Südlibanon besetzt
Von Karin Leukefeld, Beirut
Die US-Regierung hat für diesen Donnerstag erneut libanesisch-israelische Gespräche im Außenministerium in Washington angesetzt. Dabei soll es um eine mögliche Verlängerung der zehntägigen »Waffenruhe«, um die Entwaffnung der Hisbollah und die Stationierung der libanesischen Armee im Süden Libanons gehen. Präsident Joseph Aoun ernannte den ehemaligen libanesischen Botschafter in den USA, Simon Karam, zum Chefunterhändler der libanesischen Delegation. Als »ziviler« Vertreter hatte Karam bereits die »Waffenruhe«-Vereinbarung vom 24. November 2024 mit ausgehandelt, die von Israel nie eingehalten worden war. Laut UNIFIL verstieß Israel mindestens 10.000mal gegen die Feuerpause, die am 2. März vollständig zusammenbrach. Hisbollah hatte in den 15 Monaten lediglich einmal auf Israel gefeuert.
Seitens der Hisbollah und der Amal-Bewegung werden die Gespräche mit Israel abgelehnt, solange Israel weite Teile des Südens besetzt hält, zerstört und dort eine »gelbe Linie« ziehen will, die Libanesen nicht überschreiten dürfen. Der Plan erinnert an das Vorgehen in Gaza, wo Israel durch Ziehen einer »gelben Linie« die Kontrolle über fast 50 Prozent des Küstenstreifens beanspruchte. Kritiker der Gespräche befürchten, dass Gespräche mit Israel und auch eine »Waffenruhe à la Trump« lediglich der Besetzung Legitimität verschaffen. Seit dem Beginn des erneuten Krieges am 2. März hat Israel nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums mindestens 2.387 Personen getötet und mehr als 7.602 verletzt.
Die seit Freitag bestehende Trumpsche »Waffenruhe«, die zehn Tage dauern soll, hat nicht verhindert, dass israelische Bodentruppen, Drohnen und Artillerie ungehindert Südlibanon unter Beschuss nehmen und zivile Infrastruktur systematisch zerstören. Die Hisbollah setzt entsprechend weiter auf militärische Gegenwehr. Am Montag erklärte das Militärkommando der Organisation, einen gezielten Angriff mit Sprengstoffallen auf israelische Truppen entlang einer Verbindungsstraße zwischen Taybeh und Deir Sirjan im Südostlibanon durchgeführt zu haben. Die Sprengstoffallen seien vor der »Waffenruhe« angebracht worden und am Sonntag explodiert, als ein israelischer Militärkonvoi dort entlangfuhr. Dadurch seien vier israelische Panzer zerstört worden, hieß es in der Stellungnahme.
Libanesische Medien berichteten über von der israelischen Armee ausgelöste Explosionen in der Ortschaft Mais Al-Dschabal am frühen Dienstag morgen. Weitere Sprengungen wurden aus Al-Tiri und aus Al-Kantara gemeldet. Die israelische Artillerie habe zudem den Ort Kunin beschossen, hieß es. Israelische Drohnen überflogen den gesamten Süden Libanons einschließlich der Hafenstädte Tyros und Sidon sowie weite Teile der Bekaaebene. Auch Beirut wurde am Montag vormittag stundenlang von unbemannten Flugkörpern im Tiefflug überquert.
Die israelische Armeeführung hat die Libanesen aus dem Süden des Landes aufgefordert, nicht in Orte zurückzukehren, die Israel besetzt hält oder besetzen will. Auch die Hisbollah und die libanesische Armee warnten die Menschen davor, den Fluss Litani zu überqueren, solange die Sicherheitslage unklar sei. Zwar hatten sich am Freitag zahlreiche kriegsvertriebene Libanesen auf den Weg in ihre Heimatorte gemacht. Doch die meisten waren schon am Abend wieder zurück. Sie hatten ihre Wohnungen nicht erreichen können oder hatten diese komplett zerstört vorgefunden.
Nach Angaben des libanesischen »Nationalen Zentrums für Wissenschaft und Forschung« und des »Nationalen Zentrums für Naturkatastrophen und Frühwarnungen« hat Israel allein zwischen dem 17. und 19. April mehr als 220mal die »Waffenruhe« mit Luftangriffen, Explosionen und Artilleriebeschuss auf Libanesen und libanesische Infrastruktur gebrochen. Dabei wurden drei Personen getötet und sieben verletzt, darunter vier Rettungshelfer. Israelisches Militär und die Luftwaffe zerstören wie schon während des Krieges und der vorherigen »Waffenruhe« Wohnhäuser, Sportanlagen und öffentliche Einrichtungen.
Die Libanesen nutzen die »Feuerpause«, um ihre Toten zu beerdigen. Viele konnten erst Tage nach den Angriffen geborgen werden. Auch Maha Abou Khalili, eine prominente Veteranin der marxistisch-leninistischen Volksfront zur Befreiung von Palästina (PFLP), wurde erst drei Tage nach ihrer Ermordung in Tyros beerdigt. Die 80jährige hatte in einem von drei Wohnhäusern in Tyros gelebt, die unmittelbar vor Beginn der »Waffenruhe« von der israelischen Luftwaffe zerstört wurden. Mindestens 13 weitere Bewohner wurden getötet und 35 verletzt geborgen, 15 Personen gelten als vermisst.
Israel beansprucht wiederum eine »Sicherheitszone« an der Grenze zu Libanon. Es wird behauptet, ein solches Gebiet zu benötigen, damit die eigene Bevölkerung im Norden des Landes in Sicherheit leben könne. Eine vom israelischen Armeesprecher Avichay Adraee am Sonntag auf X veröffentlichte Karte des beanspruchten Gebiets umfasst allerdings auch das nach internationalem Recht zu Libanon gehörige Kana-Gasfeld im Mittelmeer.
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