tarifvertrag für die Beschäftigten im Bundesland und zentral auch um die Angleichung der Löhne zwischen Ost und West. Bei der letzten Verhandlungsrunde vor mehreren Jahren, 2020, gab es den Versuch, diese Angleichung über einen langfristigen Tarifvertrag zu erreichen, was aber durch die Inflationsschübe nach der Coronapandemie und dem Ukraine-Krieg verpufft ist. Die Tarifabschlüsse im Westen lagen dadurch dann deutlich höher, als wir damals angenommen hatten. Der Tarifvertrag selbst deckt die gesamte Branche, von Wasser über Brot bis zu Sekt und Futtermitteln für Tiere, ab.
Über wie viele Beschäftigte sprechen wir?
Da geht es um 15 Betriebsgruppen mit zwischen 3.000 und 4.000 Beschäftigten. Als Beispiele wären die Betriebe der Schwarz-Gruppe oder auch Ditsch und »Rotkäppchen« zu nennen.
Wie ist bisher die Streikbeteiligung?
Es wird sehr intensiv gestreikt. In mehreren Betrieben wurde bereits für einige Stunden die Arbeit niedergelegt. Insgesamt kommen wir schon jetzt auf 300 Streikstunden. Und die Streiks werden sich noch fortsetzen, denn wir gehen nicht davon aus, dass wir bei der nächsten Verhandlungsrunde eine Annäherung erreichen werden.
Wie gestalten sich die Verhandlungen bisher?
Die Angebote in den ersten zwei Verhandlungsrunden waren wirklich erbärmlich. Mit Fairness und Nächstenliebe wäre Dieter Schwarz wohl auch nicht Milliardär geworden. Da müssen wir noch mehr Druck aufbauen. Wir wollen uns jedenfalls nicht auf die gleiche Herangehensweise einlassen wie bei den letzten Verhandlungen. Der Arbeitgeberverband weigert sich bisher, ein verhandlungsfähiges Angebot vorzulegen, und will die Löhne bis zu sechs Monate gar nicht und dann für zwölf Monate nur um 2,8 Prozent erhöhen. Auf das Jahr ist das eine Erhöhung von 1,4 Prozent und damit bei der aktuellen Inflation ein Reallohnverlust.
Was man immer wieder hört: Es sei nicht an der Zeit für Lohnangleichungen des Ostens an den Westen. Aus der Politik bekommt man gesagt, die Betriebe im Osten seien unproduktiver. Das ist Unsinn. Die Produktionsbetriebe von Lidl sind zum Beispiel hochproduktiv und sehr profitabel.
Wie groß sind die Lohnunterschiede zwischen Ost und West derzeit?
Nehmen wir zum Beispiel »Rotkäppchen«, das ja gerne als ostdeutsche Traditionsmarke angesehen wird. Dort hat man einen Lohn von 2.900 Euro pro Monat. Im hessischen Eltville, wo der Konzern auch Sektkellereien hat, sind es 3.700 Euro. Macht mit Weihnachtsgeld eine jährliche Differenz von 11.000 Euro. Bei den Mineralwasserbetrieben kann man auch von Unterschieden von 500 bis 800 Euro jeden Monat sprechen. In den höchsten Bewertungsgruppen in der Branche sind es bis zu 2.000 Euro weniger, die man im Monat im Osten zur Verfügung hat. Und so kann man das immer weiter durchdeklinieren. Dabei sind das ja alles keine notleidenden Betriebe.
Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass die Unternehmer Ihnen bald entgegenkommen?
Gegen null. Es erinnert ein wenig an die Situation bei den Verhandlungen zum Manteltarifvertrag 2024. Da war das Gezerre ein ähnliches. Und erst als wir 1.000 Streikstunden zusammenhatten, gab es eine Einigung. Die fiel auch nicht überall gleich aus. Dort, wo die Belegschaft streikwilliger war, fielen die Abschlüsse so aus, dass man die Forderungen deutlich schneller erfüllt hat. Manche von den Betrieben sind in den kommenden Jahren zumindest bezüglich der Zuschläge und Sonderzahlungen auf dem Niveau der westlichen Betriebe.
Eine ähnliche Tendenz zeichnet sich dieses Mal ab. Wobei man sagen muss, dass sich deutlich mehr Betriebsbelegschaften dem Streik angeschlossen haben, was sicherlich auch für einige Überraschung gesorgt hat. Wir haben als Gewerkschaft jedenfalls deutlich gemacht, dass es für uns nur zwei Varianten gibt: Einen längerfristigen Tarifvertrag gibt es nur, wenn am Ende der Laufzeit eine hundertprozentige Lohnangleichung steht, oder es gibt einen Jahrestarifvertrag mit einer sehr deutlichen Erhöhung. Beides wurde bislang verweigert.
Uwe Ledwig ist Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) Ost und führt für die Gewerkschaft die Verhandlungen
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