Wie die Erde glücklich wurde
Ein Märchen
In Shi Tolkantri in Überteich, im Land des güldenen Kaisers, da hatten die Menschen lange in Saus und lange auch in Braus gelebt. Einst hatte der Herrgott selbst ihren Vätersvätern das Land gegeben, auf dass sie sich mehrten und seine friedliche Botschaft verkündeten, und sei es mit dem Schwerte. Nun waren die Menschen rund und feist und kannten weder Durst noch Hunger, denn der schwarze Prickelsaft floss reichlich, und die Tiere gaben gern ihr Leben, um sie zu ernähren.
Doch die Menschen von Shi Tolkantri plagte ein Kummer, und der wuchs von Tag zu Tag. Die Schreier, Maler, Fahrleute und Bänkelsänger sagten, und sie wussten es gar selbst: Shi Tolkantri ist der schönste, liebste, heiterste Ort und der Kaiser der mächtigste, friedlichste und güldenste Herrscher auf Erden. Wonach sollten sie noch streben?
Als sich herumsprach, dass es in der Ferne noch viele andere Länder und Gefilde gebe und die Menschen dort, soweit bekannt, aufs schlimmste darbten, wuchsen bald Missgunst und Groll in Shi Tolkantri. Die Menschen frugen, was haben diese Teufel denn getan, um ihre Armut und Dummheit zu verdienen? Die haben es gut, die können noch träumen, dass es ihnen einmal besser gehe! Wir aber haben das Träumen verlernt! In ihrer Trauer und Wut begannen sie, auf Menschen Jagd zu machen, die aus einem anderen Land zu stammen schienen als dem ihren, auch wenn sie seit jeher in Shi Tolkantri ihr Leben fristeten.
Endlich brachte ein Schreier die Kunde zum Kaiser und seinen Beratern: Eure Majestät, die Untertanen sind unglücklich über ihr makelloses Glück, weil und derweil die Menschen anderer Länder in ihrem Unglück glücklich sind! Der königliche Rat schlug vor, auch das Volk von Shi Tolkantri ins glückbringende Unglück zu stürzen. Der Herrschersherrscher aber sprach in seiner güldenen Weisheit: Die Fremden im Lande schicken wir in ihre ferne Heimat, ihre ferne Heimat aber holen wir zu uns. So werden alle glücklich! Er musste nur noch entscheiden, welchen Flecken Erde er zuerst beglücken wollte.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
