Die Russen kommen
Von Gisela Sonnenburg
Endlich sind sie wieder da: die Russen im Publikum vom Staatsballett Berlin. Sie bringen gute Stimmung und höchste Konzentration mit, zumal in keinem anderen Land das Ballett ein so hohes Ansehen genießt wie eben in Russland. Von dort stammte auch Nurejew, Titelheld des neuen Berliner Tanzknüllers. Der echte Rudolf Nurejew war der berühmteste Ballerino seiner Zeit, er wurde in der Tanzgeschichte zur Legende. Skandalregisseur Kirill Serebrennikow und Starchoreograph Jurij Possochow inszenierten 2017 dieses Megaspektakel am Bolschoi-Theater in Moskau. Noch vor der Generalprobe wurde der Termin der Uraufführung wegen zuviel Nacktheit um einige Wochen verschoben. Dann aber lief das Stück fünf Jahre am Bolschoi. Was insofern ungewöhnlich ist, als Neuproduktionen an Opernhäusern normalerweise weltweit nur ein bis zwei Spielzeiten am Stück laufen.
Jetzt ist »Nurejew« mit 141 Darstellern auf der Bühne in der Deutschen Oper Berlin gelandet. Zu Recht sind die kommenden Vorstellungstermine ausverkauft. Es ist einfach toll, das brisante Leben des Tanzstars in einer tänzerischen Collage mitzuerleben. David Motta Soares, der als Brasilianer in Moskau tanzte und am Bolschoi einst die vierte Besetzung der Hauptpartie war (dort aber nie zum Einsatz kam), tobt sich in der Titelpartie herrlich aus. Obwohl er von der Physiognomie her groß und schlaksig ist und Nurejew eher klein und stämmig war, verströmt Motta Soares die Aura eines exhibitionistischen, in jedweder Hinsicht unverschämten Superstars.
Wir sehen ein aufregendes Leben voller Arbeit, Kunst und Liebe: das Tanzstudium an der renommierten Waganowa-Akademie in Leningrad, den Sprung in den Westen während eines Gastspiels des Bolschoi 1961 in Paris. Die berauschenden Erfolge als »Schwanensee«-Darsteller. Die Beziehung zum Liebhaber und Tanzkollegen Erik Bruhn. Die Bühnenpartnerschaft mit der Ballerina Margot Fonteyn. All das zieht als bunter Bilderbogen gleichwohl eindringlich an uns vorbei. Bis hin zu Phantasieszenen Nurejews, in denen er sich karnevalesk als Sonnenkönig inszeniert.
Im Darkroom – mit halbnackten Jungs in schwarzem Leder ästhetisch inszeniert – steckt sich der im übrigen bisexuelle Nurejew mit AIDS an. Als weißer Pierrot, seiner Paraderolle als »Pierrot Lunaire« nachgefühlt, zappelt und wirbelt er zunächst noch über die Bühne, bricht dann aber zusammen. Nurejew, am Ende todkrank und ein wandelndes Wrack, beginnt mit Turban auf dem Kopf eine letzte Karriere: als Dirigent. Bis das Orchester verstummt, dirigiert er einige Takte aus »La Bayadère«, dem letzten Ballett, das Nurejew als Choreograph noch selbst auf die Bühne brachte, bevor er im Januar 1993 verstarb.
Der erste Teil wirkt operettenleicht, der zweite tragödiengewichtig. Gerade richtig. Nur die Beziehung zu seiner Mutter, die Nurejew 1986, als sie todkrank war, mit einem Sondervisum in die Sowjetunion einreisen ließ, fehlt in diesem Ballettbiopic komplett, ebenso Rudis Affären mit Frauen, etwa mit einer Schwester von Jacqueline Kennedy.
Als Rahmenhandlung aber zieht sich – was sehr geschickt gemacht ist – die Nachlassauktion, die es drei Jahre nach Nurejews Tod bei Christie’s in London gab, wie ein roter Faden durch das turbulente Stück. Der hervorragende Schauspieler Odin Lund Biron spielt auf englisch den Auktionator, aber auch den Fotografen Richard »Dick« Avedon, der sich von Nurejew zu heißen Fotos mit viel nackter Haut animiert fühlte. Schließlich tanzt der Ballettmann nackt im Pelz auf dem Tisch, als Darling des Jetsets.
Zwischendurch wird immer mal wieder ein Lot der Auktion vorgestellt. Etwa eine Notiz, die Nurejew auf das Briefpapier eines kanadischen Krankenhauses schrieb, als sein Liebster Erik Bruhn an Lungenkrebs starb. Oder die Briefe von Bewunderern aus der Ballettwelt an das Idol Nurejew. Die Musik von Ilja Demutzki illustriert mit vielen Zitaten aus der Klassik, deren Harmonie oft heftig und schräg gebrochen wird. Fazit: Ein Kultstück über einen Kultstar. Echt russisch, könnte man sagen.
Nächste Aufführungen: 25.3., 30.3., 1.4.
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