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Kryptoaffäre in Polen

Betrogene Spekulanten

Kryptowährungsaffäre in Polen: 30.000 geschädigte Kunden, 300 Millionen Euro verschwunden. Unternehmen spendete an Rechte

Foto: Sebastian Geisler/imago
Ob auf Luxusautos, Werbebanden oder in Taschen rechter Politiker - Zondacrypto hat in Polen Spuren hinterlassen

Es fing alles Anfang April an. Da bekamen Kunden der Kryptobörse Zondacrypto, die ihr Geld abheben wollten, die Mitteilung, das sei wegen »vorübergehender technischer Probleme« gerade leider nicht möglich. Drei Wochen später sind die »technischen Probleme« noch immer nicht behoben. Der Chef der Börse hat sich mittlerweile nach Israel abgesetzt, und die ermittelnde Staatsanwaltschaft in Katowice spricht von mindestens 30.000 geschädigten Anlegern und einem finanziellen Schaden von mindestens 300 Millionen Euro. Da Zondacrypto mit Spenden an Politiker und Projekte der polnischen Rechten aufgefallen ist, bekommt die Sache inzwischen auch eine parteipolitische Dimension. Zumal Staatspräsident Karol Nawrocki zweimal den Versuch einer gesetzlichen Regulierung des Kryptomarktes durch sein Veto zu Fall gebracht hat. Die Frage ist, warum: Trägt er damit eine Dankesschuld ab? Dass er früher Verbindungen in die Halbwelt hatte, ist bekannt.

Die Geschichte von Zondacrypto beginnt im Jahre 2014. Da gründete in dem oberschlesischen Städtchen Piekary Śląskie der damals 24jährige Geschäftsmann Sylwester Suszek mit einigen Kumpels die Kryptobörse Bitbay. Die Geschäfte gingen eine Zeitlang sehr gut, heute vermuten die Ermittler, dass Bitbay, wenn es nicht dazu gegründet wurde, Gelder der oberschlesischen Halbwelt zu waschen, so doch zumindest an dieser Geldwäsche beteiligt war und von ihr profitierte. Das ging eine Zeitlang gut, bis die staatliche Finanzaufsicht im Jahr 2018 potentielle Investoren vor Geschäftsbeziehungen mit Bitbay warnte. Also wurde umfirmiert: Aus Bitbay wurde Zondacrypto, der Firmensitz wanderte von Polen erst nach Malta und dann nach Estland. Firmengründer Suszek leistete sich, mutmaßlich von den Einlagen seiner Kunden, einige Jahre lang einen luxuriösen Lebensstil, bis er im März 2022 spurlos verschwand. Seine letzten Spuren führten auf das Gelände eines Treibstofflagers in der Stadt Czeladź, dort war zumindest sein Mobiltelefon zum letzten Mal eingeloggt. Ob er noch am Leben ist, weiß niemand.

Im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Suszek übernahm der Katowicer Rechtsanwalt Przemysław Kral, der bisherige Justitiar der Firma, auch das offizielle Kommando. Er behauptet, Zondacrypto sei mitnichten insolvent, sondern habe lediglich auf ein verschlüsseltes Portfolio mit umgerechnet 300 Millionen Euro keinen Zugriff; den Zugriff habe lediglich Suszek gehabt, und das elektronische Passwort für das Subkonto sei gemeinsam mit ihm verschwunden. So ganz überzeugt von der eigenen Unschuld scheint Kral jedoch nicht zu sein. Recherchen des Portals Business Insider Poland ergaben, dass er sich angesichts des wachsenden Fahndungsdrucks in Polen nach Israel abgesetzt habe – unerreichbar für jede Ermittlungsbehörde aus dem Ausland.

Mitte April begann Regierungschef Donald Tusk von »russischen Spuren« im Fall Zondacrypto zu sprechen. Er stützte sich dabei offenkundig auf Details, die jetzt eine Recherche der Tageszeitung Rzeczpospolita zutage gefördert haben will. So gehöre Zondacrypto einer estnischen Holdinggesellschaft, die wiederum drei Briefkastenfimen in Dubai gehöre, und die ihrerseits drei noch von Sylwester Suszek gegründeten Aktiengesellschaften in Luxemburg. Vor allem die Verbindung nach Dubai und die Nutzung von Kryptowährungen sei »typisch für die russische Mafia« und sanktionsflüchtige russische Oligarchen, sagten Vertreter polnischer Geheimdienste der Reporterin der Rzeczpospolita. Nach Recherchen des Portals Money.pl sollen Personen mit Verbindungen in die russische Halbwelt auch im Aufsichtsrat der estnischen Holdinggesellschaft sitzen, dem vordersten Glied der verwinkelten Eigentumsverhältnisse.

Bewegen sich diese Aspekte noch weitgehend im spekulativen Bereich, sind die Versuche von Zondacrypto, sich mit Spenden an Vertreter der polnischen Rechten politische Rückendeckung zu verschaffen, aktenkundig und allgemein bekannt. So hat Zondacrypto gut 100.000 Euro an eine Stiftung des ehemaligen und inzwischen flüchtigen polnischen Justizministers Zbigniew Ziobro und eine mittlere fünfstellige Summe an eine Stiftung des der »Konföderation« angehörenden Politikers Przemysław Wipler überwiesen. Und weil Zondacrypto auch als Sponsor des Nationalen Olympischen Komitees Polens – sowie diverser Erstligavereine – in Erscheinung getreten ist, steht inzwischen auch der polnische Leistungssport unter finanziellem Druck, denn die regelmäßigen Zahlungen bleiben aus. Zuletzt hat eine Initiative polnischer Sportverbände und ehemaliger Spitzensportler den Präsidenten des Olympischen Komitees, Radosław Piesiewicz, zum Rücktritt aufgerufen. Piesiewicz, der unter der PiS-Regierung und mit deren Unterstützung auf seinen Posten gekommen ist, lehnt einen Rücktritt aber bisher ab.

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.04.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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