Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Gegründet 1947 Freitag, 22. Januar 2021, Nr. 18
Die junge Welt wird von 2464 GenossInnen herausgegeben
Die junge Welt drei Wochen gratis testen Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Aus: Ausgabe vom 25.11.2020, Seite 5 / Inland
Tarifkonflikt

Sprachlose Firmenspitze

Sachsen-Anhalt: Beschäftigte bei Engineering-Dienstleister FEV DPL in Brehna treten in Warnstreik
Von Oliver Rast
IMGasd_0539.jpg
Klare Botschaft: Beschäftigte in Brehna fordern Bereitschaft für Tarifgespräche seitens der Geschäftsführung (24.11.2020)

Irgendwann reißt der Geduldsfaden: Warnstreik, für eine Stunde, erst einmal. Vor dem Werkstor des Engineering-Dienstleisters FEV Dauerlaufprüfzentrum GmbH im sachsen-anhaltischen Brehna versammelten sich am Dienstag morgen rund 50 Beschäftigte. »Bis auf wenige Ausnahmen in der Verwaltung die ganze Schicht«, betonte Almut Kapper-Leibe, Geschäftsführerin der IG Metall Halle-Dessau, am selben Tag im jW-Gespräch.

Insgesamt arbeiten in dem sogenannten Kontibetrieb 200 Beschäftigte, im Schichtsystem 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche. Sie prüfen für die Automobilbranche Laufleistungen von Fahrzeugantrieben, sowohl für Verbrennungs- als auch für Hybrid- und Elektromotoren.

Der Grund für den Kurzstopp im Betriebsablauf ist denkbar simpel: Die Belegschaft fordert einen Tarifvertrag. Der vormalige Haustarifvertrag wurde bereits 2013 gekündigt. Seit zwei Monaten versucht die IG Metall (IGM) mit der Gegenseite Gespräche aufzunehmen. Abschlussziel ist ein sogenannter Heranführungstarifvertrag an die Tarifverträge in der Metall- und Elektroindustrie Sachsen-Anhalt. Denn: »Die Grundentgelte liegen rund 20 Prozent unter dem Branchenflächentarif in unserem Bundesland«, kritisierte der Betriebsratsvorsitzende Henry Komorniczyk am Dienstag gegenüber jW. Davon will das Unternehmen nichts hören, bügelt die Gewerkschaftsforderung ab. Die örtliche IGM zitierte in einer Pressemitteilung vom Montag aus einem Schreiben der Geschäftsführung – darin steht: »Vor dem Hintergrund der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen wäre es unredlich, nicht erfüllbare Erwartungen bei den Beschäftigten zu wecken«.

Geweckt, wenn nicht gar aufgeschreckt, wurden hingegen die Unternehmensmanager in der Zentrale im fernen Aachen. Mit der Warnstreikaktion hatten sie Gewerkschaftern zufolge nicht gerechnet. Entsprechend verstimmt wirkten die Chefs – und schickten die Sekretärin des Brehnaer Standorts vor: »Wir haben der IG Metall unsere Haltung kundgetan, eine weitere Stellungnahme wird es nicht geben«, übermittelte sie jW barsch.

Erste Reaktionen kommen aus der Landespolitik. Andreas Höppner, wirtschaftspolitischer Sprecher der Linke-Landtagsfraktion, sagte am Dienstag gegenüber jW: »Es verhöhnt die Leistung aller Beschäftigten, einen Tarifvertrag abzulehnen, der eine Lohnangleichung vorsieht«. Es werde Zeit, klare Regeln für alle zu schaffen, damit »nicht mehr nach Gutdünken der jeweiligen Geschäftsführung« Kollegen entlohnt würden. Des weiteren müssten Beschäftigte am Betriebserfolg beteiligt werden. »Gespräche mit der Gewerkschaft zu verweigern ist für so ein Unternehmen einfach nur beschämend und unwürdig«, rügte Höppner.

Für Betriebsrat Komorniczyk ist ein Etappenziel erreicht: Die Belegschaft zieht mit. »Das gibt uns allen hier einen Motivationsschub«. Die Firmenspitze müsse ihre Blockadehaltung endlich aufgeben, am Verhandlungstisch Platz nehmen, bekräftigte Gewerkschafterin Kapper-Leibe. »Der Frust bei den Beschäftigten steigt spürbar«, so die Metallerin. Und damit auch die Bereitschaft zum Protest.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung.

Kann ja jeder behaupten, der oder die Beste zu sein! Deshalb wollen wir Sie einladen zu testen, wie gut wir sind: Drei Wochen lang (im europ. Ausland zwei Wochen) liefern wir Ihnen die Tageszeitung junge Welt montags bis samstags in Ihren Briefkasten – gratis und völlig unverbindlich! Sie müssen das Probeabo nicht abbestellen, denn es endet nach dieser Zeit automatisch.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Beim Krankenhauskonzern in Sachsen-Anhalt ist Kritik unerwünscht
    14.01.2020

    Nicht mit Verdi

    Klinikbetreiber Ameos will im Tarifkonflikt die Gewerkschaft raushalten
  • 23.07.2013

    Arm durch Teilzeitarbeit

    Ver.di weitet Streiks im Einzel- und Versandhandel in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Hessen aus
  • In Rostock und Umgebung streikten am Donnerstag Lehrer von 121 S...
    02.03.2013

    »Zweiklassengesellschaft«

    Bundesweite Warnstreiks der Lehrer gehen weiter. Die Gewerkschaft fordert 6,5 Prozent mehr Lohn und einen Tarifvertrag zur Eingruppierung