Zum Inhalt der Seite
Kinder

Zehntausend Stunden

Wer soll wovon wie viel lernen – und wann, wie und warum überhaupt?

Foto: Jördis Hirsch

Wer was

Jeder soll, kann, will, wird lernen, aber nicht alles, nicht einmal, was »man« so wissen muss. Der Kulturkritiker Ivan Illich hat angeregt, die Schulpflicht auf vier, fünf Jahre zu beschränken, in denen nur Lesen, Schreiben und die Grundrechenarten vermittelt werden. Das Leben lang aber solle jedem und jeder weitere Bildung kostenlos offenstehen. Wie, dann kann ich in Zukunft nicht mehr davon ausgehen, dass meine Gesprächspartnerin im Wartezimmer oder in der Autowerkstatt Dinge weiß wie »7-5-3: Rom schlüpft aus dem Ei«, Kochsalz = NaCl und dass Osmose Diffusion durch eine semipermeable Membran ist? Genau. Genau wie heute schon. Buchstäblich kein Schulstoff außer Mathe und Deutsch dient uns noch im Erwachsenenleben, und was uns dort dient, haben wir nicht in der Schule gelernt. Wer fremde Sprachen spricht, ein Handwerk versteht, selbst wer am Schreibtisch mit Zahlen und Textbausteinen jongliert, hat von sechs bis sechzehn allenfalls erste Berührungen mit dem Stoff gehabt, das Lernen kam danach. Die längste Zeit in der Menschheitsgeschichte gab es keine allgemein verpflichtenden Erziehungsanstalten. Schulen richten den Menschen ab, indem sie ihn daran gewöhnen, in unerbittlicher Regelmäßigkeit Dinge gegen den eigenen Willen zu tun. »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr« gilt für Sozialverhalten und viele Bewegungsabläufe. Dafür braucht es keine Schulen.

Wer wie

Aller Anfang ist schwer. Die erste Fremdsprache, das erste Instrument, die erste Million erarbeitet man sich viel mühsamer als die späteren. Der alleranfänglichste Anfang dagegen ist leicht. Die typische Lernkurve ist bekanntlich umgekehrt exponentiell, d. h., zu Beginn geht es ganz schnell, ganz steil nach oben, erst mit der Zeit flacht die Kurve ab und das Lernen stagniert. Logisch, nur leider falsch. Oder nur richtig für einen begrenzten Zeitraum unter Laborbedingungen, z. B. ein Anfängersprachkurs Griechisch. Nach nur einem Tag beherrscht man das halbe Alphabet, nach zwei das ganze und die Ausspracheregeln, also kann man jeden griechischen Text lesen. Dann kommen »Guten Tag – Auf Wiedersehen« und die Zahlen, als nächstes erkennt man Wörter wieder, bald kann man schon ein kleines Gespräch führen. Dann wird es zäh, die Lerngeschwindigkeit lässt nach, oder vielmehr: Das täglich neu Erlernte erzielt einen ständig kleiner werdenden Könnenszuwachs. Die letzten 500 Vokabeln im letzten Sprachkurs lernt man nicht langsamer, vielleicht sogar schneller als die ersten 500 im ersten, aber sie erweitern kaum noch das Können, während der Grundwortschatz in jedem Satz vorkommt.

Im größeren, lebenswirklichen Rahmen sieht die Lernkurve noch mal ganz anders aus. Erst geht es steil nach oben und flacht ab (der Sprachkurs), dann kommt vielleicht wieder ein Sprung nach oben (der Griechenland-Urlaub), vielleicht nach ein paar Tagen dort noch mal eine gewaltige Lernbeschleunigung (man lernt einen Liebespartner in der Zielsprache kennen, von Kennern gerne die »horizontale Sprachlernmethode« genannt). Mit Ende des Urlaubs stagniert nicht nur das Lernen, man verlernt auch wieder, d. h., das Wissen geht zurück. Erlerntes bleibt nur erhalten, wenn es angewendet wird.

Anzeige

Ehrgeizige Lehrer und Schüler meinen, Lernen sei ein Abnutzungskrieg. An manchen Tagen ist es tatsächlich schon ein Sieg, nicht aufgegeben, weiter gekämpft zu haben mit diesem verdammten Vokabelheft oder der Klavierschule. Aber Können, ein Bewegungsablauf (auch der Zunge) wird nicht eingepaukt = eingeprügelt, sondern einmassiert. Man massiert ein, was sich gut anfühlt. Auch beim Geistigen ist Prügelei offensichtlich vermeidbar: Wer hat je die Muttersprache mit dem Vokabelheft gelernt? Nun lernen Menschen je nach Lerntyp mehr übers Ohr, das Auge oder den Verstand. Diese Beobachtung hat dazu geführt, dass Schulstoff heute abwechslungsreicher dargeboten wird, damit jeder alles lernen kann. Aber die Physiknärrin braucht solche Hilfen ebensowenig wie der Volleyballfreund oder die begeisterte Malerin, sofern es jeweils um Physik, Volleyball und Malen geht. Lernhilfen braucht nur, wer Uninteressantes lernen muss. Kinder lernen auch anders als Erwachsene, nämlich ausschließlich spielerisch. Erwachsene haben den Vorteil, hartnäckig und widerwillig büffeln zu können, aber auch für sie geht es besser im Spiel, zum Beispiel über Lernszenarien, wo man in Rollen schlüpft und gewissermaßen ein Kind spielt, das einen Erwachsenen spielt. Gute Musiklehrer lassen viel dudeln, regen zum, eben: Spielen an, statt zuerst auf Tonleitern und Weihnachtslieder zur Befriedigung der Eltern zu setzen.

Wann wie viel

Musiker reden von 10.000 Stunden, die man braucht, um ein Instrument professionell zu beherrschen. Mal schnell nachgerechnet: Zwei Stunden am Tag sind, zwei Wochen Urlaub und Krankheit jährlich eingerechnet, 700 in zwölf Monaten, dann dauert es stolze 15 Jahre. Aber wer übt denn bitte tagein, tagaus zwei Stunden, oder gar vier nach einmal Aussetzen? Kinder üben viel weniger, in der Jugend und im Studium übt man dafür deutlich mehr, es ist also völliger Quatsch, den vierjährigen Sohnemann mit der Geige zu quälen. Die 10.000 sind natürlich ein Mittelwert: Am Klavier braucht man mehr, an anderen Instrumenten wie der Trompete eher weniger. Wann ist es also genug, wann gilt »gelernt ist gelernt«? Man beherrscht, was es auch sei, wenn es sich nicht mehr wie Gelerntes anfühlt, sondern natürlich, also zur eigenen Natur gehörig. Nicht, wenn man es kann, sondern wenn man es nicht mehr falsch machen kann.

Aber das ist das Ende. Wann soll man anfangen? Zur richtigen Zeit, also bei Interesse. Kinder sind bekanntlich keine kleinen Erwachsenen. Erwachsene sind im besten Falle große Kinder – wenn sie noch lernen. Lernen ist dabei nicht passives (Lernen durch die Erfahrungen eines unfrei gelebten Lebens) noch aktives (Büffeln) Aneignen, sondern spielerisch seinen Interessen folgen. Bei Kindern, egal welchen Alters, hat das ein anregendes Lernumfeld zur Voraussetzung. Der schon erwähnte Vierjährige kann sich freiwillig für die Geige entscheiden, aber nur, wenn er mit einer in Berührung kommt. Im besten Fall erlauben die Eltern ihren Kindern in allen Bereichen Persönlichkeitsentwicklung, ein Wort so abgedroschen wie »abgedroschen«, dessen tiefere Bedeutung – der Kern, beim Dreschen das Korn – verloren gegangen ist. All diese »Coaches«, die uns für den Arbeitsalltag, also das falsche Leben im falschen fit machen wollen, versuchen, in ihren Klienten wiederzubeleben, was dort früh verdorrt ist. Persönlichkeit ist angelegt, wenn nicht zu viel schiefgeht, kann sie sich entwickeln. Wer als Erwachsener verkümmert und verformt ist, muss seine offenen, verspielten, kindlichen Teile wiederfinden. Wie viel hört man zu Recht vom »inneren Kind«, das uns, weil es immer noch gekränkt und an seiner Entfaltung gehindert ist, unangemessene Gefühle und Emotionen verursacht und zu ebensolchen unerwachsenen Taten verleitet?

Was warum

Bloß nicht lernen, was »der Markt« verlangt! Lernen ist Wachstum, Befreiung und ein aussichtsreicher Kandidat für den Sinn des Lebens. Kinder wie Erwachsene müssen entdecken können, was sie interessiert, und das sollen und werden sie dann lernen. Wenn die Grundbedürfnisse erfüllt sind, gelte: »Tu, was du willst.« Nicht anders ist es gesamtgesellschaftlich. Das deutsche Schulsystem ist unsozial, weil die von unten kaum nach oben kommen können und nur oben eine gewisse Freiheit zu haben ist, und es ist verlogen und freiheitsfeindlich, weil es die gesellschaftlichen Verhältnisse reproduziert, statt zu helfen, sie zu überwinden. In der Übergangszeit sollte die Schule zeigen, wie es ist, warum es so ist und wie es sein könnte: Materiell könnte beim heutigen Stand der Wissenschaften der gesamten Menschheit ein Leben im »Reich der Freiheit« ermöglicht werden, sogar im Einklang mit der Natur.

Marc Hieronimus ist Comic­fachmann, Musiker und Alltagsphilosoph. Er lebt mit dem Großteil seiner Kinder am Waldrand von Köln.

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Beilage vom 27.05.2026, Seite 4, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!