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Aus: Ausgabe vom 27.01.2020, Seite 1 / Titel
Arbeitskampf

Streik auf Station

Beschäftigte von Ameos-Kliniken in Sachsen-Anhalt ab Montag im unbefristeten Ausstand. Chefs feuern Mitarbeiter und filetieren Fachbereiche
Von Susan Bonath
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Die Ameos-Beschäftigten in Sachsen-Anhalt wehren sich gegen die schlechten Arbeitsbedingungen

Acht Jahre lang kein Anstieg der Gehälter und unzumutbare Arbeitsbedingungen: Am heutigen Montag treten Beschäftigte von vier Ameos-Kliniken in Sachsen-Anhalt in einen unbefristeten Streik. 92 Prozent hätten sich an der Urabstimmung am Mittwoch beteiligt und fast ausnahmslos dafür votiert, informierte die Gewerkschaft Verdi am Freitag abend. Die Beschäftigten werden demnach an den Standorten Aschersleben-Staßfurt, Bernburg und Schönebeck im Salzlandkreis und Haldensleben im Landkreis Börde wochentags von sechs bis 22 Uhr ihre Arbeit niederlegen. »Wir sind auf 15 Wochen Arbeitskampf vorbereitet«, teilte Verdi mit.

Der Klinikkonzern Ameos verweigerte bisher jegliche Tarifverhandlungen mit Verdi. »Seit 2012 haben die Beschäftigten auf Gehaltserhöhungen verzichtet«, sagte Verdi-Verhandlungsführer Bernd Becker. Ein guter Tarifvertrag sei daher überfällig. Auch berichtete er über »Drohungen und Einschüchterungsversuche« der Klinikleitung. Diese hatte im November 14 Mitarbeiter, die sich an den Warnstreiks beteiligt hatten, gegen den Willen der Betriebsräte fristlos entlassen. Als Begründung nannte die Geschäftsführung »respektloses Verhalten«, Uneinsichtigkeit und ein »gestörtes Vertrauensverhältnis«. Alle Betroffenen klagen jetzt dagegen.

Darüber hinaus drohte Ameos laut Becker bereits damit, wegen der Tarifforderungen ganze Abteilungen zu schließen und bis zu 800 Mitarbeiter zu entlassen. Auf ein Angebot der Beschäftigten, die Notdienstversorgung während des Streiks sicherzustellen, sei der Konzern auch nicht eingegangen. Daher werde man sie einseitig umsetzen. Hier gehe es um »elementare Grundversorgung der Menschen in der Region«, mahnte Becker, »da dürfen solche Methoden und kommerzielle Interessen keinen Einzug halten«. Sylvia Bühler vom Verdi-Bundesvorstand warf Ameos »vordemokratische Praktiken« vor. »Wer Beschäftigte am Ausüben ihrer Grundrechte hindern will, hat im Gesundheitswesen nichts verloren«, so Bühler.

Die Ameos-Gruppe mit Sitz in der Schweiz besitzt acht Krankenhäuser mit knapp 4.000 Beschäftigten in Sachsen-Anhalt, neben den genannten auch in Calbe, Halberstadt, Oschersleben und Thale. Bereits 2003 übernahm der Konzern die Klinik für Psychiatrie in der Börde-Kreisstadt Haldensleben. 2006 verkaufte der Landkreis auch das Haldensleber Ohre-Klinikum – zunächst an den Münchner Klinikkonzern Sana. Ein Bürgerbegehren dagegen hatte die Kreisverwaltung damals wegen »Formfehlern« abgelehnt. Als es vom Gericht später doch für rechtlich einwandfrei erklärt wurde, war der Verkauf längst vollzogen. 2013 verkaufte Sana die Klinik an Ameos weiter. Wenig später schloss der neue Betreiber die Kinderstation, den Kreißsaal sowie die Frauenstation und gliederte einige Abteilungen, darunter das Labor, aus.

Ähnlich ging Ameos im Salzlandkreis vor. Die dortigen Kliniken hatte das Unternehmen 2012 erworben. In Bernburg schloss es kurz darauf die Stationen für Kinderheilkunde, Gynäkologie und Geburtshilfe. In Staßfurt machte Ameos voriges Jahr die Notaufnahme dicht und löste in Aschersleben den ambulanten Pflegedienst auf. In Schönebeck sprach die Klinikleitung in einem Schreiben an die Mitarbeiter vor wenigen Tagen von roten Zahlen und Plänen zur »Kostenoptimierung«. Außerdem bezeichnete sie das Krankenhaus als »Schließungskandidat«. Einige Fachbereiche müsse man wohl aufgeben, hieß es. Laut Beschäftigten steht die Entbindungsstation ganz oben auf der Streichungsliste.

An Geld mangelt es Ameos aber offenbar nicht. Ebenso wenig hat die Politik in Sachsen-Anhalt daraus gelernt. So gehört der Konzern zu den Bietern, denen im geplanten Ausverkauf des Klinikums Burgenlandkreis im Süden Sachsen-Anhalts die besten Chancen eingeräumt werden, seit sich vor wenigen Tagen die Uniklinik Halle aus dem Verfahren zurückgezogen hatte. Verdi-Mann Becker warnte vor einer Auslieferung der Beschäftigten an »einen Konzern, der Tarifverträge ablehnt und demokratische Rechte mit Füßen tritt«. Eine gute Versorgung von Patienten sei nur bei guten Arbeitsbedingungen möglich. Ameos biete das nicht.

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