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Krieg gegen Iran

Millionen in den Sand gesetzt

USA feiern sich für Rettung von abgeschossenem F-15-Piloten – und verlieren dabei zahlreiche Flugzeuge. Zahl iranischer Raketen gegen mit Angreifern verbundene Ziele steigt wieder

Von Lars Lange
Foto: Social Media via REUTERS
So sieht Erfolg für die USA aus: Das Trümmerfeld südlich von Isfahan am 5. April

Geht es nach der Darstellung von US-Präsident Donald Trump, hat es sich um einen der kühnsten Rettungseinsätze in der Geschichte des US-amerikanischen Militärs gehandelt. Nach der als erfolgreich vermeldeten Bergung eines Piloten am Sonntag schrieb Trump auf seiner Plattform »Truth Social«, er habe persönlich den Einsatz von Dutzenden Flugzeugen angeordnet, »bewaffnet mit den tödlichsten Waffen der Welt«, um einen »hochgeachteten Colonel« zu bergen. Der Mann werde verletzt, aber wohlauf sein. Was Trump verschwieg: Die Operation, mit der ein abgeschossener F-15E-Pilot aus dem iranischen Hinterland gerettet werden sollte, endete mit dem größten Einzelverlust an US-Luftfahrzeugen seit Jahrzehnten. Der Abschuss der F-15E am Freitag war, wie The Guardian behauptete, seit dem Irak-Krieg 2003 der erste Fall, dass ein US-Kampfjet durch feindliche Kräfte vom Himmel geholt wurde – fünf Wochen nach Beginn der US-israelischen Angriffe auf den Iran am 28. Februar 2026.

Die Rettungsmission selbst geriet zur eigentlichen Katastrophe. Das US-Kommando setzte MC-130J-Transportflugzeuge ein – Spezialmaschinen des Air Force Special Operations Command, konzipiert für den Einsatz in feindlichen Umgebungen und mit fortschrittlichen Abwehrsystemen gegen luftgestützte Bedrohungen ausgestattet. Zwei dieser Maschinen, deren Stückpreis laut US-Militärdaten jeweils über 100 Millionen US-Dollar liegt, gingen verloren. Berichten zufolge kamen zwei UH-60-Transporthubschrauber, zwei MQ-9-Drohnen, ein A-10-Erdkampfflugzeug sowie eine israelische Hermes-900-Drohne hinzu. Zwei MH-6-Leichthubschrauber wurden am Boden zerstört. Der Gesamtverlust beläuft sich demnach auf ein israelisches und zehn US-amerikanische Luftfahrzeuge.

US-Einheiten nutzten einen verlassenen Flugstreifen südlich von Isfahan als vorgeschobene Operationsbasis. Doch die Ereignisse legen nahe, dass der Iran einen Hinterhalt vorbereitet hatte: Die gegnerischen Kräfte wurden zwar hineingelassen, aber der Abzug zur Falle. Ob die MC-130J durch iranische Luftabwehr zerstört oder – wie Washington behauptete – durch US-Kräfte selbst gesprengt wurden, um ihre Erbeutung zu verhindern, lässt sich anhand der vorliegenden Bilder nicht abschließend klären. Die von iranischen Staatsmedien veröffentlichten Aufnahmen zeigen Einschlagsmuster, die mit Splitterwirkung durch Luftabwehrsysteme übereinstimmen.

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Dass die F-15 überhaupt so tief in den iranischen Luftraum eingedrungen war, hat einen handfesten Grund. Bloomberg berichtete unter Berufung auf eine »mit der Sache vertraute Person«, dass die USA nahezu den gesamten verbleibenden Vorrat an JASSM-ER-Luft-Boden-Marschflugkörpern für den Iran-Krieg verbraucht haben. Von ursprünglich 2.300 Stück stehen nach Ende März nur noch rund 425 weltweit zur Verfügung, 75 gelten als nicht einsatzfähig. Allein in den ersten vier Kriegswochen wurden demnach mehr als 1.000 JASSM-ER verbraucht, 47 weitere beim Angriff zur Entführung des venezolanischen Präsidentenpaares verschossen. Lockheed Martin produziert laut Bloomberg bei Vollauslastung maximal 860 Stück pro Jahr. Ähnlich angespannt ist die Lage bei anderen Systemen. Hunderte »Tomahawks« wurden bereits eingesetzt, RTX produziert rund 100 pro Jahr. Bei »Patriot«-PAC-3-Abfangraketen liegt die Jahresproduktion bei 650, für THAAD bei 96 – beides weit unter dem Verbrauchstempo eines Konflikts dieser Intensität.

Während die US-Bestände präzise dokumentiert schwinden, gibt Israels Militär offen zu, über Irans verbleibende Raketenkapazität im dunkeln zu tappen. Gegenüber der Jerusalem Post räumten Quellen aus dem Apparat ein, dass niemand die verbleibende Zahl iranischer ballistischer Raketen kenne. Innerhalb der Armee gehe die Mehrheit von einigen hundert aus – von ursprünglich geschätzten 2.500. Die Ungewissheit hat handfeste Gründe. Iran hat laut dem Nachrichtenportal Bulldozerteams eingesetzt, die verschüttete Raketensilos teilweise binnen eines Tages freilegen können. Und so sank die Feuerrate zwar ab dem vierten Kriegstag und erreichte danach ein im Vergleich mit dem Ukraine-Krieg hohes Plateau, doch die jüngsten Daten, basierend auf Angaben der Verteidigungsministerien der Golfstaaten, zeigen jetzt einen deutlichen Wiederanstieg: Zwischen dem 28. März und 3. April stieg die Zahl der Raketenstarts gegen die Golfstaaten um 62 Prozent gegenüber der Vorwoche an – auf 203 Abschüsse. Das Narrativ erschöpfter iranischer Raketenbestände ist damit schwer haltbar.

Unabhängige Verifikation ist in diesem Krieg strukturell erschwert, und das ist kein Zufall. Die US-Regierung forderte laut Reuters alle Satellitenbildanbieter auf, Aufnahmen der Konfliktregion zurückzuhalten. Planet Labs folgte und sperrte Bilder rückwirkend ab dem 9. März auf unbestimmte Zeit.

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.04.2026, Seite 7, Ausland

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→Leserbriefe
  • Hartmut Bauer 7. Apr. 2026 um 10:54 Uhr
    Den USA werden in nächster Zeit die Seltenen Erden ausgehen (da China den Export zu Rüstungszwecken in die USA sanktioniert hat), welche sie benötigen, um ihre verbrauchten Waffen auf dem jetzigen Stand zu reproduzieren.
  • Istvan Hidy aus Stuttgart 6. Apr. 2026 um 21:24 Uhr
    Die USA handeln nicht aus Verschwendung oder Abenteuerlust – sie haben in dieser Situation schlicht keine andere Wahl. Nach Venezuela zielen sie nun auf die iranischen Ölreserven, weil es um nichts weniger als das Überleben des Dollarprivilegs geht. Ohne die Kontrolle über den globalen Ölhandel wäre der gigantische US-Schuldenberg nicht mehr tragbar. Militärische Risiken, Menschenleben und Dutzende Flugzeuge stehen dabei auf dem Spiel, doch Washington sieht dies als notwendige Investition, um den globalen Handel und die Energieversorgung nach US-Regeln zu sichern. Wer sich dem Dollar entzieht, gerät automatisch unter Druck – wirtschaftlich, politisch und militärisch. Durch die durch den Iran‑Konflikt entstandene Verknappung an Öl steigt die Bedeutung derjenigen, die trotz Krise noch fördern und liefern können. Die USA profitieren dabei gleich mehrfach: Sie sind inzwischen einer der größten Ölproduzenten der Welt und können ihre eigenen Energieexporte ausbauen, während andere Regionen unter Versorgungsengpässen leiden. Die Verknappung drückt insbesondere auf Länder wie Japan oder andere ostasiatische Staaten, die stark von importiertem Öl abhängig sind, und schwächt ihre Wirtschaftsposition relativ zu den USA, die energetisch breiter aufgestellt sind. Höhere Energiepreise stärken zudem kurzfristig den Wert des Dollars, weil Öl weiterhin vorwiegend in US‑Währung gehandelt wird. In diesem Kontext wäre aus Sicht Washington auch ein strategisches Abkommen mit Russland denkbar, bei dem russisches Erdgas und Erdöl nur noch in Dollar‑Abwicklung an Europa verkauft werden dürfen. Ein solcher Schritt würde das Petrodollar‑System weiter zementieren und den Druck auf europäische Abnehmer erhöhen, sich stärker an US‑dominierte Finanz‑ und Energiemärkte zu binden. Für die USA wäre das nicht ein »Bonus«, sondern ein Mittel zur Stabilisierung der eigenen wirtschaftlichen Stellung in einer Phase tiefgreifender geopolitischer Konkurrenz.
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