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Aus: Ausgabe vom 18.04.2026, Seite 11 / Feuilleton
Comic

Lieber ein Haar in der Suppe

Lea Ebelings ethnografischer Comic »Hoffen, wenn die Welt schmerzt« über unsere dekoloniale und antikapitalistische Zukunft
Von Marc Hieronimus
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Schufterei: Die schöne Seele und ihre sittliche Wirklichkeit

Die Ethnologin und Illustratorin Lea Ebeling ist in ihrer Masterarbeit im Fach der Süd- und Südostasienstudien der Frage nachgegangen, welche Rolle Zukunftsimaginationen in aktivistischer Arbeit spielen und wie sie genutzt werden können, um soziopolitische Veränderung herbeizuführen. Dafür ist sie mit fünfzehn Menschen unterschiedlicher Herkunft an verschiedene Orte in Berlin gegangen und hat sie gebeten, sich vorzustellen, wie diese Schauplätze in einer besseren, wünschenswerten Zukunft aussehen. Die Aussagen hat sie in Zeichnungen umgewandelt und diese den Teilnehmern vorgelegt, um ihnen in einem erneuten Gespräch Raum für Kritik und Änderungswünsche zu bieten. Diese für sich schon spannende Abschlussarbeit nahm sie als Grundlage für einen deutlich erweiterten »ethnografischen Comic über dekoloniale und antikapitalistische Zukünfte«, mit dem sie Menschen zum Handeln bewegen möchte.

Es ist ja in der Tat so: Viele ausreichend »Privilegierte« haben ein schlechtes Gewissen wegen der Zustände in der Welt, aber kriegen den Arsch nicht hoch, mal zur Demo zu gehen, »bringt ja eh nix«. Die Kritik an der Gegenwart »scheitert an den begrenzten Möglichkeiten, die der kapitalistische Realismus vorgibt, und geht in einer Spirale aus Schuld, Scham und Hoffnungslosigkeit unter, die in passiver Handlungsunfähigkeit endet. Positive Zukunftsimaginationen haben das Potential, das kapitalistische Diktat des Vorstellbaren und Vorhersehbaren zu durchbrechen (…) und nehmen dem kapitalistischen Realismus die Macht.«

Bringt also doch was. Andere geißeln sich weniger und richten sich selbstgefällig in ihrer grünen Blase mit Lastenfahrrad und Gemüsekiste ein. Solche Gutmenschen verstehen weder, warum weniger Betuchte nicht auch ausschließlich bio kaufen, noch, dass Menschen in anderen Ecken der Welt für unseren Wohlstand unter unwürdigsten Bedingungen schuften müssen. Die wenigsten sehen, wie sehr unser Denken und Handeln von den historisch gewachsenen Strukturen geprägt ist. Die Autorin verweist durchgehend auf die mehr als 120 Bücher und Artikel von Bloch, Graeber, Marx, Crenshaw, Lorde, Haraway, Butler und vielen anderen mehr oder weniger bekannten Größen, die in die Arbeit eingeflossen sind, und spricht mit so unterschiedlichen Menschen wie zwei sudanesischen Friedensaktivisten, zwei Sexarbeiterinnen, einem indischen Politikwissenschaftler oder einer Sea-Watch-Anwältin.

Es gibt aber auch etwas zu meckern. Sicher, lieber ein Haar in der Suppe als umgekehrt oder gar nichts zu essen, aber stören tut es dann doch. Ebeling traut sich was und probiert viel aus. Auf ganzseitigen Wimmelbildern verschmelzen Mensch und Umwelt, kleinteilige Stadtbilder und Naturdarstellungen wechseln sich ab mit Interviewpassagen und auf Smiley-Niveau illustrierten Erklärungen. Die feineren Zeichnungen kommen in dem vom Verlag gewählten Oktav-Format nicht recht zur Geltung, sind aber ohnehin nicht immer gelungen. Wie zeichnet man eine platzende Seifenblase? Wie zeigt man eine Menschenmenge, ohne eine Menge Menschen zu zeichnen, was furchtbar anstrengend und schwierig ist? Dafür gibt es Tricks, die man durch viel Comiclektüre und/oder ein einschlägiges Studium erlernen kann. Ähnliches gilt für die Sprache. Es gibt fürs Gendern elegantere Lösungen als Schluckaufendungen und neue Personalpronomen wie »dey« und »hen«, nämlich Hyperonyme, Synonyme, Passiv, Formenwechsel und einige mehr. Die Zukunft wird zeigen, welche sich durchsetzen.

Lea Ebeling: Hoffen, wenn die Welt schmerzt. Ein ethnografischer Comic über dekoloniale und antikapitalistische Zukünfte. Unrast-Verlag, Münster 2026, 224 Seiten, 19,80 Euro

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