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Aus: Ausgabe vom 30.03.2026, Seite 10 / Feuilleton
Rock

Die alte Aura

Das Boxset »Breaking Out of Heaven« kompiliert Ronnie James Dios famoses Spätwerk mit Heaven & Hell
Von Frank Schäfer
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Ronnie James singt in Albuquerque (14.8.2009)

Weil die Ende des Jahrtausends dann doch endlich mal klappende Reunion der Black-Sabbath-Urfomation mehr einspielt, als ihre Frau fürs Grobe, Managerin Sharon Osbourne, ihnen vorgerechnet hatte, kommt Tony Iommi auf die hübsche Idee, auch die zweite Sabbath-Formation mit Ronnie James Dio am Mikro wiederauferstehen zu lassen. Dio war nie ein bloßer Ozzy-Ersatzmann, seine stimmliche Variabilität transzendierte den früheren Sabbath-Sound. Sein voluminöses Knurren machte die Doom-Stücke noch härter und sein gebirgsbachklarer Tenor die elegischen Parts fragiler. Er brachte außerdem ein theatralisches Fantasy-Pathos ein, mit dem er schon Rainbow seinen Stempel aufgedrückt hatte, und ein melodisches Gespür, das sich sofort in der Qualität der Songs niederschlug. So inspiriert, artifiziell und dennoch eingängig hatte man Black Sabbath zumindest lange nicht mehr gehört.

Ein Anlass zur neuerlichen Kollaboration findet sich auch sofort. Das geplante Best-of-Album »The Dio ­Years«, das sie mit einigen neuen Songs aufwerten. Tatsächlich schaffen es Iommi, Dio, Geezer Butler und Vinny Appice noch einmal, ihre produktive Energie zu bündeln. Die drei Neukompositionen sind so stark, dass sie in der Szene sofort nostalgische Gefühle wecken. »The Devil Cried« erzählt ein Doom-Märchen, das allen Sündern Hoffnung spenden muss. Der Protagonist schafft es hier, sich aus den Fängen des Teufels zu befreien, indem er ihn zum Weinen bringt. Appices schwerer Brontosaurierrhythmus trifft auf massige Riffs, und Dio phrasiert jede Silbe mit höchster Sorgfalt, als sei er der Höllenbewohner selbst, der nur diesen einen Versuch hat, den Leibhaftigen um den kleinen Finger zu wickeln. »Shadow of the Wind« ist noch düsterer, ein Nachtstück, eine Fluchtfantasie ohne jede Hoffnung, weil das Böse dem angesprochenen Du sogar in den Traum folgt. Appice spielt, als sei er selbst darin gefangen, als würde er fliehen wollen und käme nicht von der Stelle. »Ear in the Wall« zieht ein wenig das Tempo an, und auch das passt inhaltlich zur Paranoia des Ich, der sich gehetzt seinem Verfolgungswahn hingibt, wenn es denn einer ist. Alle drei Songs besitzen wieder die alte Aura, insofern stößt der Sampler zu Recht auf großes Interesse in der Öffentlichkeit und verkauft sich entsprechend.

Also beschließen die vier, die Gunst der Stunde zu nutzen und gleich auch noch eine Tour anzuhängen. Aus Rücksicht auf die jüngsten Erfolge des klassischen Line-ups und auch um den Fans zu signalisieren, dass keine ­Ozzy-Songs auf der Setliste stehen, nennen sie dieses Sabbath-Derivat nach ihrem Erfolgsalbum – Heaven & Hell. Ab Mitte März 2007 geht es auf eine ausgedehnte World Tour, die sie nach Kanada, Europa, Australien, Japan, Singapur und gleich zweimal in die USA führt und bis Mitte November in Bewegung hält. Es ist ein Triumphzug.

Bereits im August, also mittendrin, erscheint eine Konzertaufnahme als Doppelalbum und DVD, die sie Ende März in New York mitgeschnitten und -gefilmt haben. »Live from Radio City Music Hall« erreicht sofort Goldstatus in den USA und spätestens jetzt ist allen Beteiligten klar, dass Heaven & Hell noch ein Nachspiel im Studio haben muss.

»The Devil You Know« erscheint Ende April 2009 und bekommt viel Lob, zumal in der Spartenpresse. Ein bisschen zuviel vielleicht. Tatsächlich lässt das Album »Dehumanizer« spielend hinter sich, und die letzten Ozzy-Alben ebenfalls, aber mir scheint, das positive Vorurteil hat ein kleines bisschen die allgemeine Urteilskraft getrübt. Wir warteten auf ein neues Black-Sabbath-Album und wollten es einfach großartig finden. Exzellente Songs wie die Doom-Hymne »Bible Black« oder das eingängige »Double the Pain« besaßen genügen Strahlkraft, um das ganze Album zu illuminieren. Doch die positive Resonanz von Fans und Kritik, die fast überall entsprechende Chartergebnisse zeitigt (USA Nr. 8, UK Nr. 21, Deutschland Nr. 17), bringt die obligatorische Konzertreise richtig in Schwung. Ich sah ihren legendären Gig am 30. Juli auf dem Wacken Open Air, der mitgeschnitten wurde und im Jahr darauf als Album und DVD erschien. »Neon Nights – 30 Years of Heaven & Hell« fängt diesen magischen Konzertabend nur unzureichend ein. Iommis Gitarre besaß eine körperliche Präsenz, sie stand im Raum wie eine Kathedrale, wie ein Monument aus einer anderen Zeit. Das passte zur weihevollen Stimmung im Publikum.

Die Ehrfurcht und Liebe der Fans trugen die Band durch ein makelloses zweistündiges Set, das sie mit somnambuler Sicherheit über die Rampe schickten. Der grollende Gnom am Mikrofon ist zu diesem Zeitpunkt schon an Magenkrebs erkrankt, Dio weiß es noch nicht und wirft wie ein Tangotänzer seine Arme durch die Luft, fuchtelt wie ein Zauberkünstler Beschwörungsgesten und schlägt uns alle damit in den Bann. Und wenn Tony Iommi zum Solo nach vorn an den Bühnenrand schlendert, ruhig und konzentriert, um schließlich beinahe linkisch lächelnd eine gehörnte Hand zu zeigen, dann erlebt man einen dieser Momente, von denen man ab jetzt immer wieder erzählen muss.

Am 29. August endet die Tour in Atlantic City, New Jersey. Dio hat schon eine Weile immer wieder starke Magenbeschwerden und sucht bald darauf den Arzt auf. Der Krebs befindet sich angeblich erst im Anfangsstadium. Er unterzieht sich diversen Chemotherapien, und der Tumor schrumpft auch zunächst, dennoch hat er nur noch wenige Monate zu leben. Eine Woche vor seinem Tod telefoniert er mit Iommi, sie planen eine Europatour im Sommer, doch das Karzinom hat gestreut und nun auch seine Leber befallen – Ronnie James Dio stirbt am frühen Morgen des 16. Mai 2010. Er wird 67 Jahre alt.

»Ich habe niemals so große Anerkennung von so vielen Musikern und Fans gesehen, so viele gute Wünsche, ganz ohne Zynismus, nur reine Liebe und Wertschätzung für einen großen Mann«, erklärt sein Freund Geezer Butler anschließend. Er hatte sich zwei Tage vor seinem Tod am Krankenbett von ihm verabschiedet. Die bereits geplante Tour wird abgesagt, bis auf ein Dio-Tribute-Konzert am 24. Juli beim Londoner High Voltage Festival, wo sie sich mit Glenn Hughes und Jørn Lande am Mikro ganz offiziell von ihrem ehemaligen Shouter verabschieden und das Kapitel Heaven & Hell für beendet erklären.

Das hochwertige Boxset »Breaking Out of Heaven« enthält außer einem Beibuch nichts Neues, fasst das fulminant auftrumpfende Schlusskapitel seiner exorbitanten Karriere aber lückenlos und würdevoll zusammen.

Heaven & Hell: »Breaking Out of Heaven, 2007–2009« (Rhino/Warner)

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