Erfinder des Wassers
Von Ken Merten
Wie heißt es in der ersten Strophe von Black Sabbaths »Heaven and Hell« (1980): »Sing me a song, you’re a singer / Do me a wrong, you’re a bringer of evil / The devil is never a maker / The less that you give, you’re a taker«. Die 1968 als Earth gegründete Birminghamer Band gab viel – der Welt den Heavy Metal – und nahm dafür wenig – nur Ruhm und Geld.
Was die einstmaligen Bluesrocker von Black Sabbath jenen bedeuteten, die den Powerchord brauchen wie Fische das Wasser, konnte man 2010 erleben, als Ronnie James Dio (bürgerlich: Ronald James Padavona), Pommesgabelerfinder und Sabbath-Sänger von 1979 bis 1984 und 1991 bis 1993, an Magenkrebs starb. Und als John Michael Osbourne zwei Wochen nach einem großen Abschiedskonzert in der Heimat im Juli 2025 die »Wicked World« verließ, weinten die Kutten allüberall über »Ozzy«. Sie betrauerten ihren »Madman«, der sich in den Nullerjahren auf MTV zur Feile machte, und selbst alles dafür tat, keine 76 Jahre alt zu werden, wäre da nicht Gattin und Managerin Sharon, die jede Eskapade ertrug, selbst den Mordversuch im Drogenrausch des »Fürsten der Finsternis«.
Sucht und Zank sind bekanntlich auch Teil der Bandbiographie von Sabbath. Frank Schäfer, der uns letztes Jahr erst mit einem Buch über Motörhead (Suhrkamp-Verlag) beglückte, und davor mit 100 Seiten zu AC/DC (Reclam-Verlag), hat sich nun auch dem Ursprungsmythos des Heavy Metal angenommen. Kein leichtes Unterfangen, drohen solche Werke doch oft in Huldigungen zu kippen, wenn sie ein Berufsfan für Seinesgleichen tippt, oder es wird in Boulevardmanier ein Skandalnudelsalat serviert, der die Künstlerinnen und Künstler vom Werk als Eigentlichem trennt. Schäfer dagegen gelingt die Verknüpfung von Vita und Albenanalyse. Das angehängte Literaturverzeichnis zeugt davon, dass das bei Wallstein erschienene Bändchen prima in eine Regalreihe passt, neben mehrere Autobiographien, die Schäfer wiederum journalistisch zitiert, also hinter diesem und jenem vom Mythenselbstbildner erinnerten oder gefühlten Fakt ein Fragezeichen setzt.
Der Hippieära entstammend, ging es bei Black Sabbath selten darum, nur von Luft und Liebe zu leben – etwas, das man von Musikerinnen und Musikern, Künstlerinnen und Künstlern allgemein, oft zu dem, was sie tun, obendrauf verlangt, damit sich ihr Schaffen noch schmackhafter verknuspern lässt. Auch Sabbath sind nicht astrein. Sprich: »Plebejer mit gesellschaftspolitischem Engagement« mögen sie (gewesen) sein, wie Schäfer zu »Wicked World« auf dem 1970er selbstbetitelten Debütalbum schreibt. Nicht zu vergessen der Antikriegssong »War Pigs« auf dem Nachfolgealbum »Paranoid« aus demselben Jahr. Aber es brauchte nicht erst professionelle Geschäftsleute wie Sharon Osbourne, damit es bei Black Sabbath auch um den schnöden Mammon ging. Als Sabbath Mitte der 80er – damals tief im Beliebtheitsloch – sogar im weitreichend boykottierten Apartheidssüdafrika auftraten, waren die Gigs vom Management nicht gegen den Willen der Band gebucht worden. »Er habe die Tragweite dieser Entscheidung nicht erkannt und sei ohnehin der Ansicht, man dürfe Musik und Politik nicht vermengen«, paraphrasiert Schäfer mit gebührendem Abstand Interviewaussagen von Gitarrist Tony Iommi, der einzigen personellen Konstante in 57 Jahren Bandbestehen.
Wie kein zweiter im deutschen Metal- und Hardrockjournalismus, liefert Schäfer gestochene Kurzrezensionen zu den Alben der »Stammväter des Genres«, die sich trotz ihres Images als teufelshörige Unterweltler etwa mit der Theodizee beschäftigten und in ihren Lyrics (sowie um die Band selbst) eine Art »Kunstreligion« (Schäfer) schufen. Einzig bleibt dem Autoren vorzuwerfen, dass er gern von »Deutschland« schreibt, wenn er offensichtlich die Bonner Bundesrepublik meint. Es sei ihm verziehen, und »Black Sabbath – Die Erfindung des Heavy Metal« wärmstens empfohlen.
Frank Schäfer: Black Sabbath. Die Erfindung des Heavy Metal. Wallstein-Verlag, Göttingen 2026, 160 Seiten, 20 Euro
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