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Aus: Ausgabe vom 22.06.2024, Seite 10 / Feuilleton
Hardrock

Stumpf ist das falsche Wort

Die Einschläge kommen näher: Frank Schäfers 100 Seiten zu AC/DC
Von Ken Merten
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Das Mehrgenerationenprojekt AC/DC im August 1984 in der Besetzung Brian Johnson, Angus Young, Malcolm Young, Cliff Williams und Simon Wright

Derselbe Saufkumpane, der Iron Maiden bei ihrem Halt in Hannover zur »Legacy of the Beast«-Tour 2018 höchstens unterbewusst durch die Dixi-Klo-Wand mitbekommen hat, meinte 2010 auch: »Gott trifft man nur einmal.« Wie vor sechs Jahren bei seinen Trinkkapazitäten lag er auch damals falsch, denn 2024 war es wieder so weit: AC/DC kamen in die Dresdner Elbrinne. Und wir waren da. Nicht da: Malcolm Young; das menschliche Metronom starb 2017. »AC/DC sind jetzt eine andere Band«, schreibt dazu Frank Schäfer in seinem überaus lesenswerten 100-Seiten-Bändchen zur Band, das jüngst erschienen ist und allen zur Stütze dient, seien sie nun Hardrockveteranen mit satt verzierter Kutte oder der Nachwuchs, der auch auf der aktuellen »Pwr Up«-Tour zugegen war und das mit der australischen Vertonung des Petrolzeitalters offensichtlich nicht ironisch nahm; schließlich bezahlt man derlei Ticketpreise genauso wenig zum Spaß wie man sich einen Vokuhila schneiden lässt. Selbst der – ungelogen! – drei Meter vor uns abfeiernde Rapper Finch nickte sichtlich nicht nur der Performance wegen mit.

»AC/DC sind ein Mehrgenerationenprojekt«, schreibt Schäfer, der gegen Ende seines Buchs leise anmerkt, dass ein Ende der Band vielleicht guttäte, aber nicht abzusehen sei. Zwar schmeißt sich der mittlerweile weißhaarige Angus Young in seiner nunmehr in Koboldgrün gehaltenen Schuluniform nicht mehr an die Bommel der Höllenglocke, wenn sie vom Bühnendach herabgelassen wird; und der ewige Neue am Mikro, Brian Johnson, kriegt ein paar Lacher ab, wenn die Stageventilatoren sein Polohemd lüften und der Alterspansen zum Vorschein kommt. Dahinter aber steckt das allzu bekannte Dilemma, dass die, die sich verdingen, nicht mehr aufhören können damit. Es macht sie aus. Rente? Der Tod vor dem Tod. Den scheut die Band aus Sydney wie der Teufel das Weihwasser, weswegen auch krude Menschenversuche geschahen: Auf der 2015er »Rock or Bust«-Tournee ersetzte Guns N’ Roses Frontmann Axl Rose den seiner Kreissägenstimme verlustig gewordenen Brian Johnson. »Wer noch Zweifel daran hatte, dass AC/DC die Knochenmühle des kapitalistischen Prinzips verkörpern, der findet sich jetzt widerlegt«, so Schäfer in seiner im historischen Präsens gehaltenen, so präzisen wie unterhaltsamen Chronik von AC/DC, die auch im Bücherregal von Finch nicht fehlen darf.

Axl Rose blieb allen, die sich da Mitte Juni bei zwei Konzerten in Dresden einfanden, erspart. Brian Johnsons Stimmbänder aber haben ihre besten Zeiten hinter sich, entsprechend runtergepegelt war sein Gesang; bei »You Shook Me All Night Long« greift er sich unweigerlich an den Kehlkopf, als prüfe er, ob das Gerät noch produziere. Und auch Angus versemmelt ein bisschen das ­Intro zu »Thunderstruck« und braucht eine Trinkpause, wenn er zum großen Solo vor der Zugabe gen erste Etage der Bühne loshopst. Selbst Rosie gibt es nicht mehr als riesige aufblasbare Puppe, sondern noch billiger als eh schon, per maschinellem Lernen auf die Leinwände zweidimensionalisiert.

Zeichen der Zeit, die sich seit dem Tod von Bon Scott vor 44 Jahren verdichten: Die nach Benzin riechende Ära ist so vorbei, vorbeier geht es gar nicht. Sie klingen nach. Die Einschläge kommen näher. AC/DC zeigen das an: Gott geht gen Gerontostation. Er trägt dabei seine Schiebermütze. Frank Schäfer ist vollends zuzustimmen, wenn er schreibt: »Wer AC/DC stumpf nennt, hat nichts, aber auch gar nichts verstanden.«

Frank Schäfer: AC/DC. 100 Seiten. Reclam-Verlag, Ditzingen 2024, 100 Seiten, 12 Euro

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