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Lücken in der Abwehr

Raketen auf Diego Garcia

Von Jörg Kronauer
Foto: Planet Labs PBC via AP/dpa
Tarnkappenbomber auf der US-Airbase auf Diego Garcia (2.4.2025)

Waren sie Teil einer False-Flag-Operation, die beiden Raketen, die am Freitag aus Iran – oder woher auch immer – auf den britisch-US-amerikanischen Militärstützpunkt Diego Garcia abgefeuert wurden? Sollte es sich tatsächlich um iranische Raketen gehandelt haben, dann wäre ihre Reichweite doppelt so hoch wie bislang angenommen; dann könnte Teheran künftig außer den US-Stützpunkten in Nah- und Mittelost auch solche in Europa angreifen. Ramstein zum Beispiel. Der Krieg würde nicht mehr nur auch von deutschem Boden aus geführt; er käme womöglich in Form von Gegenangriffen auch nach Europa, nach Deutschland zurück. Die Folgen wären gravierend: Für die Bevölkerung gäbe es eine neue, recht konkrete Gefahr; für Militärs gäbe es eine neue Front. Nur: Iran dementiert. Ein Mitarbeiter der Regierung bekräftigte am Sonntag gegenüber Al-Dschasira, der Angriff auf Diego Garcia sei nicht von Iran ausgegangen; Teheran habe damit nichts zu tun.

Niemand weiß, ob das stimmt. Dafür spricht allerdings, dass Israels Generalstabschef Eyal Zamir sogleich Profit aus dem Angriff zu schlagen suchte und behauptete, jetzt könnten auch Berlin, Paris und Rom von iranischen Raketen getroffen werden. Subtext: Steigt doch endlich ein in den Krieg gegen Iran! Auch Zamirs Äußerung ist natürlich kein Beweis: Ein Militär, der die propagandistische Chance vergäbe, die ihm der Angriff auf Diego Garcia bietet, hätte seinen Job verfehlt.

Doch um das trübe Feld der Spekulation zu verlassen: Festhalten kann man zweierlei. Das eine: Wenn es Israel nach Angriffen auf die iranische Atomanlage Natans nicht gelingt, eine Rakete abzufangen, die auf seine eigene Atomanlage Dimona zielt, dann gibt es weiterhin eklatante Lücken in der israelischen Abwehr. Wieder einmal zeigt sich: Die USA und Israel haben die Fähigkeiten des Landes, das sie in Schutt und Asche bomben, grob unterschätzt. Das rächt sich, selbst wenn es – noch – nicht Diego Garcia betrifft.

Und das zweite: Iran übt Vergeltung bei allen Angriffsformen. Beschuss seiner Streitkräfte beantwortet es mit Beschuss von US-Militärstützpunkten, Beschuss von Natans mit Beschuss von Dimona. Lässt US-Präsident Donald Trump tatsächlich iranische Kraftwerke zerstören, dann werden Kraftwerke und Entsalzungsanlagen auf der arabischen Halbinsel attackiert. Aus iranischer Sicht ist eine Alternative auch sinnlos: Zweimal wurden Verhandlungen jäh durch einen Überfall abgewürgt; diejenigen, die – wie etwa Ali Khamenei – Verhandlungen führen ließen, wurden ermordet. Der Weg ist versperrt. Das ist – danke, Donald! Danke, Bibi! – fatal. Und an dieser Stelle ist die erwähnte Spekulation über den Angriff auf Diego Garcia dann doch hilfreich. Denn von einem kann man ausgehen: Früher oder später wird Teheran in der Lage sein, Raketen zu bauen, die bis nach Europa reichen, und spätestens dann dürfte es auch hier Gleiches mit Gleichem vergelten, Angriffe aus Ramstein etwa mit Angriffen auf Ramstein. Höchste Zeit, den Krieg zu beenden. Jetzt.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.03.2026, Seite 3, Ansichten

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