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Comic

Der Geist des Hundes

Magische Praktiken: Suehiro Maruos bildgewaltiger Manga »Doktor Inugami«

Foto: Reprodukt
Einfach mal durchatmen

Anfang des 13. Jahrhunderts begann in Japan mit der Legende vom Kitano-Tenjin-Schrein die Tradition der »Muzan-e«, der grausamen Bilder, auf denen sich die Leichen stapeln und das Blut in Strömen fließt. Der bis heute tief in der japanischen Kultur verwurzelte Glaube an böse Geister ist noch viel älter. Wo aber Gefahr ist, wächst bekanntlich mit Hölderlin das Rettende auch. Die Onmyoji waren Schamanen oder Zauberer, die den Menschen im Kampf gegen die Dämonen beistanden, indem sie sogenannte Shikigami hervorriefen, Schutz- oder Dienergeister, die die Dämonen bekämpften und auch gegen jene vorgingen, die sie geschickt hatten.

Die japanische Folklore kennt legendäre Onmyoji wie Abe no Seimei, der im 10. Jahrhundert als Zauberer am Hof des Kaisers tätig war. Eine grausame Tradition betrifft die Erschaffung von Hundegeistern, auf Japanisch Inugami. Die gern erzählte und geglaubte Legende geht so: »Ein Mann, der in Higashimugi in der Provinz Sanuki lebte, hegte Groll gegen jemanden und plante, sich zu rächen, sobald sich die Gelegenheit dazu bot. Diese blieb ihm jedoch verwehrt. Deshalb vergrub er seinen Hund in der Erde, bereitete dessen Lieblingsfleisch zu, stellte es vor den Hund und flehte ihn an: ›Gib mir deine Seele!‹ Als der Hund das Fleisch verschlang, nutzte der Mann den Moment, um ihm mit einem Schwert den Kopf abzuschlagen. Dann befahl er dem Geist des Hundes, den Menschen, den er seit langem hasste, totzubeißen. Von diesem Tag an wohnte der Geist des Hundes im Haus des Opfers. Das ist ein Inugami.«

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Der japanische Mangazeichner Suehiro Maruo (»Die Panoramainsel«, jW 9.9.2025) hat schon Anfang der 90er Jahre einen Fortsetzungscomic um diese Legende geschaffen, der jetzt komplett auf Deutsch erschienen ist. Eines Vormittags springt die Schülerin Mariko Ishida vom Schuldach in den Tod. Ein Mitschüler verdächtigt den Lehrer Tsujimura, sie in den Tod getrieben zu haben. Tatsächlich hatte der Pauker seine Autorität missbraucht, um mit Mariko anzubandeln und sie zu schwängern. Der eifersüchtige und trauernde Schüler will sie rächen, indem er gemäß der Legende einen Hund vergräbt, so dass nur der Kopf hervorschaut, den er ihm nach drei Tagen Hungerkur abschlägt und den Geist auf den Lehrer hetzt. Leider kommt der ihm auf die Schliche, überwältigt ihn und startet mit ihm das gleiche Prozedere, wenngleich nicht aus magischen, sondern aus sadistischen Motiven und um einen gefährlichen Mitwisser zu beseitigen: einbuddeln, auf Diät setzen und am Ende wahrscheinlich enthaupten. Dazu kommt es aber nicht, weil der Lehrer vorher dran glauben muss, und zwar an die Existenz von Inugamis (das waren die Hundegeister) und Onmyojis (die Zauberer, die gute Geister erschaffen und vor bösen Geistern schützen). Marikos Eltern wussten über den Lehrer Bescheid und haben sich gerächt, indem sie den geheimnisvollen Titelhelden Doktor Inugami beauftragten, der nun, als der Schüler fürchtet, sein letztes Stündlein habe geschlagen, seinen Shikigami (= Schutzgeist) auf den Lehrer hetzt.

Als Manga ist das düster, erotisch, faszinierend, bildgewaltig und viel weniger kompliziert als in der Nacherzählung. Dem Verständnis dienlich ist auch die historisch-literaturwissenschaftliche Einordnung durch den Kulturwissenschaftler Kazuhiko Komatsu am Ende des Buchs. Er ist überzeugt, dass in den Bergen der Präfektur Kochi bis heute an Inugamis geglaubt wird, Flüche und Gegenflüche, Exorzismen und andere magische Praktiken ausgeübt werden und im übrigen seine Forschungsergebnisse direkt in Suehiro Maruos Werk eingeflossen sind. So können auch in den weiteren Episoden weder die Leserin noch der Dienstleister Herr Dr. Inugami über Langeweile klagen: Eine Madame Hojo zum Beispiel hat für sich das Geschäftsmodell entdeckt, die Kinder wohlhabender Eltern zu verhexen, um ihnen dann ihre Dienste als Exorzistin anzubieten. Anderswo ist seit Jahren ein Sohn verschwunden, und auch perversen Satanisten muss natürlich das Handwerk gelegt werden.

→ Suehiro Maruo: Doktor Inugami. Aus dem Japanischen von Claudia Peter. Reprodukt-Verlag, Berlin 2026, 192 Seiten, 20 Euro

Themen:
junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 21.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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