Nicht wach und nicht tot
Von Ken Merten
Der folgende Text ist ein vom Autor bearbeiteter Auszug aus dem Roman »Kleiner als drei« von Ken Merten, der soeben im XS-Verlag erschienen ist. Wir danken Verlag und Autor für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)
25. März
Lieber Ben,
anbei Fotos der letzten Tage. Ich bin wirklich hier. Siehstu? Und ja, hier geht öfter der Strom weg, aber erreichbar bin ich trotzdem und mobiles Internet ist so sehr da, davon kann man in Greiffen nur feucht träumen. Wir sehen: Ich wollte also nicht reagieren. Ehrlich nicht. Absolut das Letzte, was ich im Lexikon aufnehmen würde, wenns ums Lemma »Lust« geht. Wieso? Hier scheint mir Kubas Sonne auf die Titten. Hier habe ich kein Kind, das älter ist als ich. Hier habe ich so sehr meine Ruhe, mein Herz macht sogar nicht mehr diese Sprünge, die ich Dr. Reiter nie gezeigt habe, aus Angst um die Reise nach Kuba.
Es ist Sonnabend, wir haben in der Mensa unser Frühstück in Tüten gepackt und wollen in den Süden der Insel, an den Strand. Wir sind alle, außer Stanley. Samsa, Britt und Pedro haben morgens extra Mangos im Dorf geholt, freitags Ava und Toscha Rum im Devisenladen – und, einfach nur weil es das grad gab, Bautzner Senf, tatsächlich, jedoch nur den mittelscharfen, also mittelbesten. Alles paletti also. Ich habe sogar mein Lernzeug eingepackt. Der Guaguafahrer will wenig, eigentlich zahlen wir ihm nur den Sprit. Er nimmt seine Familie mit, die ein Barbacoa am Strand veranstaltet. Glückliche Fügung, gelungene Organisation, treffliches Bündnis.
Die Guagua ist ein alter Giron VI, dessen Decke ich mit dem Scheitel auf Zehen mühelos erreiche. Er holt uns am Wohnheim ab, in dem wir untergebracht sind; jugoslawisches Steckprinzip, in den 80ern für Gaststudenten aufgestellt. Im obersten Stockwerk steht Pennälerlyrik an den Wänden, Gesänge erwachsen werdender Kinder, die man in anderen Sprachen überall lesen kann, Weltschmerz. Depridichtung ist ein Kontinuum des Menschen, so wie Knieprobleme. Wir hören die Guagua, als wir noch in der Küche Utensilien für den Strandtag packen, denn die Guagua kreischt beim Abbiegen so laut wie eine Tischkreissäge, wenn das Blatt in ein großes Stück zu feuchte Esche taucht. Im Bus die Familie sitzt geschlossen auf der Fahrerseite. Wir also wollen die Trennung akzeptieren und uns rechts setzen, aber schon werden wir instruiert: Der Reifen hinten rechts sei grade defekt, wir sollen also unser zusammengelegtes Gewicht einsetzen und alle links sitzen und möglichst weit vorn. »Nichts kann uns aufhalten«, sagt Ava auf Spanisch, und alle stimmen zu. Eine andächtige Szene.
Sicher angekommen, hängen hinter der bestrandeten Bucht die Wolken hufförmig, sie kommen einfach nicht bis an uns ran, stehen über dem Land und wollen nicht über die Wasserkante treten. Ich liege im Schatten einer Palme und fürchte mich aus Spaß davor, dass mir eine Kokosnuss den Garaus macht, denn dort oben hängen keine. Einsiedlerkrebse trauen sich bis auf meine Lehrbuchseiten, ehe sie sich in ihren Muscheln verschanzen, wenn ich sie von den Konjugationsbeispielen des Imperfecto schnipse, damit ich weiter lernen kann. Reggaeton kommt vom Hotelpool her, in dem Familien baden, die für einen Tagesausflug hergekommen sind, aber nicht ins Meer gehen. Manche gönnen sich ein Zimmer im Hotel Colony, ein Bau im Mudejárstil.
An einen Orgasmus anrainernd: das Mittagessen; eingelegte Shrimps, dazu Reis mit schwarzen Bohnen, Yuca und zweierlei frittierte Kochbananen, erst salzig-chipsig, hinterher süß. Man führt die gekrümmte Handinnenfläche mehrmals in Richtung des Mundes, wenn man anzeigt, dass einem etwas schmeckt, ob nun beim Essen oder Sehen oder Hören.
Die anderen spielen Fußball, aber nur kurz, denn die Sonne setzt ihren Köpfen, kleine und widerhakende Kletten im Sand ihren Sohlen arg zu, also brechen sie ab, gehen ins Wasser, und ich folge nach. Fischchen schwimmen um uns her, wenn wir zu den Pfählen des alten Stegs waten, an dem sich ein kleines langes Riff gebildet hat. Ich finde einen Seestern und reiche ihn rum. Man wird zu dem Fehlurteil verleitet, die Natur zu lieben, wenn man hier ist, und alles knutschen und kosen zu wollen, auch wenns Stacheln trägt und dich verbrennt.
»Kommt zu uns rüber«, sagt der Guaguafahrer hinein ins Wasserparadies. Maikel heißt er, und das habe ich noch nicht erwähnt. Wir folgen Maikel zu dem Strandabschnitt, der nicht mehr zum Hotel gehört und wo ein halbes Schwein gebraten und dann mit Essig, Öl und Salz verzehrt wird. Dazu kreist Aguardiente, eine trinkbare Zwischenstufe der Rumerzeugung, die etwas von dem Obstler hat, den du magst und ich weniger. Wir beteiligen uns und geben zur Zunahme der allgemeinen Freude die Flasche braunen Santiago aus dem Panamericana-Shop in die Runde.
Wie ich einmal durch die nicht wenig mit Müll gespickten Büsche steige, um zu pinkeln, scheint mir in der Hocke blickschweifend die Färbung des Wolkenkranzes dunkler und seine Füllung praller und dass er sich uns nun doch nähert, als hätte er nur auf ausreichend Verstärkung gewartet. Mir scheint richtig. »Es wird regnen«, sagt bei meiner Rückkehr zum Barbacoa auch Maikels körperlich kleinerer, biographisch weit größerer Bruder, der vermutlich mit mir flirtet.
Also stecken wir alle Bücher und Endgeräte weg und ich räume unsere Taschen in den Bus, wo ich das erste Mal, seit wir das Wohnheim verlassen haben, meine Nachrichten prüfe und die Welle registriere, die mich da erreicht hat. »Was ist mit dem!?« »Seid ihr noch ihr? Wenn ja, denk drüber nach.« »Haha, dystopisch, so sehr, es ist gleich groß wie 1984.« »Sies dir an. Er wird berühmt.« »Ähm.« »Er ist so eine Trümmerfrau und aus Müll.«
Wenn ich aufstoße, riecht es nach Obstler, ein bisschen übel ist mir schon geworden in dem Moment. Ich trolle mich nach ganz hinten rechts, über den kaputten Reifen, und scrolle die Nachrichten von Geistern und Exilgreiffnerinnen durch, der junge Pflugbeil hat mir den Link auch geschickt und hinterher einen mit dem aktuellen Verfassungsschutzbericht Sachsens, beides unkommentiert. Hä?
Während das Video lädt, klackert der Regen schon auf die Guagua und fällt durch die Dachluke auf den Gang. Es rumpelt, aber die Wolken scheinen nicht testen zu wollen, wie faradayisch der Käfig wirklich ist, dafür gießt es, und wenn sie nicht aufpasst, übergibt der Regen die Guagua dem Meer, so sehr wird Kuba abgebraust.
»Alles ok?«, fragt Ava, die sich nach mir als Erste reinrettet und mit Rum wedelt. Ich nicke den Kopf und lehne per Hand ab, suche das Kabelknäuel meiner Kopfhörer, und während ich es auseinanderfriemle, lädt das Video in niedrigster Auflösung langsam und stetig. Währenddessen füllt sich die Guagua mit halbnassen Menschen.
»Der Regen ist bald weg«, ruft der kleine große Bruder von Maikel in den Bus und bekommt Jubel zurück, wie er Reggaeton aufdreht und der Clave, der nach Klangholz klingende Rhythmusanzeiger aller kubanischen Musik, dringt durch die Leute und lässt sie auf den Gang treten und mit angezogenen Armen auf geringem Platz tanzen, Hiesige und Deutsche. Das ist mein Hintergrund zu deinem Video, das ich auf höchster Lautstärke schaue, du kämpfst tapfer gegen die Popmusik, so wie du schreist, und dein freies Versmaß spielt mit dem Clave. Als führtest du mit Kuba den Diskurs. Kennstu das, wenn sich dein Inneres wie anschwellende Suppe anfühlt, zu warm gelagerter Eintopf, der gärt, nach oben steigt und langsam den Deckel anhebt, damit er rausgucken kann, auf die Welt, die ihn so nachlässig behandelt, die ihn verkommen lässt?
Während Maikels Bruder recht behält und der Regen schnell nachlässt, die Wolken sich über dem Meer aufsprengen wie zurückgeschlagene Weißgardisten, werde ich nach draußen gerufen, in die Sonne, die sich arbeitssüchtig sofort daran macht, Pfützen auszusaufen und den Strand trocken zu legen. Ich verweigere mich.
Alles, was ich vor Abflug gesagt habe, behält seine Gültigkeit. Ich breche nichts ab, nicht einmal zu dir. Aber was will ich dir auch helfen von hier? Díaz-Canel informieren? Die Komitees zur Verteidigung der Revolution in Bewegung setzen? Nee, du bist niemandes Aufgabe, außer meine vielleicht – weil du vergesellschaftest Privates zu privaten Zwecken –, aber im Moment habe ich keinen so sehren Kopf für einen Einfall und nicht so lange Arme für einen Eingriff und deinen Parteirauswurf aus der NP, diesem klemmfaschistischen Kellerkinderverein, den kann ich auch an den besten Tagen nicht zu betrauern aufbringen.
Ich helfe dir von hier, indem ich lerne, indem ich den Marmor bestaune, der aus dieser Insel kommt und so reichhaltig antreffbar ist, dass die Parkbänke daraus gemacht sind; edler Alltag. Ich helf dir, indem ich Marx und die Castros studiere. Indem ich feststelle, was Che sehr gut und was sehr nicht konnte. Indem ich mich an zwei Mal Reis am Tag gewöhne, an eine Kakerlake im Bett, Frösche im Klo und Vogelspinnen auf dem Flur. Indem ich lerne, mit der Hand Wäsche zu waschen, Domino zu spielen, die verschiedenen Eigentumsformen zu kennen, von staatlichen Lebensmittelfabriken, über kollektiv betriebene Bauernhöfe, bis zu Cuentapropistas, also den Soloselbstständigen. Indem ich überzuckerte und stille Limo als Koffeinersatz in der Mensa konsumiere, weil es hier auf der Insel nicht viel Kaffee grad gibt. Indem ich Ava versuche zu verstehen, auch kurz vorm Schlafengehen in unserem Zweierzimmer, wenn sie schon ihre Beißschiene drin hat und fpricht. Indem ich Mamoncillos mit den Zähnen schäle und direkt esse.
Auf der ganzen Rückfahrt wird dem Platten zum Trotz im Gang getanzt oder auf den Bänken geschlafen, es gibt nichts dazwischen, außer ich, die ich nicht wach und nicht tot bin. Den beiden Somnambulen beim Tanzdösen, Samsa und Toscha, tue ich es jedenfalls nicht gleich; ich sitze. Draußen ist es stock, Glühwürmchen fliegen an uns vorbei oder klatschen gegen den Windschutz und erlöschen jäh. Die Welt ist grausam. Sie frisst ihre Tiere. Ich denke an dich.
Deine
K
*
25. März, später, MEZ
Liebe Kira,
der Mensch ist dem Menschen ein nichtspielbarer Charakter.
Deine Genossen würden sagen, es sei sehr vulgärmenschlich von dir, an mir festzuhalten. Ich bin dir dankbar dafür, klar. Ich danke es dir gemäß, indem ich die Situation extremer mache, denn an so einem, der viel Unfug treibt, hast du Interesse. Langweiler langweilen dich, stimmt?
Es kam so: Mir wurde eine Falle gestellt. Ich hätte nicht reintappen dürfen, aber hier sind wir. Sie war eine, die ich noch von NP-Zeiten her flüchtig kenne. Eine, die sich gern als Stofftier anzieht und dann rumreicht. Der Paradiesvogel unter den Spezialisten. Die schrieb und meinte, sie sei nicht einverstanden damit, wie mich das NP hinausbefördert hätte, und dass sie den Putsch nicht mitmache. Ich könne ja mal ihren Schweif streicheln und ihr Furryfell putzen, so sehr sei sie auf meiner Seite. Ich müsste nur meine Adresse rausrücken, meine echte also. Ich also mit Appetit auf gut genährtes Plüsch mein Zerebrum heruntergefahren und getippt und verschickt. Mein Todesurteil selbst verkündet. Denn unter dem Kostüm stak die Ratte. Ich wurde denunziert, umgehend. Meine Adresse füllt jetzt das Internet. Ich höre sie schon kommen. Und ich weiß nicht, was mich mehr schrecken sollte: die Gerechtigkeitskrieger, die mich verstummen lassen wollen, oder die, die mich feiern. Ich habe ein paar unrettbar Irre unter meiner Anhängerschaft, die im Real Life zu allem fähig wären und auch für einen Mord aus Liebe zu haben wären. Ich habe die Welt zu mir eingeladen und Greiffen überäußert.
Eine schmerzhafte Antastbarkeit, denn da draußen passieren schlimme Dinge, seitdem es den Führer nicht mehr gibt. Wenigstens, du siehst, bin ich noch bei Humor.
Mein Vater, aufgeschreckt aus der suizidalen Sedierung, wurde emotional und wollte sich ernsthaft mit mir pochen, mich enterben. Aber was für Fäuste? Was für Erbe? Er kauft sich ja nicht mal die Creme, die gegen das Brennen der narbigen Handinnenflächen helfen täte, weils zu teuer ist.
Es hat hier noch mal richtig geschneit und nachts kam dann noch mal was drauf. Der Winter Anfang März war nichts dagegen. Heißt auch, dass ich Spuren im Schnee sehen kann und liegengelassene Getränkedosen. Bisher aber gab es noch nichts Nennenswertes, bis auf einen Farbbeutel an der Wand, dessen Inhalt man kaum sieht, weil er genau den gleichen Ockerton hat wie die Wand schon hatte, da muss jemand madig recherchiert haben – oder sehr präzise. Ich begreife den Spaß dahinter vielleicht einfach nicht. Wohl aber Ersteres, weil die Werfer, womöglich aus Frust, das Gartentor aus den Angeln gestampst haben. Ich werde es bei Tauwetter heilen, es sieht nicht so aus, wie als wäre da ein schwerer Schaden. Vielleicht ist das Ladenband aus dem Holz gebrochen, dann muss ich eine Latte ersetzen.
Repariert ist bereits mein Fernbleiben vom Probearbeiten in der Werkstatt: Der Geifert hat das Video gesehen und meine anfängliche Angst verstanden. Er fand es tatsächlich mehr wie amüsant. So einer ist er also, und ich dachte immer, der wäre ein Liberaler durch und durch und seine politische Partei wäre die der Nutznießer, Unterhaltsdrückeberger und Steuerfluchthelfer aller Parteien, aller Lande. »Für den Verkauf bist du jetzt verbrannt, vorne im Laden kannst du nicht stehen, wie es in der Bude zum Weihnachtsmarkt wird, darüber reden wir, wenns so weit rangerückt ist. Aber wenn ich dich hinten zu den Maschinen tu, dann sieht dich keiner und du kannst dich selber nicht einmal denken hören. Win-win.«
Also war ich gestern zur Werkstatt gestapft, hatte den Schleifer bedient und meine Fingerkuppen behalten, danach für die Drechselbank vorgebohrt und mir keinen einzigen Tunnel ins Fleisch gemacht dabei. Die Ahorn wurde anständig gelocht, das liegt halt auch in mir, will ich oder nicht. Das reichte dem Geifert, das reichte mir, wir sind uns einig. Ich bin engagiert.
Und das muss: Ein paar Plattformen lassen mich nicht mehr streamen oder Inhalte hochladen. Das Geld, das ich von Youtube erwarte, ist dem Buhei zum Trotze rapide gesunken. Andere verdienen jetzt an mir, Reagierer, Neuhochlader, Satiriker, Politikergeschmeiß. Ich habe mich nackt gemacht und bin dabei zur Kategorie, zur Suchanfrage geworden. Das ist der kostspielige Aufstieg an die Oberfläche. Ich warte auf Rückfluss.
Ich habe natürlich, wenn ich so etwas schreibe, deine Stimme im Kopf, die mir Schindluderei vorwirft. Du klingst müder wie früher, aber auch wohliger. Vielleicht, weil dir dein proletarischer Internationalismus, dein protestantischer Infantilismus, dein zentralkomischer Bildungskampfeinsatz so gut schmeckt. Oder weil mehr Zeit zwischen uns kommt, und alle Erinnerung ist mit Filtern überlegt und klingt mit Timbre nach, wenn man es später wiederholt. Die Bilder grobkörnig, entsättigt und scope.
Wo wir wären: Erinnerst du dich noch an den einen Urlaub, den wir hatten? Unser Kap Real? Eine Augustwoche Ostsee, mieses Wetter, klamme Sachen und das undichte Zelt. Wir haben eigentlich nur Musik gehört, bis uns auch die Box absoff. Ins Meer gehen war eine Mutprobe, ich wäre vor Wellen fast ersoffen, du hattest vor Sturheit so etwas wie Erfrierungen. Wir wollten für unser Geld wenigstens nichts bekommen, wenn uns nichts angeboten wurde, also zogen wir durch. Uns leckten die Nasen, wir hatten zusammen bestimmt anderthalb Erkältungen, aber wenn wir zusammenlagen, dann waren wir Kern und Fleisch von einem Schimmel ansetzenden Pärchenschlafsack und da kann passieren, was da draußen auch passieren wolle, wir waren da, wir mussten nur miteinander durchhalten. Ich prüfte eega und im Scherz deine Lebendigkeit und drückte deine weichen Stellen, die du hier und da hast, vor allem die grübchenverzierten Wangen, die so rosig waren vom Klima. Dich hat das irgendwann gestört und eigentlich gingen wir uns ja auch ziemlich auf den Sack in der unwirtlichen Situation. Wir würden hagelblöde von der Kälte und fies von den Dosenravioli, die wir aßen, um Geld zu sparen. Manchmal funkelten deine Augen so wie die von einem Japaner, dem die Maschine nicht zum Kamikazeeinsatz anspringen will oder einem Afrikaner, der in Griechen- bleiben muss und nicht weiter nach Deutschland darf oder ein Kind, das zu viel Adrenochrom spenden musste und auf die versprochene Ausdemkellerlassung harrt. Du warst dann manchmal ganz schön garstig. Das war Kirabulistik, wie du das nanntest.
Das Fischrestaurant, in dem wir zur Abwechslung und zum Aufwärmen essen gegangen sind am vorvorletzten Abend, war voller nichtskönnender Kellnerinnen, das Lachsfilet schmeckte so furchtbar, man wollte aktiv werden gegen das Fischen. Wir haben so sehr gelacht über das Fiasko, dass man uns beim Zahlen bat, nicht wiederzukommen. Nichts lieber wie das.
An dem Abend durfte ich mit deiner Zulassung deine Grübchen fingern, die vom Lachen so tief waren, meine Daumen passten perfekt. »Wenn du noch fester drückst, landest du erst in den Eiterbeuteln meiner ziemlich angeschwollenen Nasennebenhöhlen und dann in meinem Hirn«, hast du gesagt, es nicht böse gesagt, sondern an mir vorbei, wissenschaftlich-offiziös, das Gesagte gestisch nachzeichnend: »Wenn das Internet mir keine Lügen erzählt hat, dann erwischst du wahrscheinlich als Erstes meinen Temporallappen. Dann bist du mitten in meinem Gedächtnis, bist meine Sprache und mein Gehör. Und dann«, hast du gesagt und dir das Jackenknäuel, das du als Kissen hinter dem Kopf klemmen hattest, zurechtgequetscht, und fuhrst fort: »dann kommts drauf an, wo du hinwillst: nach unten, da ist der Hinterhauptlappen und du bist mein Sehen; oder du gehst in den Hirnteil, der Scheitellappen heißt und wo du auf Sensorik, Denken in Räumen, Rechnen und Lesen stößt; da drüben ist der primäre dingsdasomatische Kortex, dann würde ich durch dich meinen Körper wahrnehmen; stoß nach oben und treff gut und da ist dann die primärmotorische Rinde und du bist meine Bewegung; oder mach Unmögliches und schraub dich so hakenförmig hoch zur Stirn, eigentlich genauso, wie du immer versuchst, es mir besonders aufregend mit der Hand zu machen, so halt – wenn du da ankommst, hinter meiner Stirn, dann steckst du in meiner Persönlichkeit und wie ich mich in der Gesellschaft gebe. Du wärst ein richtiger Greiffner Spielzeugmacher und ich deine hypermobile Klapperpuppe haitianischer Art. Zombieapparat.«
Ich habe eben nachgeschaut und bin ziemlich der Meinung, dass du damals alles neuroanatomisch korrekt wiedergegeben hast, was du online recherchiert hast.
»Aber dann ist doch alles kaputt nach dem Rumstochern«, habe ich lachend gesagt, und du hast, auch lachend, gesagt: »Ja. Das ist etwas, was du nicht ohne Totalschäden könntest. Aber eine Lobotomie, die brächtest du mit Sternchen.« Und nanntest mich Lobo-Tommy. Und bist raus in den Regen zum Campingplatzklo.
Was ich noch nicht kann: Ich überlege den Verkauf meines Equipments, damit ich Schulden bei meinem Vater abbezahlen kann und damit es ruhiger wird. In einer knappen Woche sind wir ja Kollegen, Vater und ich. Dem Arbeitsklima täte das helfen. Dem zwischen uns befindlichen Weltklima vielleicht auch, nur ist da die Zuständigkeit noch ungeklärt.
Was machst du? LG, B
Ken Merten, Jahrgang 1990, ist Autor und Journalist und lebt in Leipzig. Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle in der Ausgabe vom 23./24. August 2025 die Reportage »Doom macht glücklich«
Ken Merten: Kleiner als drei. XS-Verlag, Berlin 2026, 264 Seiten, 26 Euro
Lesungen11. April, Wien, Erdstall (genaue Adresse Mail an: kontakt@xs-verlag.de), 20 Uhr24. April, Leipzig, Buchhandlung el libro, Bornaische Str. 3 d, 20 Uhr21. Mai, Berlin, Kultur- und Schankwirtschaft Baiz, Schönhauser Allee 26A, Offizielle Buchpremiere, Moderation: Kristin Bönicke, 19.30 Uhr11. Juni, Nordendorf, Kulturwirtschaft Walden, Burgstraße 5, 20 UhrProbeabo
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